Susanne Lange

geboren 1964 in Berlin, lebt in Barcelona. Für ihre Übersetzungen aus dem Spanischen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt das Zuger Übersetzerstipendium für ihre Neuübersetzung des Don Quijote (2003), den Hieronymusring (2007) und den Johann-Heinrich-Voß-Preis (2009). 2010/2011 war sie August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören u.a. Fernando del Paso, Federico García Lorca, Octavio Paz, Carmen Laforet, Juan Rulfo und Javier Marías.


Interview mit Susanne Lange zu ihrer Übersetzung von Juan Gabriel Vásquez’ Das Geräusch der Dinge beim Fallen (2014)

Susanne Lange, als Übersetzerin aus dem Spanischen sind Sie vielfach ausgezeichnet worden, vor allem für Ihre hochgelobte Neuübersetzung des großen europäischen Klassikers Don Quijote. Ist es sehr anders, einen lebenden Autoren zu übersetzen als einen Klassiker wie Don Quijote, und wenn ja, worin besteht für Sie der größte Unterschied?

Jede Übersetzung wirft unterschiedliche Schwierigkeiten auf und bietet andere Herausforderungen, aber natürlich ist es ein Unterschied, ob man einen zeitgenössischen oder einen klassischen Autor übersetzt. Bei den Klassikern ist das Übersetzen auch eine kleine Reise durch die eigene Sprache: Man gräbt tief hinein in die zeitlichen Schichten des Wortschatzes und fördert dabei oft ganz Unerwartetes zu Tage. Gerade die Bildkraft und Wortspielerei des Barock kann dabei auch die zeitgenössische Sprache mit anschaulichen Formulierungen bereichern. Das kommt auch der Übersetzung moderner Autoren zugute. Gerade die lateinamerikanischen Autoren von heute haben sich ja im Gegensatz zu vielen spanischen Schriftstellern einen guten Teil des sprachlichen Erbes des Barock bewahrt. Juan Gabriel Vásquez orientiert sich allerdings mehr an englischsprachigen Autoren und ihrem knappen, direkten Stil, also das Gegenteil der wuchernden barocken Satzgebilde. Gerade dieser stilistische Unterschied ist für mich als Übersetzerin sehr reizvoll.  Vásquez’ Sätze muss man immer wieder beschneiden, damit sie ihre Wirkung entfalten. Dabei ist es natürlich sehr hilfreich, Rücksprache mit ihm als lebendem Autor halten zu können und sich zu vergewissern, dass dabei keine Nuance unter den Tisch fällt.

Juan Gabriel Vásquez, den Mario Vargas Llosa als einen der bedeutendsten lateinamerikanischen Autoren der jüngeren Generation bezeichnet hat, lebt jetzt wieder in Bogotá, hat aber einige Jahre in Barcelona gelebt, wo auch Sie wohnen. Haben Sie sich dort häufiger ausgetauscht?

Ja, wir haben uns ab und an getroffen, aber nur, um uns über Literatur, Kolumbien und alles Mögliche zu unterhalten. Solche Treffen betten die Werke in einen Kontext ein, der bei der Übersetzung im Hintergrund mitwirkt. Aber konkrete Übersetzungsfragen lassen sich doch besser schriftlich besprechen, damit Zeit zum Nachlesen, Nachschlagen, Überlegen bleibt. Je besser man sich kennt und je mehr Fragen man schon gestellt hat, desto besser kann der Autor nachvollziehen, worin genau das Übersetzungsproblem besteht. Bei Juan Gabriel hat sich das beim nun schon vierten Buch sehr schön eingespielt.

Der Titel des Romans deutet schon an, dass es darin um das Fliegen und um Abstürze geht – sowohl in buchstäblicher als auch in metaphorischer Hinsicht. Gab es beim Übersetzen mit Begriffen aus dieser Bilderwelt Schwierigkeiten, und wenn ja, wie haben Sie sie gelöst?

Das Abstürzen und Fallen muss natürlich metaphorisch auf verschiedene Bereiche anwendbar sein: auf den konkreten Flugzeugabsturz, um den es im Roman geht, aber auch auf den Absturz und den Fall der Romanfiguren, die mitsamt ihren Erfahrungen ins Leere stürzen. Diese Doppeldeutigkeit zu bewahren, war für mich besonders wichtig. In dieser Hinsicht bietet das Deutsche zum Glück eine ähnliche Metaphorik, ja das Verb "fallen" lässt sich sogar noch breiter einsetzen als im Spanischen, so dass die kleinen persönlichen Abstürze im Roman im Deutschen auch sprachlich noch weiter unterfüttert werden können.

Das Geräusch der Dinge beim Fallen beschreibt das Gefühl der jüngeren Generation, die von den Drogenkriegen gezeichnet und traumatisiert ist. Wie gelingt es dem Autor, diesen harten Stoff literarisch zu verarbeiten?

Juan Gabriel Vásquez schickt den Leser zusammen mit dem Erzähler auf eine Reise in die Vergangenheit. Der Protagonist ruft Altbekanntes wieder wach, macht neue Entdeckungen und führt sich erst im Rückblick die Zusammenhänge von Kolumbiens jüngster Geschichte vor Augen. Der Leser kann ihn bei diesem Prozess begleiten, kann mit ihm entdecken, sich mit ihm wundern und fürchten. Dabei sind es gerade die Details, die persönliche und allgemeine Geschichte verbinden, wie z.B. das immer wiederkehrende Motiv der Nilpferde von Pablo Escobars Privatzoo, der einst die größte Attraktion für Kinder war und nun verwahrlost dahinvegetiert. Diese Art der Erzählung macht den Roman so ungemein anschaulich und packend.

(Dezember 2014)