Nenad Popovic: Kein Gott in Susedgrad

Nenad Popovic
Kein Gott in Susedgrad

Neue Literatur aus Kroatien
Aus dem Kroatischen von Matthias Jacob, Blanka Stipetić, Monika Milosavljević, Andrea Meyer-Fraatz, Klaus Detlef Olof, Katharina Wolf-Grießhaber, Patricia Fridrich, Jasmina Urukalo, Brigitte Döbert, Tatjana Petzer und Susanne Böhm-Milosavljević.

304 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89651-399-9

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Nenad Popović
Nachwort

Zwischen Herbst 1918 und Sommer 1990 gab es tatsächlich eine jugoslawische Literatur. Doch sie war von besonderer, heterogener Art. Neben- und miteinander lebten verschiedene Nationalliteraturen, die selbstverständlich viel älter waren als Jugoslawien, das 73 Jahre existierte. Die kroatische, serbische, bosnische Literatur wiesen eine Kontinuität auf, die bis ins Mittelalter zurückreicht.

Ähnliches gilt für die serbokroatische Sprache. Der Begriff ist eine Erfindung der österreichischen Verwaltung aus dem 19. Jahrhundert aus Anlass der Annexion Bosniens und Herzegowinas. Um die dortige Bevölkerung zu bezeichnen und einen Unterschied zwischen den orthodoxen und katholischen Christen einerseits und den Muslimen andererseits zu formulieren, nannte man die Orthodoxen »Serbokroaten«. Jugoslawien griff darauf zurück, teils aus praktischen Gründen, vor allem aber, um eine künstliche jugoslawische Nation zusammenzuschweißen, in der die Bosnier, Serben, Montenegriner und Kroaten, »serbokroatisch« sprechend, eine erdrückende Mehrheit und Elite gegenüber den kleineren Völkern – den Mazedoniern, Albanern, Slowenen und Ungarn – bilden sollten. Die kompilierte, künstliche Sprache hatte sich mit den Jahren selbst ad absurdum geführt und fand in den Achtzigern als Befehlsprache der jugoslawischen Volksarmee ihr Ende.

Die kroatische Literatur der Gegenwart ist noch heute ohne den Krieg 1990 bis 1995 nicht denkbar. Die bis dahin gemeinsame Armee flog 1991 Angriffe auf slowenische Tankstellen und Kolonnen von zurückkehrenden Urlaubern, Panzer fuhren durch Grünanlagen, innerhalb weniger Wochen waren Osijek, Vukovar und Dubrovnik eingekesselte und zerstörte Städte. Schon im Herbst, noch vor der bosnischen Katastrophe, gab es in Kroatien eine halbe Million Flüchtlinge und Vertriebene.

Zunächst rührte sich in der Literatur angesichts des Schreckens gar nichts. Wie konnte man schreiben, wenn man im Rundfunk und Fernsehen täglich die nahende Apokalypse verfolgte? Dann plötzlich, mitten in der entsetzlichen Stille, meldete sich Siniša Glavašević zu Wort. Der bis dahin nur wenigen bekannte junge Rundfunkredakteur von Radio Vukovar sendete wunderbare und erschütternde Texte aus seiner belagerten, todgeweihten Heimatstadt. Kurze, einfache, zutiefst friedvolle Texte, frei von jeglichem Hass oder Übelwollen, übertroffen in ihrer Wirkung noch durch seine persönliche Haltung und sein tragisches Ende. In den letzten Wochen, als Vukovar von der Welt bereits abgeschnitten war und der Bevölkerung nur die allerschlimmsten Nachrichten mitgeteilt werden konnten, entschlossen sich Glavašević und seine Mitarbeiter, wenigstens den verschreckten und verängstigten Kindern Trost zu spenden. Sie lasen stundenlang Geschichten aus Kinderbüchern ins Mikrofon. Die Eroberer konnten das Glavašević nicht verzeihen. Er und sein Tontechniker wurden abgeführt und erschossen.

Dann starb in Dubrovnik der bekannte Lyriker und Essayist Milian Milišić. Ein Granatsplitter traf ihn in seiner Wohnung. So stand der Tod von zwei Dichtern am Anfang der zeitgenössischen kroatischen Literatur. Grausam und symbolisch. Milan Milišić war Serbe aus Kroatien.

