Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz

Tadeusz Borowski
Bei uns in Auschwitz

Erzählungen
Aus dem Polnischen von Friedrich Griese

424 Seiten. Gebunden.
€ 24,90   €[A] 25,60   
ISBN: 978-3-89561-329-6

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Schillingers Tod

SS-Oberscharführer Schillinger erfüllte im Jahre 1943 die Aufgaben eines Lagerführers, seinem direkten Befehl unterstand das Männer-Arbeitskommando im Abschnitt D des Lagers Birkenau, das zu dem riesigen Komplex größerer und kleinerer Lager gehörte, die über ganz Oberschlesien verstreut waren und administrativ dem zentralen Konzentrationslager in Auschwitz unterstanden. Schillinger war recht klein und untersetzt. Er hatte ein feistes, aufgedunsenes Gesicht und flachsblondes Haar, das er glatt an den Schädel gekämmt trug. Die blauen Augen waren immer ein wenig zusammengekniffen, die Lippen zusammengepreßt, und die Wangen zuckten ein wenig in einem nervösen Krampf. Auf sein Äußeres legte er keinen Wert, und ich habe nie gehört, daß er sich von Prominenten hätte bestechen lassen.
Schillinger herrschte aufmerksam und ungeteilt über das Lager D. Rastlos radelte er auf den Lagerwegen umher und tauchte immer genau dort auf, wo man ihn am wenigsten gebrauchen konnte. Der Hieb seiner Hand war wuchtig wie ein Knüppel, spielend zerschlug er einen Kiefer, und wo er hinschlug, floß Blut.
Seine Wachsamkeit war unermüdlich. Oft visitierte er andere Abschnitte des Lagers Birkenau und verbreitete panischen Schrecken unter den Frauen, den Zigeunern und den Prominenten von der Effektenkammer, dem wohlhabendsten Abschnitt von Birkenau, wo die Habseligkeiten der Vergasten aufgewahrt wurden. Er beaufsichtigte auch die innerhalb der großen Postenkette arbeitenden Kommandos und durchsuchte unverhofft die Kleider der Häftlinge, die Schuhe der Kapos und die Brotbeutel der SS-Leute. Auch besuchte er die Krematorien, und gern schaute er zu, wie die Menschen in die Gaskammern getrieben wurden. Sein Name wurde oft zusammen mit den Namen Palitsch, Krankenmann und vielen weiteren Auschwitzer Mördern genannt, die sich damit brüsteten, höchstpersönlich mit der Faust, dem Knüppel oder der Waffe Zigtausende von Menschen umgebracht zu haben.
Im August 1943 wurde im Lager gemunkelt, Schillinger sei unter ungeklärten Umständen umgekommen. Angeblich authentische Berichte über den Vorfall unterschieden sich diametral. Persönlich würde ich dazu neigen, einem bekannten Vorarbeiter vom Sonderkommando zu glauben, der sich eines Nachmittags zu mir auf die Pritsche setzte, um auf Kondensmilch aus dem Magazin des Zigeunerlagers zu warten, und mir über den Tod des Oberscharführers Schillinger folgendes berichtete:
»Am Sonntag, nach dem Mittagsappell, kam Schillinger auf den Vorplatz des Krematoriums gefahren, um unseren Chef zu besuchen. Aber der Chef hatte keine Zeit, weil gerade die ersten Lastwagen von der Rampe kamen, mit dem Transport aus Bendzin. Du weißt ja selbst, Kumpel, daß es eine schwere Arbeit ist, die viel Takt erfordert, den Transport auszuladen, den Leuten zu sagen, daß sie sich ausziehen sollen, und sie dann in die Kammer zu treiben. Jeder weiß genau, daß es, bevor die Leute nicht in der Kammer eingesperrt sind, verboten ist, die Klamotten der Leute anzugaffen, darin herumzustöbern oder gar die nackten Frauen anzufassen. Schon der Befehl, daß die Frauen sich zusammen mit den Männern ausziehen sollen, ist für die Leute im Zugang ein enormer Schock. Dann wird das System der Eilbedürftigkeit angewandt, man tut so, als gäbe es bei dem angeblichen Bad einen Haufen Arbeit. Übrigens muß man sich wirklich beeilen, wenn man es schaffen will, einen Transport zu vergasen und die Leichen aus der Kammer zu räumen, bevor der nächste kommt.«
Der Vorarbeiter stand auf, setzte sich auf das Kissen, ließ die Beine vom Pritschenrand baumeln, steckte sich eine Zigarette an und erzählte weiter:
»Wir hatten also den Transport aus Bendzin und Sosnowitz. Diese Juden wußten genau, was sie erwartete. Die Jungs vom Sonderkommando waren aufgeregt, einige stammen aus der Gegend. Es kam vor, daß man im Transport auf Verwandte oder Bekannte stieß. Mir selbst ist es auch schon passiert...«
»Ich wußte nicht, daß du aus der Gegend bist. An deiner Aussprache merkt man es nicht.«
»Ich habe in Warschau Pädagogik studiert, ist schon fünfzehn Jahre her. Dann bekam ich eine Stelle am Gymnasium Bendzin. Man hat mir vorgeschlagen, ins Ausland zu gehen, aber ich wollte nicht. Wegen der Familie, verstehst du? Und so kam es dann.«
»Und so kam es dann.«
»Der Transport war unruhig, weißt du, das waren keine Kaufleute aus Holland oder Frankreich, die im Lager ein Geschäft für die Internierten in Auschwitz aufmachen wollten. Unsere Juden wußten, woher der Wind weht. Deshalb war auch ein ganzer Haufen SS-Leute da, und Schillinger, als er sah, was los war, zog den Revolver. Alles wäre glattgelaufen, doch Schillinger verguckte sich in eine Frau, wirklich eine klassische Schönheit. Bestimmt ist er deshalb gekommen, den Chef zu besuchen. Er ging also zu der Frau und packte sie am Arm. Im selben Moment bückte sich die nackte Frau, nahm eine Handvoll Sand und schleuderte sie Schillinger in die Augen. Er schrie auf vor Schmerz und ließ den Revolver fallen, die Frau fing die Waffe auf und schoß Schillinger mehrmals in den Bauch. Auf dem Platz entstand Panik. Die Nackten rannten schreiend auf uns zu. Die Frau schoß noch einmal, aber jetzt auf den Chef, und verwundete ihn im Gesicht. Da nahmen der Chef und die SS-Leute Reißaus und ließen uns allein. Aber wir wußten uns Gott sei Dank zu helfen. Wir trieben den Transport mit Knüppeln in die Kammer, schraubten die Tür zu und gaben der SS Bescheid, das Zyklon einzuwerfen. Wir hatten schließlich einige Übung.«
»Ist mir bekannt.«
»Schillinger lag auf dem Bauch und krallte vor Schmerz seine Finger in die Erde. Wir hoben ihn auf trugen ihn ohne besondere Rücksicht zum Auto. Die ganze Zeit jammerte er mit zusammengebissenen Zähnen: ›O Gott, mein Gott, was hab ich getan, daß ich so leiden muß?‹«
»Dieser Mensch hat also bis zuletzt nichts kapiert«, sagte ich kopfschüttelnd. »Was für eine merkwürdige Ironie des Schicksals.«
»Was für eine merkwürdige Ironie des Schicksals«, wiederholte der Vorarbeiter versonnen.
Eine wahrlich merkwürdige Ironie des Schicksals: Als kurz vor der Evakuierung des Lagers die Juden vom Sonderkommando aus Angst vor der Erschießung einen Aufstand in den Krematorien entfesselten, die Bauten in Brand steckten, die Drähte durchschnitten und in die Felder flüchteten, nahmen einige SS-Männer sie unter MG-Feuer erschossen sie bis auf den letzten Mann.

