Sadie Jones
Kleine Kriege

Roman
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek

448 Seiten. Gebunden
€ 22,95   €[A] 23,60   
ISBN: 978-3-89561-386-9

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Der britische Militärstützpunkt Episkopi lag westlich von Limassol. Eine schmale Straße führte aus der Stadt heraus und quer über die Halbinsel Akrotiri, vorbei am Zaun des gleichnamigen britischen Luftwaffenstützpunkts, durch Orangenhaine und flache, fruchtbare Felder und dann, von Zypressen gesäumt, zurück zum Meer.
Hinter den Orangenhainen führte die Straße steil nach oben und erklomm die Klippen, schnitt sich durch sie hindurch und bot einen weiten Blick auf das Meer und die langgestreckte Küstenlinie. Dann kam eine Strecke, die leer und verlassen wirkte, dann Episkopi.
Wenn man das Tor durchquert hatte und über die kleine Straße weiter in den Stützpunkt hineinfuhr, sah man zunächst eine Mischung aus frisch errichteten Betongebäuden und Nissenhütten. Schilder wiesen auf verschiedene Bereiche hin. Landrover und Dreitonner standen in Reihen nebeneinander, es gab ausgedehnte Zeltbereiche, durchzogen von gefurchten Lehmwegen – hier war man noch nicht dazu gekommen, feste Gebäude zu errichten. Zu viele Einheiten wurden nach Zypern verlegt, um sie alle ordentlich unterbringen zu können, alles war im Umbruch, ständig wurden Pläne geändert.
Happy Valley lag auf der anderen Seite des Stützpunkts, die Berge im Rücken, und hatte bis vor kurzen auch noch aus Zelten bestanden. Nun wurden darüber weiße Häuser für die Offiziere hochgezogen, mit Rasenflächen davor, und der Weg zu den Ställen und zum Poloplatz war schon halb asphaltiert.
Unterhalb des Stützpunkts erstreckte sich der halbmondförmige Strand, an dem man den größten Teil des Jahres schwimmen oder wunderbar reiten konnte. Man erreichte ihn entweder durch einen langen, schnurgeraden Tunnel, der durch die Klippen hindurch nach unten führte, oder über einen sehr steilen Pfad an der Außenseite der Klippen entlang, die hier sandig und teils mit Gras bewachsen waren.
Das Offizierskasino war ein neues, weiß gestrichenes Betongebäude mit einer breiten, flache Treppe, die auf eine schmale Veranda führte, die an Abenden, an denen die Frauen eingeladen waren, manchmal mit Ketten aus schummrigen Glühbirnen beleuchtet war. Henry fand, dass die Lichterketten ziemlich billig aussahen und die allgemeine Schäbigkeit noch betonten, aber die Frauen sagten immer »Wie hübsch«, also lag er vielleicht falsch mit seiner Einschätzung. Hinter dem Offizierskasino gab es einen großen Garten, zu dem man von der Bar aus durchgehen konnte.
Clara, die darauf bedacht war, ihre Abendschuhe nicht schmutzig zu machen, bemerkte die Lichterketten nicht. Sie hatte es gehasst, Meg und Lottie gleich heute, an ihrem ersten Abend hier, bei dem griechischen Mädchen zurückzulassen, und Henry hatte auf der Fahrt versucht, sie abzulenken, indem er sie auf Esel und Ziegen und die Orangen an den Bäumen hinwies. Er war sich dabei ziemlich lächerlich vorgekommen.

Die Bar des Offizierskasinos war niedrig und modern, voller Soldaten mit ihren Frauen und wie ein Golfclub mit Teppichboden ausgelegt.
»Colonel und Mrs Burroughs«, stellte Henry vor.
»Sehr erfreut.«
»Mark Innes.«
»Guten Abend.«
Mark Innes, ein Mann etwa in Henrys Alter, mit ebenmäßigen, offenen Gesichtszügen, schüttelte Clara lächelnd die Hand. »Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen«, sagte er.
»Auch einer von meinen Männern – Tony Grieves. Grieves, meine Frau, Clara.«
Grieves, vielleicht dreiundzwanzig, zerknittert und ziemlich angetrunken, vollführte eine schwankende Verbeugung.
»Mrs Treherne, guten Abend.«
»Guten Abend.«
Ein türkisch-zypriotischer Kellner in weißem Jackett kam mit einem Tablett voller Cocktails zu ihnen.
»White Ladies«, sagte Mrs Burroughs. »Möchten Sie? Falls nicht, gibt es auch alle möglichen anderen Sachen. Aber im Moment sind White Ladies der letzte Schrei.«
»Wunderbar. Danke.«
Der Kellner hielt das Tablett mit beiden Händen, fiel Clara auf, als sie sich einen Cocktail nahm.
Es gab eine Theke, mehrere harte Sofas und Sessel, und einen Kamin am Ende des Raums. In einer Glasvitrine standen silberne Pokale, und doch hatte das Ganze etwas Provisorisches, Brandneues, wie ein Bühnenbild, dachte sie. Sie nippte an ihrem Cocktail. Der scharfe Zitronensaft brannte auf ihren Lippen.
»Ist es denen endlich gelungen, ein Haus für Sie zu organisieren, Henry?«, erkundigte sich Colonel Burroughs, legte ihm die Hand auf die Schulter und drehte ihn von Clara weg. Mrs Burroughs füllte die Lücke.
»Ich hoffe, das alles hier ist nicht zu viel für Sie«, sagte sie. Sie hatte ein langes, freundliches Gesicht und sprach mit schneller, kraftvoller Stimme. »Sie werden sich bald an uns alle gewöhnt haben. An den Wochenenden ist es hier immer voll, aber eigentlich sind die Ehefrauen eher selten hier zu finden. In der Stadt, im Club, ist es lustiger. Übrigens ist mein Mann sehr von Ihrem angetan. Er ist noch sehr jung für einen Major, nicht wahr? Sein Vater muss schrecklich stolz auf ihn sein – geht es Arthur und Jean gut?«
»Ja, ich –«
»Wahrscheinlich finden Sie beide, dass alles hier ganz anders ist als in Deutschland. Sie sind doch nicht etwa direkt von Deutschland aus hierher gekommen, oder?«
»Nein, ich war mit den Mädchen ein paar Wochen bei meinen Eltern in Buckinghamshire.«
»Wunderbar. Wie steht es denn dort im Augenblick? Wahrscheinlich war es ekelhaft kalt. Allerdings ist es heute Abend auch hier richtig eisig, finden Sie nicht auch? Wir haben es im Januar oft wunderbar warm, aber dieses Jahr war der Winter sehr hart. Der Frühling wird Ihnen gefallen, da bin ich mir sicher, aber die Sommer sind die Hölle. Sie werden sehen, dass es hier in Episkopi praktisch alles gibt, was das Herz begehrt, und wenn Sie erst einmal auf dem Stützpunkt wohnen, werden Sie es auch viel bequemer haben. Es ist eine Schande, dass Sie in der Stadt festsitzen, typisches Armee-Kuddelmuddel. Aber im Grunde genommen gibt es kaum Probleme, egal, was man Ihnen vielleicht gesagt hat.«
»Henry sagt, in letzter Zeit war es etwas ruhiger.«
»Nun ja, letzte Woche gab es in Limassol einen Zwischenfall, aber meistens gelingt es uns, diese fürchterlichen Dinge zu unterbinden, bevor sie passieren, jedenfalls bemühen wir uns. Andererseits sind diese Zyps verdammt gerissen, und nach dem Wahrscheinlichkeitsgesetz werden sie wohl immer wieder mal mit der ein oder anderen Sache durchkommen, egal, wie vorsichtig wir sind.«
»Auf dem Schiff habe ich mit einem Mann gesprochen, der sagt, sie stellen Bomben aus Auspuffrohren und Konservendosen her.«
»Meine Liebe, sie stellen sie aus absolut allem her. Es gibt welche mit Zeitzündern und Stolperdrähten und weiß der Himmel was noch allem. Sie kennen überhaupt keine Skrupel. Wir mussten sogar vorne an den Fahrzeugen Abfangvorrichtungen
anbringen, die den Klavierdraht, den sie über die Straßen spannen, zerreißen sollen, bevor unsere armen Jungs geköpft werden – was sind das bloß für furchtbare Menschen, die sich solche Sachen ausdenken?«
»Auf der Fahrt hierher habe ich etwas in der Art gesehen«, sagte Clara, die sich Sorgen um die Mädchen gemacht und Henry nicht gefragt hatte, wofür die Dinger gut waren. Sie hatte beschlossen, es lieber nicht so genau wissen zu wollen.
»Noch ein Drink?«, fragte Mrs Burroughs und führte Clara weg von der Theke zu einer Gruppe Frauen, die an einem Kartentisch Whist spielten.
»Sie müssen unbedingt unserer Lesegruppe im Club beitreten. Es macht riesigen Spaß, wir lesen oft mit verteilten Rollen. Interessieren Sie sich für das Theater? Wir überlegen nämlich, ob wir auch eine Theatergruppe gründen sollen …«

Später fuhr Kirby sie durch eine sehr dunkle Nacht nach Hause. Aber erst mussten sie am Tor des Stützpunkts anhalten und abwarten, bis die Soldaten, die zu ihnen hineinspähten, salutierten und sie durchwinkten, das Tor für sie öffneten. Die Scheinwerfer beleuchteten den Stacheldraht, der sich oben auf Zäunen ringelte oder straff zwischen Pfosten gespannt war.
Jenseits des Stützpunkts empfand Clara die Straße als sehr einsam. Sie war froh, als die Häuser von Limassol wieder in Sicht kamen, obwohl es auch hier fast keine Straßenbeleuchtung gab und niemand zu sehen war, nur die dunklen Häuser und Gassen.
»Tut mir leid, dass ich vorhin so schlecht gelaunt war«, sagte sie.
»Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen«, sagte Henry und legte den Arm um sie. »Gleich bist du wieder bei den Mädchen.«
»Und sicher ist alles in Ordnung.«
»In der nächsten Zeit werde ich ziemlich viel zu tun haben «, sagte er. »Erinnerst du dich, wie die Männer in Krefeld immer auf alte Autos geschossen haben, bloß um etwas zu tun zu haben?«
»Hier ist es bestimmt interessanter.«
»Ja«, sagte er voller Überzeugung.
Er war glücklich.
In Deutschland hatte Henry sich ausgezeichnet, war zum Captain befördert worden und hatte anschließend sechs Jahre Dienst getan, ohne auch nur einen einzigen ernst gemeinten Schusswechsel zu erleben. Die Tatenlosigkeit war schwer zu ertragen gewesen. So glücklich er auch darüber war, Clara nach ihrer langen Verlobungszeit endlich bei sich zu haben, war er doch auch frustriert gewesen. Seine größte Herausforderung hatte darin bestanden, seine Männer in Form und beschäftigt zu halten, und mit der Zeit hatte Clara verstanden, dass Henry nicht etwa frustriert war, weil er nicht dazu kam, seine blutrünstige Seite auszuleben, sondern
dass es um etwas Reineres und Natürlicheres ging. Er war für eine bestimmte Arbeit ausgebildet worden und hätte diese Arbeit auch gern getan.
Das Auto hielt an. Kirby stieg aus, öffnete ihnen die Tür und spähte die Straße entlang, die kurzen Finger der rechten Hand locker auf dem Kolben seiner Sten-Maschinenpistole, während sie die Tür aufschlossen.
Das griechische Mädchen saß auf einem Stuhl in der Küche und stand lächelnd auf, als sie hereinkamen. Henry zückte seine Brieftasche, während Clara nach oben ging und die Tür zum hinteren Schlafzimmer öffnete.
Eine Kerze brannte auf der schief stehenden Kommode.
Lottie lag schlafend in ihrem Bett, das andere Kinderbettchen war leer. Nach einem kurzen Augenblick des Schreckens sah Clara, dass Meg bei Lottie lag, im Schatten hinter den aufgetürmten Decken. Sie setzte sich auf die Bettkante. Die Zwillinge waren im Schlaf ineinander verknäult. Sie betastete ihre Gesichter, wie sie es getan hatte, als sie noch kleiner waren. Ständig sagte sie sich, dass es dafür keinen Grund
gab, aber wenn sie schliefen, kontrollierte sie nach wie vor, ob sie noch atmeten.
Sie nahm die Kerze in die Hand und ging zum Kopfende der Treppe. »Wo ist das Mädchen?«, fragte sie.
»Nach Hause gegangen.«
»Sie hat eine Kerze im Zimmer brennen lassen.« Clara hörte, dass ihre Stimme zitterte. »Das ist viel zu gefährlich. Sie sind keine Babys mehr, sie hätten sie umstoßen können. Würdest du ihr das bitte das nächste Mal sagen?«
»Wir werden sie kein nächstes Mal nehmen.«
Nach einer kurzen Pause sagte sie: »Mach dir keine Sorgen, ich gewöhnte mich schon noch an alles.«
Er kam die Treppe herauf, blies die Kerze aus und küsste sie in der plötzlichen Dunkelheit. »Ich mache mir keine Sorgen «, sagte er.

