Margit Schreiner: Haus, Friedens, Bruch.

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Margit Schreiner
Haus, Friedens, Bruch.


248 Seiten. Gebunden.
€ 18,90   €[A] 19,50   
ISBN: 978-389561-277-0

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Tag für Tag und besonders Wochenende für Wochenende lese ich in den Literaturbeilagen mit Entsetzen von den neuen Büchern der Kollegen. Alle unheimlich produktiv. Und selbstsicher. So an den Haaren herbeigezogen kann eine Story gar nicht sein, dass der Kollege nicht felsenfest davon überzeugt ist, ein Meisterwerk geschaffen zu haben. Das musst du heute auch sein, weil in jedem mickrigen Persönlichkeitstraining erfährst du ja, dass niemand von deiner Sache überzeugt sein kann, wenn du es nicht selbst bist. Aber umgekehrt stimmt die Sache natürlich nicht immer. Von mir aus kann so ein Kollege von seinen Schnapsideen überzeugt sein, wie er will, mich überzeugt er damit noch lange nicht. Mir wird nämlich sehr schnell langweilig bei diesen Kunsthandwerksbüchern, die da heute der Reihe nach erscheinen und gelobt und gepriesen werden, dass du nur so mit den Ohren wackelst. Und die Jungs featuren sich noch gegenseitig! Da lobt der eine den anderen wer weiß wie über den grünen Klee, und jeder Insider weiß, dass die beiden beste Freunde sind. Aber es gibt nicht nur die besten Freunde, es gibt auch die besten Literaten weit und breit. Und es ist wahrscheinlich immer ein schönes Gefühl, wenn man selbst bestimmt, wer das ist. Eine Lobby ist eine Gruppe von gleich Gesinnten oder besser: eine Gruppe von Menschen, die gleiche Interessen hat. Ein wirklicher Schriftsteller hat naturgemäß keine Lobby, weil niemand hat die gleiche Gesinnung wie er. Und Interessen hat er auch keine. Darum ist er ja Schriftsteller geworden: interesseloses Wohlgefallen! Siehe Immanuel Kant! Nicht einmal Einzelgängertum schützt vor Kitsch und Kunsthandwerk. Da gibt es unzählige Beispiele. Der Einzelgänger glaubt nämlich oft nur, dass er wahnsinnig einzelgängerisch ist, und in Wirklichkeit ist er sagenhaft angepasst, aber mit den Händen auf dem Rücken und der Nase in der Luft. Zur Schau gestellte Bescheidenheit und innere Hochnäsigkeit liegen ja bekanntlich ganz nahe beieinander. Aber ich will mich da jetzt nicht hineinsteigern. Nur andeuten, wie deprimierend die Literaturbeilagen sein können. Es kann natürlich auch ganz anders sein.
Du liest in der Literaturbeilage einer Zeitung über das neue Buch eines Kollegen und bist begeistert! Schon während du den Artikel liest, fühlst du dich angeregt. Du springst hoch, stürzt zu deiner Schreibmaschine, um dir Notizen zu machen, und plötzlich ist die Blockade da. Hart, metallen, geradezu unüberwindbar. Du weißt nicht mehr, was du gerade noch anregend fandest, Stoff, Inhalt und Form zerfallen dir im Kopf wie Zuckerwatte im Mund. Zurück bleibt ein süßer Geschmack auf der Zunge und Übelkeit. Es wird die allgemeine Sinnkrise sein, die alles so erschwert. Besonders natürlich das Schreiben. Alles schon tausendmal geschrieben, sagt sich der Schriftsteller in der Sinnkrise, was soll ich dem noch hinzufügen? Er verlegt sich dann auf die Form, weil da hat er noch die größere Hoffnung, etwas Neues bieten zu können. Aber was die meisten Schriftsteller für das Neueste halten, ist ja meistens auch schon ein alter Hut. Die Romantiker haben eigentlich schon alles ausgelotet. Bleibt nur die Verpackung. Das Rundherum. Die Werbung lehrt uns, wie man das macht: Es darf gar nicht um die Sache selbst gehen und auch nicht um ihre Form. Trotzdem muss irgendwie, nebenbei sozusagen, das Produkt durchschimmern, das jeder dann kaufen will. Aber wie ich vor dreißig Jahren schon dem Herrn von der Arbeiterkammer (mittlerweile ist er in Pension, ich nicht), der meinen Beitrag zum Literaturwettbewerb aus formalen Gründen nicht annehmen wollte, gesagt habe, stelle ich Literatur her und keine Klodeckel. Ich mache deshalb keine Produktwerbung. Und das ist bis heute meine Überzeugung. (Obwohl ja der Klodeckel im Gegensatz zur Literatur wenigstens noch zu etwas nütze ist, das muss auch einmal gesagt werden.) Jetzt muss man natürlich auch sagen, dass das schon immer so war. Denken Sie nur an die literarischen Salons und was für ein Kitsch und Quatsch da immer schon vorgetragen wurde. Oder die literarischen Zeitschriften, »Gartenlaube« und so weiter. Da darf man sich nicht wundern, dass es das auch heute noch gibt. Nur eben in anderer Form. Weil irgendwann haben die Deutschen und die Österreicher entdeckt, dass Schriftsteller anderer Länder weitaus witzigere und unterhaltsamere Bücher schreiben, und da haben sie sich gedacht: Heben wir die Trennung zwischen U und E auf und schreiben wir auch witzige und unterhaltsame Bücher. Nur: Das gelingt halt nicht immer. Was dem Engländer möglicherweise im Kolonialblut liegt, muss dem Deutschen noch immer nicht unbedingt aus der Blockwartmentalität herausspringen.
Naturgemäß läge da dem Österreicher der Krimi am ehesten. Allein schon wegen seiner blutigen Vergangenheit. Mord und Totschlag sind ihm vertraut. Auch die Verdrängung derselben. So ein Krimi soll ja dem Leser Genuss bereiten. Da ist es geradezu günstig, wenn der Autor alles verdrängt und unzählige Geheimnisse hütet. Sonst würde ja niemand so einen Krimi aushalten. Es gibt unter den sogenannten literarischen Krimis ja mittlerweile alle Unterformen: den antifaschistischen Krimi, den historischen Krimi, den Professorenkrimi, den feministischen Krimi, den Krimireiseführer, den besonders blutrünstigen Krimi, den Krimi mit dem besonderen Understatement, den avantgardistischen Krimi, den Gourmetkrimi und so weiter. Da bist du ja heute geradezu literarisch ausgegrenzt, wenn in deinem Buch kein Mord vorkommt. Da brauchst du nur sagen: Nein, kein Mord, und schon wird dein Buch zur Seite gelegt. Aber niemand spricht davon, dass alle Krimis eben doch letztlich Unterhaltungsliteratur sind und sonst gar nichts. Jetzt ist es schon passiert, sehen Sie! Ich habe mich doch festgebissen. Das liegt an meinem Pflichtbewusstsein. Statt dass ich mich nämlich einfach draußen auf die Terrasse in die Sonne lege, sitze ich am Laptop und versuche krampfhaft zu arbeiten.

