Svenja Leiber
Schipino

Roman

208 Seiten. Gebunden
€ 18,95   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-206-0

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Zwei Wege, die sich ineinanderwühlen, weit hergekommen, durch sumpfige Wälder planiert, und hier ein richtungsloses Schlammkreuz, Mitte von etwas, Dorfplatz von Grischkowo, Zentrum einer tausend Hektar großen Brache. Am Wegrand eine Gänseschar, das Federvieh mit gereckten Hälsen in betäubendem Gezeter, etwas stört: ein fernes Hämmern, zwei Mädchen am Zaun, eine junge Frau, die mit ihrem Hund vom Wald her auf die Kreuzung zugeht.
Lilja Leonidowna ist lang nicht hier gewesen. Sie schnalzt das Tier heran, übersieht die Mädchen und fixiert die Gänse, die für Momente verstummen und jede ein rundes Auge auf sie richten. Wieder fängt eine an zu schreien, die andern fallen ein, machen sich gegenseitig Angst. Eine lärmende Rotte, die mit kneifenden Schnäbeln Grischkowo besetzt.
Lilja nimmt den Hund am Strick und zieht ihn zum Eingang des Ladens, der auch die Post ist und früher einmal die Kantine war, von der jetzt aber nur noch die Tische übrig sind. Der Wagen der Verkäuferin steht auf dem Spielplatz gegenüber. Der Asphalt unter den Kinderschaukeln ist durchgescheuert vom jahrelangen Hin und Her – unter jeder Schaukel ist ein Loch voll Tauwasser. Es ist Ende März und überraschend mild, so mild, dass schon die ersten Weiden graue Blüten treiben.

Im Laden riecht es nach Kohl und Mäusen. Im hinteren Teil fehlen die Bodenbretter, aber Strom gibt es noch und darum auch den Laden mit der Verkäuferin. Denn wo noch Strom fließt, da lebt auch noch einer. Der Elektrizität halten alle die Treue. Sie glüht als Heizstab über der Tür, hält den Kühlschrank am Laufen, ein Radio, die Kasse und ein Licht. Das Ganze bunt und fast beruhigend: Schokolade, Mehl, Pflaster, Tassen, Konserven, Schminke und Fisch, den ein kleinköpfiger Fischer unter dem letzten Eis des nahen Sees hervorgezogen hat.
»Jetzt haben wir also wieder Erscheinungen«, sagt die Verkäuferin Anja Andrejewna. Sie steht beim Fenster und beobachtet die Kreuzung. Sie sieht aus, als habe sie sich für heute besonders zurechtgemacht. So sieht sie immer aus. Dabei hat das hier gar keinen Wert. Sie wohnt auch längst nicht mehr in Grischkowo. Kommt nur zum Verkaufen, das läuft nicht gut, aber manches müssen sie hier draußen doch haben, wenigstens Süßes für die Kleinen und Scharfes für die Großen. Beides bringt Anja Andrejewna in ihrem Wagen mit. Beides nimmt ihr der alte Vorsteher ab und trägt es zu dem einen oder anderen Anlass bei sich.
Gerade stößt er mit dem Fuß gegen ein Kätzchen, das mit verklebtem Kopf um sein Bein schnurrt.
»Du sollst dieses Viech hier nicht reinlassen«, sagt er.
Er ist der Chef.
»Chef von der allergrößten Scheißgrube Russlands«, sagt er.
Die Kolchose ist seit Jahren aufgelöst. Chef bleibt man trotzdem, falls nichts Neues kommt: von der alten Melkerin und ihrem versoffenen Schwager, von deren Nachbarin und ihren beiden verschrammten Töchtern. Mehr sind es nicht. Dreiunddreißig leer stehende Wohneinheiten mit Wasser und Strom, und im Winter auch ohne Bewohner beheizt. Im Stall nur noch die Geister von vierhundert Kühen, auf der Kreuzung die Gänse und um all das herum eine Herkuleswüste, unbesiegbar, zwei Meter hoch, doldig, giftig in den Himmel stakend.
Der Vorsteher wartet, dass die Verkäuferin ihn mal ansieht. Eigentlich ist er auch ihr Chef, aber davon will sie nichts wissen. Wenn er ankommt, hat sie immer was zu tun.

