Margit Schreiner: Heißt lieben

Platz 2 ORF-Bestenliste

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Margit Schreiner

Margit Schreiner
Heißt lieben


152 Seiten. Gebunden. Lesebändchen
€ 18,90 (UVP)   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-273-2

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Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen.
Es beginnt bereits im November. Wir fühlen uns nicht wohl und wissen nicht, warum wir uns nicht wohl fühlen. Wir schieben es auf den Nebel oder den Schneeregen. In Wirklichkeit haben wir Angst vor Weihnachten. Sobald wir die ersten Schokoladeweihnachtsmänner im Kaufhaus sehen, beginnt die Angst. Und steigert sich dann, Tag für Tag.
Wir fühlen uns immer schlechter, haben ständig kalte Füße und Kopfschmerzen, beginnen zu husten und versuchen, den Weihnachtsbesuch bei unseren Müttern abzusagen. Da unsere Mütter erfahrungsgemäß Krankheiten ignorieren, wenn sie ihnen nicht in den Kram passen, beginnen wir zu lügen. Wir sprechen von unaufschiebbaren beruflichen Terminen, und da auch das nichts nützt, schieben wir unsere Kinder vor. Wir erfinden ansteckende Kinderkrankheiten wie Masern oder Scharlach.
Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen. Unsere Bedenken, wir könnten sie zu Weihnachten anstecken, so daß sie dann geschwächt sind und womöglich hinfallen und dann später infolge des Sturzes ins Pflegeheim müssen und dort an einem Organzusammenbruch sterben werden, tun sie lachend ab.
Die Mütter tun unsere Bedenken ja immer mit einem Lachen ab. Einerseits haben sie selbst vor allem und jedem Angst und warnen uns ununterbrochen: vor dem Straßenverkehr, vor schlechter Gesellschaft, vor Drogen, dem anderen Geschlecht, verdorbenen Mahlzeiten, Hundekot auf den Straßen, den Folgen von Masern, dem Lesen bei schlechtem Licht, Mangel an Frischluft und so weiter und so fort, andererseits akzeptieren sie nicht die geringsten Einwände unsererseits. Wir sollen uns unseren Müttern mit Haut und Haar ausliefern. Darauf läuft alles hinaus. Sie selbst haben eine lebensbedrohende, ansteckende Krankheit, unsere Bedenken tun sie aber mit einem Lachen ab. Es sei doch verrückt anzunehmen, sagen sie, daß sie ihr eigenes Enkelkind anstecken würden. Auf diese Weise zwingen sie uns, sie anzulügen. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb.
Unsere Tochter habe leider Scharlach bekommen, sagen wir unserer Mutter eine Woche vor Weihnachten am Telephon, weil wir nicht sagen wollen, daß wir mit einem Kleinkind niemanden besuchen, der sich nicht über die Gefährlichkeit und die Ansteckungsgefahr seiner Krankheit im klaren ist. Gegen Scharlach hat unsere Mutter keine Chance. Es gibt eine gesellschaftliche Übereinkunft, ein scharlachkrankes Kind nicht mit dem Zug weißgottwohin zu transportieren. Aber Schuldgefühle bleiben zurück. Weil wir die Mutter angelogen haben. Zu all den Lügen, mit deren Hilfe wir es am Ende doch noch geschafft haben, halbwegs erwachsen zu werden, ist eine weitere dazugekommen. Lügen haben immer Lügen zur Folge. Oder Anpassung. Da wir nicht jedes Jahr eine andere Kinderkrankheit erfinden können, die uns daran hindert, mit unseren Kindern und Müttern gemeinsam Weihnachten zu feiern, geben wir nach.

