Magdalena Tulli: Getriebe

Magdalena Tulli
Getriebe

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky

160 Seiten. Gebunden
€ 18,90   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-460-6

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Welten erschaffen! Nichts ist leichter als das. Angeblich werden sie aus dem Ärmel geschüttelt. Und wozu? Um das Auge mit ihrem Schillern zu erfreuen, wenn sie zitternd wie Seifenblasen ins Licht aufsteigen. Dann verschlingt sie wieder das Dunkel. Während sie emporsteigen, sind sie schon so gut wie versunken. Doch sind sie nicht schön? Ohne tieferen Gedanken werden sie heraufbeschworen, dann leichthin ins Leere geworfen, niemandem ist daran gelegen, sie zu retten. Mehr weiß auch der Erzähler nicht, eine eher untergeordnete Figur. Mit Bedauern gesteht er es ein. Allein vollendeten Fakten gegenübergestellt, ist er vor allem um eines besorgt: nur nicht gleich mit dem ersten Satz in Banalitäten zu verfallen. Wenn er könnte, würde er am liebsten die Hände in die Taschen stecken und davonschlendern, die ganze Sache dem Schicksal überlassen, auf das er keinen Einfluss nehmen darf, zumindest jedoch in einem hartnäckigen, beredten, arroganten Schweigen verharren. Doch der Erzähler sieht ein, dass er nirgendwo hingehen kann. Mit dem Privileg der Arroganz ist er auch nicht ausgestattet. Die Art Leben, die ihm zuteilgeworden ist, sofern man das überhaupt als Leben bezeichnen kann, bietet keine Wahl, für den ganzen Sinn seiner Existenz muss eine kleine, von irgendjemandem nachlässig aus dem Ärmel geschüttelte Geschichte herhalten. Nach Objekten und Prädikaten gierend, verkrallt sich diese in ihr Gewebe wie ein seltener Parasit. Der Erzähler würde gerne darauf vertrauen, dass derjenige, der ihn berufen hat, mehr weiß, das Ganze im Griff hat und den Schluss kennt. Doch der tritt weder auf dieser Seite noch auf den folgenden persönlich in Erscheinung, lässt auch Briefe und Faxe unbeantwortet. Vielleicht faulenzt er schon seit Wochen im Bett herum, zwischen zerwühlten Decken, mit dem Rücken zur Welt, umgeben von leeren Flaschen oder benutzten Spritzen, wer weiß? Sobald nun eine tragische Wendung in den hinteren Sitzreihen für Kichern sorgt oder ein Scherz in trübsinniger Stille erstarrt, begreift der Erzähler, dass niemand hinter ihm steht, dass alles allein auf seine Kappe geht. Er ist gehalten, kleinlaut einen Punkt zu setzen und zum nächsten Satz überzugehen, als wäre nichts geschehen. Wie ein Clown in karierten Hosen, der, kaum ist er unter den Lachsalven des Publikums vom Schemel gefallen, eine wacklige Leiter hinaufklettert, ohne seinen Monolog zu unterbrechen, eine bemitleidenswerte Gestalt, unwiderruflich in die sägemehlgelben Niederungen der Manege verbannt, immer wieder auf ebener Erde stolpernd, lebenslänglich in der Ausweglosigkeit des Spektakels befangen. Die Nummern, die man in einer sägemehlbestreuten Arena zeigen kann, sind jedem in den Sitzreihen bis zum Überdruss bekannt, selbst den kleinen Kindern, die in Erwartung der Kunststücke des Elefanten unruhig hin- und herrutschen. Auch die Monologe kennt man dort, auswendig kennt man sie, bis hin zum runden Knopf des Schlusses, an dem die Knopfschlinge des Anfangs befestigt wird, bis hin zur fragwürdigen, kaum überzeugenden Pointe, auf die nur mit Schulterzucken reagiert wird. Jedes Wort hat man schon mindestens hundertmal gehört. Vielleicht in anderen Sätzen, aber was hat das schon zu sagen? Für die Einzelheiten interessiert sich niemand. Das alles ist sich so ermüdend ähnlich, sagen die trüben Blicke. Und deshalb eben ist es besser, Leser zu sein als Erzähler. Es macht Spaß, kaugummikauend die raschelnden Seiten mit schnellen Bewegungen umzublättern und nach der letzten Seite den Band mit leichter Hand wieder ins Regal zu stellen. Das ist eine bessere Schicksalsfügung als die alberne Jagd nach dem fliehenden Erzählstrang, verheddert in halsbrecherische Darbietungen der Seiltänzer und betrügerische Tricks der Illusionisten, nur um zu guter Letzt noch einen von einem Unbekannten geworfenen glitschigen Apfelbutzen mitten auf die Nase zu bekommen. Dort, in der Mitte der Arena, auf die etliche hundert Blicke gerichtet sind, ist fast alles möglich, und nichts überrascht – nur gehört es sich nicht, mit demselben großen gepunkteten Taschentuch, das eben noch als Requisit gedient hat, sich die Stirn abzutupfen. Eher schickt es sich, mit einem breiten, grellrot auf die Wangen geschminkten Lächeln etliche Verbeugungen zu vollführen. Und ohne Rücksicht auf das Wohlergehen der eigenen Hand ein ums andere Mal mit einer speckigen Melone durch die Luft dicht über dem Boden zu fegen. Kaum hat der Erzähler die erste Gelegenheit für einen Punkt erreicht, da bezweifelt er schon, ob eine Zirkusfarce imstande ist, die ganze Schwere dessen zu tragen, was hier eigentlich gesagt werden soll. Möglicherweise können die