Rezensionen

»Schreiner ist eine radikale Autorin, nicht in der Form, aber im Inhalt. Sie operiert mit Rasanz und schneidender Ehrlichkeit, (...) bohrt in Wunden, bis es weh tut.«
Daniela Strigl, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Schreiner schreibt natürlich, und nicht erst in diesem Buch, über sich selbst. So ›haargenau‹, so präzise und anschaulich (...).«
Der Spiegel

»Ein brillant geschriebenes Stück Rollenprosa. Margit Schreiner lesen ist ein Vergnügen!«
Lothar Lohs, Bühne

»Haus, Friedens, Bruch. liest man mit viel Ernst und mit viel Freude.«
SWR

»Ein starkes Stück Rollenprosa, ein virtuoser Monolog über das Scheitern, vortragsreifer Verbal-Slapstick.«
Spiegel Special

»Schonungslos radikal und voll hintergründigem Witz. Einerseits sehr lustig, andererseits aber auch sehr traurig.«
Wiener Zeitung

»Schreiner hat einen ausgeprägten Sinn fürs Groteske, die paradoxe Perspektive. Immer wieder tastet sie nach den Rändern der Erinnerung und des Bewusstseins (...)«
Spiegel Online

»Margit Schreiners Ich-Erzählerin grantelt gegen das deutsche Feuilleton, gegen esoterische Buddhisten und Feministinnen. Vor allem aber gegen sich selbst. Ein furioser Monolog.«
Michael Schornstheimer, NDR Kultur

»Haus, Friedens, Bruch. ist Margit Schreiners neuester Monolog. Darin ist die Linzerin Weltklasse.«
Peter Pisa, Kurier

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