Lilja Leonidowna bleibt vor der Tür stehen. Die Haare hängen ihr bis zum Gürtel, die Augen messen den Mann, der sich nach ihr umdreht und dabei etwas in die Knie geht, als habe er auch eine Erscheinung. Lilja grüsst nicht. Sie grüsst nie. Nur ein Zucken geht über das Weiche in ihrem Gesicht, als der Alte das Kinn nach vorn schiebt und ihr halb den Eingang verstellt.
»Welcher Schwanz, zum Teufel, hat denn die ausgerechnet jetzt hierher gefickt? Hau ab! Verschwinde! Hier gibt es nichts für dich.«
Die Kraft für diese Sätze hätte er sparen können.
Die Verkäuferin dagegen lächelt fast. »Leonidowna?«
»Ja, die.« Lilja macht den Hund los.
»Woher … ?« Die Verkäuferin bewegt sich plötzlich unsicher, halb vor Freude vielleicht oder vor Schreck, und stößt dabei gegen die Rechentafel, dass es klappert.
»Was glaubst du, woher?« Lilja drückt sich an dem Alten vorbei, holt eine Tüte aus der Jacke und schnalzt.
»Ich brauch Zucker, Öl … und Milch.«
Sie tritt an den Ladentisch, streicht einer Fliege nach, fängt sie und hält die Hand dem Hund hin, der das Tierchen verschluckt.
»Habt ihr Milch?«
Die Verkäuferin schüttelt den Kopf.
»Und Rasierklingen?«
Die Verkäuferin verneint, und der Vorsteher pfeift leise und schiebt sich die Fellmütze aus der Stirn.
»Ja«, Lilja spuckt auf die Fliesen, »also bleiben die Bärte.« Sie zeigt auf die Kastenbrote. »Dann die, und Salz.«
Die Verkäuferin stapelt die Sachen auf den Ladentisch, die Perlen an der Rechentafel klackern und sie tippt den Preis in die kaputte Kasse, die nur noch als Lade für die paar Rubel dient.
»Und nichts zu trinken?« Der Vorsteher versucht sich vom Türrahmen abzustoßen. »Nichts für deine Männer, außer Zucker und Salz?«
»Lass ich alles für dich hier.« Lilja blickt ihn nicht an.
»Wirst du brauchen. Oder willst du heute noch mit der Wahrheit in den Ring?«
Ein Geräusch ihrer Zunge folgt den Worten schneller als der Fluch, den der Vorsteher machen will, und zwischen ihm und ihr steht der Hund, ein gefletschtes Schwarz, Rot und Weiß.
Der Alte sackt im ganzen Gesicht zusammen, sucht sekundenlang die Senkrechte, schafft nur einen Schritt aus der Tür und bleibt gleich beim Eingang stehen, als habe er vergessen, wohin.
Lilja legt einen Beutel mit Scheinen auf den Tisch und sieht teilnahmslos nach dem Mann.
»Bist du zu Fuß?« Die Verkäuferin zählt das Geld in die Kasse und bekommt nur ein Nicken zur Antwort.
»Soll ich dich rüberfahren? Oder besuchst du noch jemanden?«
Lilja wendet sich langsam um, ihr Blick verliert dabei die Spur. Das eine Auge will nicht so recht.
»Jemanden …«, sie hält das Gesicht bewegungslos auf die Verkäuferin gerichtet, als müsse sie tief Atem holen. Dann schüttelt sie fast unmerklich den Kopf.
»Ich warte im Wagen«, sagt sie und geht hinaus.

Rezensionen

»Leiber hat einen scharfen Blick für die städtischen und ländlichen Alltagsdetails eines Landes, das die permanente Katastrophe mit ungeheurer Vitalität vereint.«
Florian Balke, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Am ehesten lässt sich SCHIPINO als Nachruf auf jenes Phänomen lesen, das man einmal ›Sommerfrische‹ nannte: eine Auszeit, bei der man wieder zu Kräften kommt.«
Meike Feßmann, Süddeutsche Zeitung

»SCHIPINO ist ein couragiert und intensiv erzählter Roman, dessen Stärke seine unverbrauchte Sprache ist.«
Rainer Moritz, Neue Zürcher Zeitung

»Sie ist lakonisch, treffsicher und, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit, kitsch- und klischeefrei.«
Katrin Schings, Berliner Zeitung

»Denn dieser Roman ist nicht romanhaft im herkömmlichen Sinne, sondern ein perfekt gearbeitetes Tableau.«
Susann Rehlein, der Freitag

»Ein gelungenes Buch über Menschen am Ende der Welt und ein grossartiges Buch über die lebendigen Widersprüche im heutigen Russland!«
Oliver Seppelfricke, Saarländischer Rundfunk

»In knappen und doch bildstarken Sätzen macht sie das Gefühl von Vergeblichkeit greifbar.«
Karin Grossmann, Sächsische Zeitung

»Man kann nicht verhehlen, dass diese Geschichte einen ganz starken Sog entwickelt.«
Sigrid Löffler, Deutsche Welle

»Sie schafft es mit einer ganz einfachen Sprache, ohne Schnörkel, Landschaften zu entwerfen, oder auch Licht und Stimmungen. Es ist faszinierend.«
Buchhändlerin Ramona Hönke (Buchbox, Berlin), RBB Radio eins

»Ein Text, der auch das mehrfache Lesen verträgt, ja, sogar danach ruft, und der dennoch seine Geheimnisse nicht in Gänze offenlegt.«
Badische Zeitung

»Mit ›magischer Sprachkraft‹ erzählt die Autorin von einem verlorenen Flecken Erde an der Peripherie der Welt.«
Südhessen Woche

Außerdem erschienen von Svenja Leiber

Svenja Leiber: Büchsenlicht