Rezensionen

»Das Erschreckende an diesem Buch: Auschwitz erscheint als natürliche Fortsetzung unserer Lebensweise, als eine bis ins Absurde verstiegene Normalität.«
Olga Martynova, DIE ZEIT

»Wem es hier nicht kalt über den Rücken läuft, der weiß nicht, was aufregende, verrückte, amoralische, zeitlose Literatur ist.«
Maxim Biller, Der Spiegel

»Klare, selbstquälerisch gnadenlose Erzählungen.«
Imre Kertész

»Wie kein anderer veranschaulicht Borowski die Selbstverständlichkeit und Verrohung, mit der man nach einer Weile das Unvermeidliche hinnimmt.«
Ruth Klüger, Literaturen

»Wie sehr Tadeusz Borowski darin geübt war, Stimmungen und Zustände anhand weniger Gegenstände oder Metaphern darzustellen, zeigt sich auch in seinen Erzählungen.«
Franziska Augstein, Süddeutsche Zeitung

»Borowski beschreibt die Realität deutscher Konzentrationslager mit einer Härte, aber auch mit einer Meisterschaft, die ohne Beispiel ist.«
Marta Kijowska, Neue Zürcher Zeitung

»Borowski muß man immer wieder lesen. Unstrittig ragt sein Erzählband über Auschwitz als provozierender Solitär aus dem Kanon der Holocaust-Literatur hervor.«
Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur

»Borowskis Gedichte und Erzählungen werden als wichtiger Teil der Weltliteratur die Zeiten überdauern. (...) Ein Meilenstein in der Literatur über Auschwitz.«
Arno Lustiger, Die Welt

»Borowskis unvergleichliche Erzählungen liegen nun endlich vollständig in einer sehr gelungenen Übersetzung vor.«
Stefan Berkholz, WDR3

»Borowskis Erzählungen über das Lagerleben gehören zu den bedeutendsten und verstörendsten literarischen Zeugnissen der Schreckensherrschaft der Nazis und ihrer Vernichtungsmaschinerie.«
Florian Hunger, Jüdische Zeitung

»›Ein wichtiges Buch‹. Dieses hier ist es in solch grundsätzlicher Weise, wie Kunst überhaupt nur auf Leben antworten, ja, Leben als solches erfahrbar machen kann.«
Nikolai B. Forstbauer, Stuttgarter Nachrichten

»Borowski beschreibt mit harten, klaren Worten das Leben im Untergrund und im Lager.«
Georg Patzer, literaturkritik.de