Ulrike Almut Sandig: Flamingos

Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage 2010

Silberschweinpreis
der lit.COLOGNE 2010

Märkisches Stipendium für Literatur 2012

www.ulrike-almut-sandig.de

Ulrike Almut Sandig
Flamingos

Geschichten

176 Seiten. Leinen.
€ 17,90   €[A] 18,40   
ISBN: 978-3-89561-185-8

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Irina ist wieder zurück. Ich bin ihr so böse wie am Tag ihrer Abfahrt. Trotzdem stand ich am Fenster, als Vater und sie endlich auftauchten. Unser Fiat fuhr hinter der Gartensiedlung entlang und wurde dabei größer und größer. Eigentlich sah ich nur das grüne Autodach und die Fenster. Hinter den Fenstern sah ich nichts, weil es im Auto zu dunkel war. Fast schwarz. Zweimal verschwand der Fiat hinter den hohen Hecken der Gärten. Dann fuhren sie auch da vorbei und bogen rechts ein.
Unser Block ist der einzige am Dorfrand, er ist für Zugezogene wie Vater, Irina und mich. Wir sind Zugezogene, seit Mama zurückgezogen ist. Für mich ist Mama schon immer zurückgezogen. Schon immer heißt, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie genau sie gerochen hat, außerdem nicht an ihre Stimme und nicht daran, wo wir gewohnt haben, als Mama noch mit uns zusammen war. Vater sagt auf Deutsch, das sei in der Stadt und ich noch zu klein gewesen, zu klein zum Erinnern. Irina sagt auf Russisch: Vergiss es, kleine Malve. Die ist viel zu weit weg. Besser, du hast ein schlechtes Gedächtnis. Du hast dich dran gewöhnt, weil du dich nicht richtig an sie erinnern kannst. Ich, sagt Irina, hab mich nicht dran gewöhnt. Die ganze Zeit über habe ich mich nicht dran gewöhnt, dass Mama zurückgezogen ist, sagt sie. Und zurück heißt: ans Schwarze Meer. Obwohl Mama schon lange dort ist, spricht Irina russisch mit mir. Wir sind doch zur Hälfte vom Schwarzen Meer, sagt sie.
Das Schwarze Meer grenzt an Russland und ist so weit weg, dass dort Malven blühen, wenn hier noch Schnee liegt. In der Sonne glitzert das Wasser schwarz wie Sonnenbrillenglas, und der Himmel ist himmelblau. Man geht andauernd schwimmen und man isst Fische, die wir hier noch nie gesehen haben. Seit Mama im Schwarzen Meer schwimmt, haben wir sie nicht wieder gesehen. Die ist zu weit weg, um einfach hinzufahren, sagt Vater. Man müsste ein Flugzeug nehmen. Mama ist also weg. Und jetzt ist Irina ohne mich weg gewesen. Einen ganzen Winter lang. Irina käme bald zurück, hatte Vater gesagt. Irina sei in der Klinik. Ich habe das sowieso nicht geglaubt. Welche Klinik? Irina war am Schwarzen Meer. Am Schwarzen Meer wohnt Mama. Irina war dort und ich dachte, vielleicht kommt auch sie nicht mehr zurück. Jetzt ist sie aber hier.
Vater fuhr so langsam, als habe er etwas im Kofferraum, das leicht kaputtgehen konnte, rohe Eier vielleicht oder ein Meerschweinchen für mich, als Geschenk von Mama. Die Reifen knirschten auf dem Parkplatz und Vater stellte den Motor ab. Von außen kann man nicht durch die Gardinen schauen, von innen aber schon. Über dem Beifahrersitz erkannte ich Irinas schwarzen Zopf. Sie stiegen nicht gleich aus. Durch die dunklen Scheiben sah ich Irina geradeaus schauen, obwohl vor dem Auto nichts weiter als der Lattenzaun war. Vater drehte ihr sein Gesicht zu. Hat er was gesagt? Eine Weile blieben sie so. Keiner hat sich bewegt, nicht einmal ich. Dann drehte sie den Kopf weg und drückte die Tür auf.
Im Kofferraum lag nur ihre Sporttasche und nichts weiter. Sie ist silbern und rot und so groß, dass Irina sie nur für den Urlaub nimmt. Normalerweise fahren wir zusammen weg. Vater, Irina und ich, aber am Schwarzen Meer waren wir nie. Am Schwarzen Meer gibt es kilometerlange Flaniermeilen mit Palmen. Ich war noch nie auf einer Flaniermeile. Mama schickt uns viele Briefe. Manchmal ist ein Foto dabei. Ihr blasses Gesicht mit dem pechschwarzen Zopf vor einem Geländer aus weißem Stein, und dahinter das Schwarze Meer. Bald lade ich euch zu mir ein, schreibt sie mit großen geschwungenen Kugelschreiberlinien. Dann gehen wir zusammen schwimmen und danach backe ich uns einen Fisch. Das Schwarze Meer ist eigentlich blau, aber es glitzert schwarz. Genau wie Mamas Haar. Irina hat Mamas Haar. Ich bin schneeblond. Klingt besser als wasserstoffblond. Du, kleine weiße Malve, kommst mehr nach Vater, sagt Irina auf Russisch. Aber der hat mich nicht ans Schwarze Meer geschickt, nur Irina mit ihrem schwarzen Mamazopf. Irina wird immer dünner, deswegen kommt sie ins Krankenhaus, hatte Vater sich herausgeredet. Irina würde zu wenig essen. Was ja stimmte. Irina hatte aber wegen des Schwarzen Meers zu wenig gegessen. Wegen des Schwarzen Meers und wegen ihres schwarzen Haars, das aussieht wie das von Mama. Irina hatte bloß Reisefieber. Jetzt standen beide vorm Haus und blinzelten hoch. Ich zog schnell die Gardine zu.