Wie für jedermann waren diese Jahre auch für die Schriftsteller die Zeit höchstpersönlicher schwierigster Entscheidungen. Dem Wir-Gefühl, dem kollektiven Trotz, stand am anderen Ende der private Fluchtpunkt der allereinsamsten Entscheidungen gegenüber: im Familienkreis, am Schreibtisch, im Gespräch mit engsten Freunden und Kollegen. Der Romancier Veljko Barbieri, ein großer Verehrer des Argentiniers Jorge Luis Borges, griff einfach
zum Gewehr. Er meldete sich als Freiwilliger, bekam eine Uniform und verschwand an die Front. Vier Jahre kein Wort, keine Silbe. 1995 kehrte er dann zurück, erholte sich langsam und begann wieder rege zu veröffentlichen, unter anderem ein brillantes literarisches Kochbuch, das zum Bestseller wurde.
Doch es gab es auch andere, ebenso einsame Entscheidungen. Rada Iveković, eine bekannte Philosophin, publizierte einen Essay, in dem sie das Leben in einem militarisierten, national engstirnig gewordenen Kroatien als unerträglich und unwürdig erklärte, verließ das Land und setzte ihre Forschungen in Paris fort.

Zuerst schleichend, dann aber offen erfolgte in der kroatischen Politik eine Wende nach rechts. Auf der Welle der allgemeinen antiserbischen Stimmung verwandelte sich die Sprache der Regierungsbehörden in einen aggressiven nationalistischen Jargon, die berüchtigte »Sprache des Hasses«. Von der Boulevardpresse und den staatlich gelenkten Massenmedien sekundiert, erfolgte schließlich auch eine geschmacklose Rehabilitierung des Ustascha-Regimes, das 1941 bis 1945 das Land ins denkbar größte Unglück gestürzt hatte.

Auf diese moralische Krise reagierte die kroatische Literatur prompt. Auf der einen Seite standen jene, die sich dem süßen Opium der Heimattreue und des Nationalismus hingaben, auf der anderen der P.E.N.-Klub, die Zeitschrift Erasmus, eine Handvoll kleinerer und mittlerer unabhängiger Zeitungen wie NOVI LIST aus Rijeka und FERAL TRIBUNE aus Split, kleine Rundfunkstationen und Buchverlage. Zentrale Figuren des literarischen Lebens wie Dubravka Ugrešić und der charismatische Professor und Autor Predrag Matvejević emigrierten aus dem Land; Slavenka Drakulić lebte mehr im Ausland als zu Hause. Kroatien zerfleischte sich selbst, die Politik wurde zum wiederholten Male sein Verhängnis.

Das Ende der Stagnation, die plötzliche Vitalität der heutigen kroatischen Literatur kam jedoch aus zwei unerwarteten Richtungen. Zum einen war es die Entdeckung, dass es noch eine kroatische Literatur gab, nämlich die in Bosnien und Herzegowina. Zuerst veröffentlichte 1993 Ivan Lovrenović seine dramatischen Aufzeichnungen aus dem belagerten Sarajevo unter dem Titel EX TENEBRIS (AUS DER FINSTERNIS). 1994 folgte der Auftritt des jungen Miljenko Jergović mit dem fulminanten Erzählband SARAJEVO MARLBORO, der wohl meistgelesenen Erzählprosa der neunziger Jahre. Beide erlangten rasch auch internationale Anerkennung.

Der Verdienst dieser Autoren war es nicht nur, dass sie im Augenblick einer Konfliktsituation, im Moment des Stillstands, der kroatischen Literatur weite erzählerische, geistige und moralische Perspektiven geöffnet haben. Sie haben Kroatien auch eine Lektion in Modernität erteilt. Sie und weitere Bosnier, die geflüchtet waren und sich sowohl als kroatische als auch als bosnisch-herzegowinische Autoren bezeichneten, haben die kroatische Literatur mit ihrem eigenen Pluralismus und ihrer Ambiguität konfrontiert.

Wie ein zweiter deus ex machina wirkte ab der Mitte der Neunziger der imponierende Auftritt der Zwanzigjährigen. Sozusagen aus dem Nichts legte der Filmkritiker Jurica Pavićić aus Split den Roman SCHAFE AUS GIPS vor. Der zunächst nicht sehr beachtete spannende Politthriller erwies sich als ein Meilenstein in der Aufarbeitung des Krieges. Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen als Wehrpflichtiger auf einem der schlimmsten Schlachtfelder des exjugoslawischen Krieges schrieb er über eine Gruppe junger Männer, die weder mit ihren Kriegserlebnissen noch mit ihrer Depression zurechtkommen und in eine perspektivlose Welt der Arbeitslosigkeit und existenziellen Leere zwischen Alkohol, Drogen und Gelegenheitsjobs entlassen werden. Völlig mittellos, entschließen sie sich, die kleine Tochter eines betuchten Gastwirts zu entführen und ihn zu erpressen. Dass er serbischer Abstammung ist, also ohnehin zur Hälfte vogelfrei, gibt ihnen eine Art Erleichterung, ja liefert ihnen auch eine scheinbare Rechtfertigung für die kriminelle Tat. Damit setzte eine stimmige und eindeutige literarische Hinterfragung des Krieges durch die junge Schriftstellergeneration ein, einschließlich existenzieller Zusammenbrüche, individueller Verantwortung und eines kollektiven Wahns. Und zwar in vivo, ohne Anästhesie.

Gleichzeitig betrat Zoran Ferić die Szene mit den Erzählungen ENGEL IM ABSEITS – heute zählt er fast schon zu den Klassikern: Alle Umfragen nennen ihn als den wichtigsten zeitgenössischen Prosaautor der kroatischen Literatur.
In den letzten zehn, zwölf Jahren haben junge Autoren aus einer als verheizt geglaubten Generation – zum Teil in dieser Anthologie vertreten, aber auch eine ganze Reihe anderer – die eigene Nationalliteratur auf den Kopf gestellt. Zuerst mit schmalen Büchern und neu gegründeten Zeitschriften, dann ums Jahr 2000 mit improvisierten nächtlichen Lesungen – Festival der alternativen Literatur genannt, ironisch abgekürzt zu FAK. Nie vor sechs Uhr morgens endend, bereiste das FAK Kneipen und Jazzkeller in ganz Kroatien, dann ging es wie selbstverständlich nach Bosnien und Serbien. Unter Getöse und Applaus beendete diese Generation für sich den Krieg und die Isolation, verschaffte sich den natürlichen Freiraum, den richtige Literatur wie die Luft zum Atmen braucht – wie damals nach 1945 die Gruppe 47, nur eben chaotischer, spontaner und vor allem nicht so bierernst, sondern eher biertrinkend.

Das gute und fröhliche Ende bedeutet aber nicht, dass es diese jungen Menschen leicht haben. Die autobiografisch gefärbten Bücher von Rujana Jeger, Marica Bodrožić oder Tatjana Gromaća tragen düstere Titel wie BLACKROOM, TITO IST TOT oder DER NEGER. Anders als die meisten ihrer Altersgenossen in Europa schaut diese Generation in einen schwarzen Spiegel. In seelische Trümmerlandschaften, in die sie von ihrer Elterngeneration ausgesetzt wurde.

Rezensionen

»Es fehlt nicht an harten Abrechnungen mit der kroatischen Vergangenheit und Gegenwart. Nenad Popovics Anthologie ist eine Entdeckung.«
Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung

»Genau hier beginnt die neue kroatische Literatur.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Eine wirre Mischung aus Tragik und Ekel, Verzweiflung und Komik gibt den hektischen Grundton. Die Protagonisten der Texte sind hypernervös, gewalttätig gegen sich und andere.«
Mathias Schnitzler, Berliner Zeitung

»Die Themen lassen sich mühelos mit ›sex and drugs and rock'n roll‹ zusammenfassen.(...) In Kroatien scheint die Post auf westeuropäisch-amerikanische Weise abzugehen.«
Jörg Plath, Deutschlandradio

»Ein hervorragender Überblick über die Entwicklung der kroatischen Literatur nach 1990 von skizzenhaften Momentaufnahmen bis zu ganze Epochen umfassende Erzählungen.«
Tanja Betzmeir, StadtRevue Köln