gelangweilten Zuschauer, die den Blick auf das Rund der Arena richten, für die Außenwelt nur so viel Gespür aufbringen, dass sie jede Verbeugung ganz wörtlich nehmen. Wenn die Stimme des Erzählers zu beharrlich Aufmerksamkeit heischt, zieht sie Ärger und Verdruss auf sich, selbst die bescheidene Bitte um ein paar Groschen würde ein geneigteres Ohr finden. Keine Chance gibt es für ein einvernehmliches Zwinkern, nicht den Schatten einer Gemeinsamkeit. Keine Rettung vor der Einsamkeit in Sicht. Doch da wir schon bei Vergleichen sind – ist es nicht besser, Erzähler zu sein als Person? Wer will denn schon Person sein und über das zwischen verlorener Vergangenheit und ungewisser Zukunft gespannte Seil schreiten, wie ein Akrobat im engen Trikot, unter dem sich das Spiel der Muskeln und die Anspannung des wehrlosen Bauches abzeichnet? Und das alles reicht ja noch nicht: Nach wenigen Augenblicken schon nickt das Publikum vor Langeweile ein, es sei denn, dem Akrobaten gesellt sich noch eine glitzernde Partnerin zu, im knappen paillettenbestickten Kostüm, das in der Schultergegend mit einem Paar großer Schmetterlingsflügel geschmückt ist. Wenn sie ebenso verrückt oder dumm ist wie er, wird sie sich über dem Abgrund in seine Arme stürzen, voll zwangsläufig blindem Vertrauen auf ihn oder das Sicherheitsnetz, sofern dieses aufgespannt ist. Allerdings kann ihre Darbietung nur ohne dieses Netz wirklich großartig sein. Der weite Raum über den Köpfen verschlägt allen den Atem, und einen Augenblick lang mögen sich die Zuschauer ausmalen, dass ihre eigenen Körper auf den Seilen dort in der Höhe balancieren, wo es keine sichtbaren Beschränkungen und allem Anschein nach Freiheit in Hülle und Fülle gibt. Dass sie sich dort treffen und trennen und über dem Abgrund aneinander vorbeisausen und ihnen der weite Raum gehört. Wie dem auch sei, eine Trennung ist unvermeidlich: Er hat den dreifachen Salto mit Landung auf der Trapezstange vor sich. Das mag allerdings etwas übertrieben sein, wenn man den üblichen Wortlaut der Vertragsbedingungen bedenkt, wo alles Wesentliche knapp und sachlich in Ziffern ausgedrückt ist, die Gefahr jedoch, in die sich die eine der Parteien mit einer leichtfertigen Unterschrift begibt, stillschweigend übergangen wird. Was er hier in die Wagschale wirft, ist ein unschätzbares Gut, das im Verlustfall unersetzlich ist. Nicht einmal eine Lebensversicherungspolice, ein Dokument von zweifelhafter Redlichkeit, das schon in seinem Titel mit oberflächlichen Versprechungen frappiert, kann da noch von Nutzen sein. Leider hat ein Akrobat nichts gelernt, als über dem Abgrund zu balancieren, er kann nichts anderes und tut also das Seine, während seine Partnerin ins Leere stürzt. Ihre Pailletten schillern, die Schmetterlingsflügel rauschen, während sie kopfüber nach unten fliegt, als würde sie in dieser Nummer zu nichts mehr gebraucht. Doch ihr Auftritt ist noch nicht zu Ende, gerade rechtzeitig ergreift sie in der Luft das Trapez, das in weitem Bogen dort oben schwingt, und noch einmal saust sie über unseren Köpfen dahin und steigt auf in den Raum. Wenn sie sich nicht den Hals bricht, werden sich die beiden auf der zitternden Plattform unter der leicht verschossenen Himmelskuppel treffen und von dort aus gemeinsam in die Mitte der Arena hinabschweben, als wären sie vom Mond gefallen. Er wird sie um die Taille fassen, sie werden sich nach rechts und links verbeugen, und das Orchester spielt einen Tusch. Sie steigen in gehobenen Hotels ab. An einem schneeweiß gedeckten Tisch lassen sie die Ecken der Morgenzeitung in den duftenden Kaffee sinken und bestreichen ihre Brötchen mit Butter. Bevor ihnen überhaupt irgendetwas widerfährt, bildet das diskrete Klappern von Besteck und Tellern den Auftakt, von draußen mischt sich der Klang von Hupen ein. Hier und da ertönen im Wechsel die Melodien von Mobiltelefonen. Die Morgengeräusche sind chaotisch und doch vielversprechend, wie eine Wolke aus Tönen leer gestrichener Saiten, in der zufällige Bruchstücke des bevorstehenden Konzertes aufklingen, die das Orchester hier und dort, schnell und ohne Ausdruck, in ironischer Verkürzung beim Stimmen der Instrumente aufgreift. Alles erscheint möglich, wenn der Abend noch so fern ist.

Rezensionen

»Getriebe erzählt vom Betrug mit, auch dank Esther Kinskys Übersetzung, in trügerisch-wunderbarer Leichtigkeit.«
Jörg Plath, Neue Zürcher Zeitung

»Eine eindeutige Lösung oder gar Wahrheit gibt es nicht. Der Erzähler bleibt Weltenschöpfer, Clown und Zauberkünstler. (...) Zauberkünstlerin ist übrigens auch Tulli selbst.«
Die Welt

»Eine faszinierend verfasste poetische Parabel über das Erzählen von Geschichten.«
Buchkultur

»Ein Artistenpärchen (...) und ein Erzähler, der keinen Hehl aus seiner Unlust zu erzählen macht - das sind die wenigen Konstanten im (...) beeindruckend komplexen Roman von Tulli.«
Christina Zoppel, Wiener Zeitung