Miljenko Jergović: Buick Rivera

»Sehr überraschende Bilder und eine sehr schöne Sprache. Ich finde, daß dieser Roman es wert ist, gelesen zu werden.«
Elke Heidenreich, Lesen!

Miljenko Jergović
Buick Rivera

Roman
Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert

256 Seiten. Gebunden.
€ 19,90 (UVP)   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-390-6

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»Ich habe ein großes Problem.«
»Sagen Sie Ihre Adresse.«
»Ich muss dringend...«
»Erst die Adresse.«
»Zedernberg 8.«
»Wollen Sie Raub, Körperverletzung, sexuelle Belästigung oder etwas Drittes melden?«
»Etwas Drittes.«
»Warten Sie drei Sekunden, fangen Sie dann an zu reden.«
Hasan wartete fünf Sekunden, dann fragte die Stimme auf der anderen Seite, hörbar verärgert: »Sind Sie noch da?«
»Ja.«
»Warum sagen Sie nichts?«
»Ich wusste nicht, dass die drei Sekunden schon um sind, nach meiner Zählung waren es erst zwei.«
»Reden Sie.«
»Ich muss dringend zu meiner Verlobten nach Salem. Wissen Sie, sie ist krank.«
»Rufen Sie den Notarzt.«
»Nein, nicht so krank... Ich muss zu ihr, aber die Batterie von meinem Auto ist leer.«
»Das gibt es noch? Nun gut, was erwarten Sie von der Polizei?«
»Dass jemand mit einem Auto kommt und mir Starthilfe gibt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Man verbindet die beiden Batterien mit Kabeln...«
»Ach so.«
»Wäre das möglich?«
»Bestimmt.«
Er wusste selbst nicht, warum er Angela als seine Verlobte bezeichnet und ihr noch dazu eine Krankheit angedichtet hatte. Wahrscheinlich saß es zu tief in ihm drin, dass sich Lügen und fantasievolle Ausschmückungen gegenüber der Polizei und anderen Staatsdienern immer bewährten, obwohl er eigentlich längst gelernt hatte, dass für derartige Verhaltensweisen in Amerika keine Veranlassung bestand. Etwas funktionierte entweder oder nicht.
Die Polizei schickte ihren Mechaniker, einen Bodybuilding-Typ mit Nickelbrille, die Idealbesetzung für die Rolle eines Nazi-Arztes in einem KZ-Film. Grußlos, ohne Hasan groß zu beachten, wahrscheinlich wütend wegen einer Arbeit, die in seiner Stellenbeschreibung nicht vorgesehen war, trat er zum Buick Rivera mit zwei Paar Klemmen und Kabeln, schloss alles fein säuberlich auf beiden Seiten an, wedelte mit der Hand in die Richtung, in der er Hasan vermutete, der sprang in sein Auto, drehte den Schlüssel um, und der Motor sprang an. Fünf, sechs Sekunden lang saßen beide am Lenkrad und traten aufs Gaspedal, die beiden Autos sahen aus, als hätten sie Streit miteinander und würden jeden Moment aufeinander losgehen, dann stieg der Muskelprotz aus dem Caravan aus, löste die Klemmen, packte die Kabel ein, indem er sie über den Ellbogen aufwickelte, und sagte: »Gute Nacht!« So konnte Hasan genau zwanzig Minuten später als geplant endlich Richtung Salem fahren. Die Nacht war klar wie ein Kristallspiegel, ideal, um in einem gut geheizten Auto allein zu sein, sich mit niemand auseinander setzen zu müssen und die Gedanken schweifen zu lassen, so wie es viele getan haben, die dann einnickten und im Straßengraben landeten.

Vuko Salipur war der Einzige, der in dieser Nacht auf der Straße unterwegs war, allerdings in der Gegenrichtung. Mit einem Geländewagen von Mercedes, Eigentum seiner Frau, die er am Nachmittag für immer verlassen hatte, 15000 Dollar in der Tasche und der Absicht, möglichst viele Meilen zwischen sich und Salem zu legen, bevor er das Auto und fünf Jahre seiner Vergangenheit unterwegs vor einem Bahnhof oder Flughafen abstellen würde. Er musste nur überlegen, wohin es gehen sollte, in welche Himmelsrichtung, und es gibt keine bessere Zeit als eine verschneite Nacht und keinen besseren Ort als einen Mercedes, um solche Fragen zu beantworten. Vor dem Krieg hatte Vuko für das Busunternehmen Lasta-Beograd auf der Linie Titovo Uzice–Sarajevo als Fahrer gearbeitet, fuhr anschließend sechzehn Monate lang einen Panzer T-55, dann gehörte ihm als Kommandant der Cajnice-Abteilung der serbischen Armee ein Jeep, den sie einem Basketballspieler aus Niksic weggenommen hatten. Aber bei den ersten Gerüchten, dass ihn die überlebenden Visegrader Muslime auf einer ihrer Listen führten, um ihn in Gorazde und anschließend in Den Haag vor Gericht zu stellen, setzte sich Vuko in einen weißen Polizei-Golf, der bei Bajina Basta die Grenze zu Jugoslawien passierte, riss sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Belgrad die Uniform vom Leib und stand am nächsten Tag in der Schlange vor der amerikanischen Botschaft.

Rezensionen

»Die künstlerische Höhe eines Aleksandar Tisma erreicht Jergović in der Darstellung von Vukos Flucht.«
Wolfgang Schneider, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Jergović ist ein großartiger Erzähler, der die Magie einer besonderen Stunde, eines Ortes heraufzubeschwören weiß.«
Karl-Markus Gauß, Die Zeit - Literaturbeilage

»Mit Sprachgewalt und Komik lässt Jergović seinen gefühlsphlegmatischen Helden im Verlauf der Geschichte gehörig aus der Kurve fliegen. Ein brillanter Schriftsteller.«
Verena Araghi, Der Spiegel

»Der großartig fabulierende Jergović verdichtet kulturelle Differenzen und deren psychomythologisches Unterfutter, statt sich auf das Glatteis realpolitischer Erbsenzählerei zwischen Gewalt und Gegengewalt zu begeben.«
Hendrik Werner, Die literarische Welt

»Der Roman eines großartigen Erzählers und Stilisten, der von unbändiger, verborgener Liebe und radikalen biographischen Schnitten erzählt.«
Sigrid Brinkmann, Deutschlandfunk

»Ein Lesegenuss! In allen Erzählsträngen gelingt Jergović das Kunststück, die Ereignisse zu kommentieren, ohne seiner Geschichte etwas von ihrer Offenheit zu nehmen.«
Nico Bleutge, Der Tagesspiegel

»Ein Buch, in dem man sich verlieren möchte (...). Eine bestürzend komische Parabel vom friedlichen Leben, das ein Traum ist.«
Ruth Fühner, Hessischer Rundfunk

»Ein vielschichtiges Buch, das die Wunden, welche das Schlachten im ehemaligen Jugoslawien hinterlassen hat, im Kleinen begreifbar machen will - mit humorvoll-sarkastischen Wendungen.«
Edgar Schütz, Falter

»Komik und Schrecken auf die Spitze getrieben.«
Grit Weirauch, Financial Times Deutschland

»Eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres, zu dem man nur eins sagen kann: Lesen, Lesen, Lesen!«
Hans Peter Röntgen, literature.de

»Unter Jergovićs verführerisch süffiger Ironie - von Brigitte Döbert vorzüglich übersetzt! - gewahren wir immer wieder die seelischen Verletzungen der Hauptfiguren.«
Gérald Kurth, Der Standard

ORF/Die Presse: Buch der Woche

»Eine Exil-Groteske, traurig und komisch zugleich...«
Choices

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