Zu Weihnachten fahre ich, obwohl ich krank bin, mit meiner Tochter zu meiner Mutter. Ich rufe die Mutter vorher mehrmals an und will den Besuch verschieben, da ich stark huste und Antibiotika nehmen muß. Seit dem Tod des Vaters huste ich jedes Jahr im Winter und muß dann Antibiotika nehmen. Jedenfalls will ich meine Mutter nicht anstecken und auch mich selbst will ich schonen. Die lange Anreise von der Stadt, in der ich mich angesiedelt habe, weil es mich immer schon möglichst weit von meiner Geburtsstadt weggezogen hat, mit einer siebenjährigen Tochter, ist anstrengend. Aber die Mutter reagiert, wie ich es ohnehin erwartet habe. Ich habe mich, sagt die Mutter, schon so auf das gemeinsame Weihnachtsfest gefreut und Kekse habe ich auch schon gekauft und den Weihnachtsbaum und eine tiefgefrorene Gans. Was soll ich denn mit den Keksen machen? So viele Kekse kann ich unmöglich alleine essen. Es ist mir sowieso meistens schlecht und auch eine tiefgefrorene Gans hält sich nicht ewig. Außerdem paßt sie nicht in das Tiefkühlfach hinein. Ich werde mich schon nicht anstecken.
Und Vati ist auch tot, sagt die Mutter und weint.
Ich sage, dann kommen wir eben. Aber das ist ein Fehler, denn die Mutter wird sich dann tatsächlich anstecken. Wir werden über die Feiertage drei verschiedene Notärzte kommen lassen müssen und am Ende, nachdem ich bereits abgereist bin, wird die Mutter dann gleich am dritten Tag meiner Abwesenheit stürzen. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert werden, aus dem sie nicht mehr in ihre Wohnung zurückkommen wird.

Rezensionen

»Margit Schreiner hat einen virtuosen, mitunter radikalen Text über die Schwierigkeit zu lieben geschrieben - und über die Erkenntnis, daß jedes intensive Gefühl endlich ist.«
ORF-Bestenlisten-Juror Peter Zimmermann

»Nicht wenige Passagen machen beim Lesen betroffen und gehen unter die Haut. (...) In Heißt lieben zieht Schreiner alle Register (...), sehr komplex und trotzdem leicht lesbar (...)«
Neue Zürcher Zeitung

»Es gibt Eröffnungssätze, die man nicht vergisst. (...) Margit Schreiners kluge Prosa hat einen großen Vorzug: Sie bricht keine Tabus, sie hebt sie spielerisch auf.«
Die Literarische Welt, Ulrich Weinzierl

»Ein eindrucksvoll ungerechter, gnadenloser Monolog über Mütter und Töchter, Tod und Geburt und über die Liebe.«
EMMA

»Margit Schreiner ist die Beherrscherin des Banalen, die Meisterin illusionsloser Komik.«
Literaturen

»Der schonungslose Blick und die klare Sprache der Autorin machen die Lektüre zum Vergnügen. Nachdenklichkeit nicht ausgeschlossen.«
Ulrich Weinzierl, Börsenblatt, Bestenliste

»Buch der Woche (18.-22. August 2003)«
Die Presse und ORF

»Margit Schreiner zeichnet in ihrem Buch ›Heißt lieben‹ gnadenlos die Spuren der Unfähigkeit zu lieben nach und plädiert trotz alledem für eine Fortsetzung der Liebesversuche.«
Christa Gürtler, Der Standard

»Genug dieser (...) Klischees, die Frauen eine Rolle aufbürden, an der sie nur scheitern können. (...) Rein ins Vergnügen, wenn Schreiner (...) gegen ein reaktionäres Mutter-Bild Sturm läuft.«
Oberösterreichische Nachrichten

»Hinter der mitunter saloppen Oberfläche verbirgt sich dabei, wie häufig bei Margit Schreiner, eine beklemmende Abgründigkeit, die Plakativität und laute Töne vermeidet«.
Die Presse

»Ein bemerkenswertes Buch einer bemerkenswerten Autorin.«
NDR, Michael Schornstheimer

»Dies ist ein Buch für Töchter von Müttern. Genauer: Dies ist DAS Buch für Töchter von Müttern. Schreiner beschwört das kollektive Unbehagen der Töchter.«
Hamburger Morgenpost - plan7

»Schon der erste Satz ist eine Wucht.«
Woman

»Wer sich der nackten, von allen gängigen Schablonen entkleideten Sprache stellt, wird das Staunen lernen.«
Kölner Stadt-Anzeiger

»Schonungslose Abrechnung und sehnsuchtsvolle Liebeserklärung (...), ein humorvoll-sarkastischer Befreiungsversuch und zugleich die Beschreibung einer schmerzenden Leerstelle.«
Nürnberger Nachrichten

»In sehr eindringlichen und klaren Bildern erforscht Schreiner Liebessehnsucht und Unmöglichkeit von Liebe.«
Buchkultur

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