Rezensionen

»Tatsächlich sind ihre Texte so lebendig, so anschauungsgesättigt (...)«
Sibylle Cramer, Süddeutsche Zeitung

»Können Lyriker Prosa schreiben? Nein, sagt das Vorurteil. Ja, beweist Ulrike Almut Sandig.«
Spiegel Online

»Sandigs Geschichten haben eine Märchenebene; sie bewegen sich auf diversen Anspielungsfeldern, vermischen Surreales, Unwahrscheinliches und Mögliches auf plausible Weise. Sorgfältig gebaut sind sie dennoch.«
Christoph Schröder, Frankfurter Rundschau

»Wohltuend heben sie sich von vielen der psychologisch grundierten, oft allzu selbstreferentiellen Prosaexerzitien der jungen zeitgenössischen Literatur ab.«
Cornelia Staudacher, Deutschlandradio

»Ein starkes Prosadebüt.«
DRS

»Sie ist keine polternde Schreiberin, sondern eine leise, aber intensive Prosa-Poetin. Mit FLAMINGOS spielt sie nun wohl in ihrer ganz eigenen Liga.«
ORF

»Sie vermischt gekonnt Reales und Märchenhaftes, Erfundenes und Wirkliches. Fließend sind hier die Übergänge zwischen Realität und Fiktion. Dabei wird nie mit plakativen Effekten gearbeitet (...).«
MDR

»Sandigs Prosa, die kunstvoll ist und nichts Gekünsteltes hat. Jedes Wort mit Bedacht gesetzt und dabei von beneidenswerter Leichtigkeit.«
Irmtraut Gutschke, Neues Deutschland

»Sandigs Erzählband FLAMINGOS macht neugierig auf mehr Texte, die Sandig als Prosaautorin hoffentlich bald vorlegen wird.«
Andreas Puff-Trojan, SWR 2

»FLAMINGOS wartet mit elf überraschenden Erzählungen auf, die sich allesamt durch ihre atmosphärische Dichte auszeichnen, von deren Grund ein feiner melancholischer Ton herauf klingt.«
Beat Mazenauer, Der Bund

»Es sind die poetisch ausgewogenen Formulierungen, die an den insgesamt elf Erzählstücken bestechen und ihnen eine unverwechselbare Prägung verleihen.«
Ulf Heise, Märkische Allgemeine

»Das Wunderbare an diesen Geschichten ist (...), dass sie ihr Geheimnis bewahren, nicht alles aufgelöst wird. So (...) bewegen sie sich nach dem Lesen in uns weiter.«
Dresdner Neueste Nachrichten

»Ulrike Almut Sandig bringt in den elf Geschichten ihres Prosadebüts FLAMINGOS ihr Handwerkszeug auf ebenso überzeugende wie überraschende Weise zum Einsatz. (...) Sehr gelungen.«
Tip

»Sandigs Geschichten sind traurig, manchmal auch traurig und schön, sie sind märchenhaft alltäglich, versponnen manchmal, aber vor allem: lebendig.«
SAX Dresdner Stadtmagazin

»Ulrike Almut Sandig erzählt Geschichten, die verwundern, verstören und bis ins Zentrum der Poesie reichen.«
The Daily Frown

»Mit FLAMINGOS ist Sandig ein lesenswertes Debüt gelungen, das man nicht so schnell vergisst.«
Frauke Lengermann, Die Berliner Literaturkritik

»Ulrike Almut Sandig führt in ihrem Erzahldebüt gekonnt vor, wie das Innenleben die Außenwelt mit erschafft.«
Christoph Schreiner, Saarbrücker Zeitung

Außerdem erschienen von Ulrike Almut Sandig

Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das VerschwindenUlrike Almut Sandig: DickichtUlrike Almut Sandig: GrimmUlrike Almut Sandig: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt