Paulus Böhmer: Fuchsleuchten

Peter-Huchel-Preis 2015

Paulus Böhmer
Fuchsleuchten

Gedichte

144 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-127-8

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Wassermusik

(Für Katharina Hacker)



1.

Über dem Wasser-
langbeinige, hauchschnelle Gestalten
mit Knickantennen, Treibmembranen,
daphnidoid, spreizselig, hausarm, orphiophil,
im Uferschlamm memelhafte Verläufe, Stockungen,
Andeutungen, rätselhafte Verweise. Hochgeschleuderte
Tropfenkollektive verbinden sich mit Aerosolen
aus Stickstoff, Sauerstoff, Argon zu Hauben, Terminals, aus denen
– einen ganz & gar physischen, teleskopischen Augenblick lang –
Erkenntnis wie Bromsilber schießt direkt
ins Höhlengewirr hinter die Stirn.
Das Gewesene, girrt es.
Das Gewesene. Wird. Was ist.
Anfallweise machen sich auf-
blitzende Schwärme her
über dunkle Katukina-Rümpfe. Übergangslos
von einem Atem sich in anderen dehnend:
was war, was ist, was war. Alles
trifft nur sich selbst.
Das Gewesene. Das Gewesene ist es.
Auf Deinem Gesicht die Gewißheit,
daß nur auf dem Umweg des Wahns
etwas wahr scheinen kann,
und daß man nicht suchen kann, sondern nur finden,
da alles schon da, basta, da ist.
Aus dem Röhricht
ein Karauschen, ein Schatten, ein Schämmen,
zwischen Rohrkolben, Horchöffnung, Skelp,
von Libellen durchschossen, zwischen Vintage-Fummeln,
Chiffon-Grus, Manolo-Blahnik-Stilettos
im Schilf ein Hastender, in seinen Händen
der Kopf eines anderen Mannes, ringsum No-Name-
No-Name-No-Name-Accessoires, deren Konturen
sich auflösen in gleißender Allgegenwärtigkeit,
Verschleppung der Unterschiede, Verschleppung
der Bewegungen, Verschiebung der Gesten,
die nicht der Körper, die die Seele diktiert.
»Don’t call back«, sagst Du. Ich setze,
ein leuchtend-orangeroter Geweihschwamm,
zur Landung an, weich. Bin da.

Zur gleichen Zeit steht am Meer
ein Mann erstmalig am Meer, bricht in die Knie und weint.
In einer Blechhütte liegt, vor
zerfetzter Couchgarnitur, auf blankem Boden,
das Fett von Löwen und Hunden.
Diana lacht wie ein Schwein: hüte Dich, ich bin
ein in Jubel umgewandeltes Entsetzen.
Ein helles Geilbraun. Ein schneller grauer Schatten.
Una altra volta: das Herz,
mit einem Gift gefüllt,
zu dem es kein Antidot gibt. Der jungen Frau
im lichten Kleid nähert sich schon die Schlange,
kaum sichtbar, im Gezweig.
Vögel wandern zum Mond aus. Sie halten es nicht mehr aus.
Zwischen Wind und menschlicher Schwere
flattern wir, erwacht, daher, dahin. Sag, Schöne,
was willst, in Deinem lichten Kleid, Du auf dem Mond?

Auf allen Wassern
(die wir als Lügen durchschauen, doch als Formen
der Liebe erkennen) klingen die Songs
nach Menschenfleisch, Poren, angewinkelten Beinen,
nach Endstationen, Tiefenschärfe, trauriger Violenz.
Das Gewesene, das Gewesene ist es.
In obszönen Rückkoppelungsschleifen reißen
wie als Vampire verkleidete Vampire
Libellen ihre Opfer,
eine toccata libellula, ein perpetuum aqua-
drimaculata, nada, das Gewesene, nada.
Es macht verführend, verführt zu werden,
wie zu verführen verführerisch macht. Es macht.

Gefährdung. Errettung. Verpuppung.
Blitzlichter. Schnappschüsse. Täuschungsmanöver
der Wasser. Hylodenartig verwandeln sich Quappen
mit ihren unzähligen Zwillingsbrüdern und -schwestern
in Frösche mit Schnebbertaille und Geschenkel, dem Wider-
schein läppischer Strategien: die dunkle
Vorderseite möchte auf Ohnmacht, die weiße
Hinterseite auf Allmacht hin.
Wem gilt das plötzliche Ergrauen der Wellen?
Das Weißwerden der Haare? Die geschürzten Lippen,
die erhobenen Brauen, die grauen schnellen Schatten?
Alle Macht geht vom Fleische aus. Vom Gewesenen. Item.
In Achselhöhlen hausen
die gleichen Mikroben wie im Wasser zwischen
Amüsement und Terror. Embryonen
lernen früh das Schlucken. Schon
ist ihr Atem abgezählt, ihr Fleisch verfällt,
schon tuschen Schrammen sich in Haut wie Zen.
Einer Eva ziept der Bikini, doch während sie noch,
unter Wasser sich verpuppend,
die Glätte des Geschlechts betastet, stellt sie sich vor,
wie sich ihr gelbes Rückgrat lös zu weichen Knospen
und wie sie endet,
an hundert Erdensonnen schwer.
Alle Macht geht vom Fleische aus, vielleicht
ein Summen, als würden Perlen und Muscheln gezählt,
als fände ein Beobachten, Ausforschen, Verfolgen statt.
Gefährung. Errettung. Verpuppung.
In Sumach, Bils, Mandragora.
Im Interzellularen. In Nährsalzen, Dioxyd.
Weit weg verendet ein Hund,
umnachtet wie ein Nietzsche.
Am Grund des Sees hocken Tote, trinken ihn langsam aus.
Muttermünder, gemeinsamer Besitz der Menschenheit,
ziehen wie Siphonophoren hin.
Schwerkraftzentren entstehen und vergehen.
Das Gewesene. Das Gewesene. Item.

Einst schrieben alle Gewässer
in Spiegelschrift, ohne
irgend etwas mitteilen zu wollen, liebten
die Polyhymnik der Schwärme, die Camouflage der Verhuschten,
das Flic-Flac der Fellatrices,
die Alexandriner der Gnitzen,
ohne die Bürde des Selbstseins
ausschließlich ihr eigenes Bild.
Auf ihrem Grund die Klauen von Affe und Rind,
Autokadaver, Atlasknochen aus dem Genick des Menschen,
Grabkreuze, Büsten, Geräte,
Allmachts- und Ohnmachtssymbole
aus der Welt der Bedeutungen.
Skelette aus Kieselsäure, Aberglauben, Kalk
bildeten turmhohe Strukturen mit aber-
witzigen Krallen & Schnäbeln, glimmende, warzenbedeckte
Schlote mit rhythmisch tastenden Tentakeln, Déjà-vu-
Ausbuchtungen, Phantasmen
eines immensen, skulptural-genitalen Nonsense,
Konkav- und Konvexheiten mit unzähligen Löchern,
die in rechte oder linke Gehirnhälften führten,
wunderlich wie der Katholizismus.
(Und so bohrt sich auch hier
ein messerscharfer Stachel in das Fleisch des Opfers,
verlangt auch hier der Paranoiker,
daß man ihm zuhört, wie er wie ein Hund bellt.)
Venus verwest. Aus-
gestorben Narzissus. Tastend
sucht Medusa ihre Augen.
Muschelkolonien bergen
Bomben unter dunklen Mänteln.
Corpuscula-Stille. Enterprise-Nacht.
Und das Denken nimmt kein Ende und nimmt
alle Fäden, Fäden wieder auf.


2.

Jeder weiß, was Odysseus erwartete,
in Ithaka, hinter der Tür
(nur durch ein Hüsteln verriet sich Penelope):
Nicht Brot, nicht Macht, nicht Entrückung.
Im Abendlicht: Zeus
wie ein Tier aus gehämmertem Gold.
Hera zerstach
Europas sterbliches Fleisch.
Götter und Menschen begehrten einander.
Jeder Satz ein Entsetzen.

Manchmal bleibt eine Fliege
in der Luft einfach hängen und die wenigen
Sätze Wittgensteins fließen an ihr vorbei.
Am Grund des Sees sinkt Giovanni
summend in seinen Tod, bald
sind Gefühle Schatten ohne Fleisch. Wie
die Seele die Haut der Gefühle,
ist Wasser der Inhalt des Fühlens.
So wie der Wind zum Hange weicht,
weicht Wasser, um ein winziges nur,
wartet, daß ein Gefälle, so
wie der Wind zum Hange weht, entsteht,
zögert noch einmal, ein kaum wahrnehmbares
Nanu,
zieht dann dahin, so weich, weich, fort, fort für immer.

Ein einziger Tropfen, dem Meer entnommen,
macht schon ein anderes Meer.
Der Stein, den Du eben berührt,
ist schon ein anderer Stein.
Ein Mann steht zuweilen, zu den seltsamsten Zeiten,
am Meer und entleert sich. Ein anderer legt sich
ins Bett und antwortet nicht mehr auf Fragen.
Ein Dritter schiebt die vertrockneten Blätter seiner Geranie
mit den Händen zusammen und gibt sie nicht wieder her.
Ein Kind legt Schokolade auf ein Grab.
Von der Geburt noch blutig, ein Sohn.
Mädchen, wie Einhörner feucht.
Unvermeidlicher als das Bild ist die Deutung. Nur
die kambrischen Stellen werden manchmal
zu festumrandeten Inseln. Bestimmte Spuren jedoch
finden sich in allen Träumen. So rührt
die Empfindung eines jähen und tiefen Falls
von einer Erschlaffung der Muskulatur her, ungeheuerliche
Tiere werden schon bei den Chaldäern erwähnt.
Auslöser sind Decken, Kissen oder Plumeaus,
die sich über glühende Schläfer wuchten.
Und manchmal liegt einer so still,
als berühre ihn eine Wolke.
Leben & Tod
– und seien sie Lichtjahre noch voneinander entfernt –
sind wie Quantenteilchen miteinander verschränkt. So.
Und sollte Gott, so die Frage,
seine Geschöpfe einmal um Verzeihung bitten,
könnte man ihm glauben?
Nein. Am meisten aber wundern sich die Physiker
über den krummen Wert von Alpha.
(Und sie werden den Geruch, den Geruch von Schwäche,
den dieses Gefühl auslöst, niemals vergeben.)

Und gestern noch erinnerte sich B. seiner Mutter
– eine Erinnerung, die Ähnlichkeit hatte mit den
Organvorgängen eines menschlichen oder tierischen Körpers
und beide erschienen wie vom Wasser geschaffene Formen –
und der Dunstschleier über der Bildmitte,
der die Fluchtpunkte verhüllte, die Konturen
auflöste, Konsistenz und Substanz enthärtete,
gab der Erinnerung jene Unschärfe,
die eine Voraussetzung ist für die Veränderlichkeit
des Lebens. B. starb. So war es.


3.

Vor großen Kämpfen versetzt sich das Wasser
durch Schlafentzug in einen hypnotischen Zustand,
mal ist sein Blick unscharf, schweift ab, verliert sich,
mal ist er hellwach, nähert sich gereizter Neugier
einer Bewegung, kreist einen Körper ein, verharrt.
Ninmt sich. Augustinus behauptet,
das neuronale Netz des Wassers sei lateinisch geprägt.
(Das erinnert mich an alte Männer,
die bei tierischer Hitze über die Blässe der Perlen reden.)
Noch während wir reden, sterben
Millionen Aale den Liebestod, sinken in die Tiefen
der Bermudasee, ertrinkt ein Fräulein
mit großen Gnaden im Hafenbecken von Dieppe,
dehnen sich träge in ihren Lackhosen die Wellen des Po,
werden Inkluse, Harze, kostbare Eiweiße
vom auslaufenden Wasser ins Watt getragen,
jauchzen Filtrierer, Sedimentwühler, Strudler,
brechen Fluten aus einstürzenden Auslaugungen, aus Mangan-
knollen, Basalt, reißen Hebungen ein, Gehänge, zerfetzen
Städte, fegen Büsche und Bäume zusammen,
läßt eine Kleine
flache Steine über die gespannte Haut
der Wasseroberfläche springen, lacht, jauchzt.
Warst das nicht Du?
Möwen über dem Main, ein ersoffener Hund, ein Fest.

Rezensionen

»Das Ziel von Böhmers Lyrik ist die Vergegenwärtigung von Totalität, ihre wahre Stärke aber liegt im Blick auf Details.«
Christoph Haas, Süddeutsche Zeitung

»Herrlich abscheulich, herzhaft obszön, leidenschaftlich mitleidend und durchaus gelegentlich absturzgefährdet, eine entschlossen verwilderte Ausschweifung.«
Sibylle Cramer, Frankfurter Rundschau

»Ein literarisches Ereignis.«
Paul Kersten, NDR

»Am besten sind Böhmers Gedichte, wenn er die Sprachsteine mit harten Schnitten bearbeitet. Dann gleichen sie tatsächlich für Momente ›Kristallmassiven von großer Selbstverständlichkeit‹.«
Nico Bleutge, Der Tagesspiegel

Außerdem erschienen von Paulus Böhmer

Paulus Böhmer: Kaddish I-XPaulus Böhmer: Kaddish XI-XXI