Rezensionen

»Eine großartige, dicht erzählte Liebesgeschichte, die sich zum bitteren Drama entwickelt.«
Brigitte

»Atmosphärisch dicht und akribisch recherchiert.«
Reinhard Helling, Münchner Abendzeitung

»Jones verschränkt Szene um Szene genial die militärischen Erfolge Henrys mit dem Niedergang seiner Ehe. Hier stimmt jedes Bild, jeder Satz.«
Thomas Neubacher-Riens, Frankfurter Neue Presse

»Linear erzählt, unaufgeregt in der Sprache und ohne jede Larmoyanz.«
Verena Fischer-Zerenin, Hamburger Abendblatt

»Sprachlich und konzeptionell souverän zwischen Zartheit und schmerzlichem Schrecken ausbalanciert.«
Martin Vögele, Mannheimer Morgen

»Viele, die Kleine Kriege gelesen haben, schwärmen. Aber noch haben zu wenige den Roman gelesen.«
Peter Pisa, Kurier Wien

»Der Roman verdeutlicht, was an vielen Kriegsschauplätzen, von Gaza bis Afghanistan, gerade jetzt, passiert.«
Carsten Hueck, DeutschlandRadio

»Die Britin Sadie Jones (...) erzählt nun einfühlsam und klug von großen und kleinen Kriegen.«
Glamour

»Mit dem perfekten Gefühl für Dramaturgie und Timing, unparteiisch und einfühlsam, spannend, blutig genau und doch leise, atmosphärisch dicht wie bei einem Kammerspiel.«
Cornelia Zetzsche, Bayerischer Rundfunk

»Komplexe seelische Vorgänge analysiert sie mit scharfem Verstand. (...) Ein weiteres Meisterwerk.«
Buchjournal

»Ein durchaus zügig lesbares, ein unterhaltendes Buch, das eine Ahnung von den Ereignissen und der Stimmung eines nahezu vergessenen Konflikts vermitteln kann.«
Der Standard

»Als emotionale Chronistin, die ahnt, wie die Akteure sich fühlen müssen, beschreibt Jones, wie Anschläge auf die Briten Folter und Vergewaltigungen zur Folge haben.«
Bernd Haasis, Stuttgarter Nachrichten

»Ein fesselnder, schöner Roman über Liebe in Zeiten so genannter kleiner Kriege.«
Margarete von Schwarzkopf, NDR 1

»Ich liebe dieses Buch sehr, weil Sadie Jones es mittels ihrer Sprache schafft, den Leser sofort in die Geschichte hinein zu ziehen.«
Buchhändlerin Karin Ilner, DeutschlandRadio Kultur

»Das Buch steigert und steigert sich, hat langen Atem, ohne langatmig zu sein.«
Ulrich Steinmetzger, Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Ein Roman von beklemmender Aktualität.«
Anja Kümmel, Weser Kurier

»Ich habe beim Lesen dieses Buches mit Henry und seiner Frau mitgezittert.«
Manuela Molnos, Berliner Morgenpost

»Ein grausam zärtlicher Roman.«
Reinhard Helling, tip Berlin

»Ein zurückhaltender, aber dennoch klarer Erzählstil bestimmt den ganzen Roman und sorgt dafür, dass die Lektüre zu einer erhellenden und spannenden Angelegenheit wird.«
Hamburger Lokalradio