Klaus Schafmeister: Höllenfahrt

Klaus Schafmeister
Höllenfahrt

Roman

360 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-450-7

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Der Chef vom »Bischof Absalon« hat Engelke am Morgen des ersten Februar 1961 ins Kontor rufen lassen und ihr das Telegramm in die Hand gedrückt VATER SCHLAGANFALL – LEBENSGEFAHR – SOFORT KOMMEN – OELKES.
Mehr stand nicht da.
Sie bekommen natürlich Urlaub, brauchen Sie mehr als sieben Tage?
Die Frage des Maitre konnte Engelke nicht gleich beantworten, sie entschloss sich aber zu einem wohl kaum!
Der Alte war Jahre weit weg gewesen, ein spärlicher Besucher; der Auszug damals war gar nicht schön: die Tochter verloren an einen Dänenburschen, an Kopenhagen, den Moloch.
Und der »Walfisch«? Geh zum Teufel, undankbarer Balg! Hure!
So sind die alten Schädel.
Er hatte natürlich im »Bischof Absalon« wohnen müssen mit Blick auf die Carlsberg-Brauerei, logisch, wenn der Vater nach einem Jahr herkommt und sich überzeugt, dass die Tochter doch nicht in Vesterbros Hurenhäusern gelandet ist, sondern richtig beim »Bischof« in Vollpension mit Fisch-Restaurant.
Ist eine Woche später wieder heim nach Holgrunt.
Dabei blieb es jahrelang. Niemand hat unstillbares Verlangen nach dem anderen gehabt, ein Kärtchen hier, ein Briefchen da. Verziehen hatte der Alte ihr nicht. Aber sie waren einander im ausreichenden Maße gewiss und im Fall des Falles greifbar, das wusste man, das reichte ja auch.
So hielt sich Engelke Kristensen im Stadtteil Vesterbro verborgen, dem Kopenhagener Arbeiterviertel, wo du keine Pelzgeschäfte findest, aber eben die Carlsberg-Brauerei, dazu Puffs und Rabaukenkneipen, wo sich auch heute immer noch das Leben entfaltet, abspult, wo immer noch die »gewöhnlichen Leute« leben und auf den Hund kommen.
Diese Leute.
Daran musste sie denken beim Blick aufs Telegramm.
Vier Jahre sind ein kleines Stück Ewigkeit. Aber ein Schlag ist ein Schlag und zweifellos was ganz Großes.
Und dann kam es ihr doch mit Rotz und Wasser über den Alten.

Am Frühmorgen des zweiten Februar setzt sie sich also in die Bahn, ist mit der Fähre über den Sund, im Omnibus über die Straßen, die Hügel, die Brücken, Geest, Marschen, immer der Nase nach.
Am späten Mittag steigt sie in Klippsbüll aus dem Bus, holt tief Luft: wie früher das gleiche Fischmehl!
Traut sich nicht gleich hinaus nach Holgrunt. Macht Mittag im »Kiek in«, wie die Lokalität hieß, als Engelke auf und davon ist. Jetzt riecht die Hütte nach Bratenfett und nennt sich »Schlemmertempel Godewind – das Pommes-Paradies«, wo fettige Engel in himmelblauen Blusen daherschweben mit dem Tempel hinten drauf und dem Paradies vorne dazwischen gedruckt. Dazu tragen die Himmlischen statt Flügeln Eisverkäuferschiffchen, der Mint im Eck lärmt bei der Super-Sieben, was die siedenden Madonnen jedoch einen Dreck interessiert, und aus ihrem Öl sehen sie schon gar nicht auf!
Ach guck: die Daniela Boysen, das Sardinenkind – die arbeitet hier behalt die neumodernen Kartoffelfleppen, gib Nudelsalat mit ner schönen Holzkohlebratwurst, hey Dani, lange nicht gesehen!
Doch Dani hat für Engelke nur ein müdes Hallo übrig.
Ahnte Engelke, dass sie Amalia Boysens Tochter, ihre Kinderspielgefährtin, nicht wiedersehen wird, weil die sich eine Woche später um den Baum faltet mit ihrer Isetta, mit ihrem Mann und dessen blökendem Asthma, ahnte sie das, ließe sie sich nicht so kurz abspeisen.
Aber so bleibts beim Hallo! für die Ewigkeit.
Das Wetter zeigt Mitleid. Es ist zwar kalt, aber sonnig überm Dunst. Postbootsmann Oelkes ist zu diese Stunde natürlich nicht greifbar, Engelke heuert deshalb den Michael, den Jüngsten vom Hellinghofbauern, ein wenig blöd zwar, aber mit einem stabilen Motorkahn. Der pröttelt sie ausnahmsweise hinüber für zwei Mark bist wieder da? Dann komm, Frollein Engelke, jetzt fahrn wir übern See!
Sieben Kilometer, sieben Stoßgebete. Sie taucht zurück in den Nebel, der augenblicklich verflog, als Engelke schaut her: Ich bins! Kopenhagen erschütterte. Das Boot biegt aus dem Spätnachmittagsdunst und um die letzte Klippe: der Anleger, der »Walfisch«, die sieben Häuser, die Kapelle, die Erinnerungen – Holgrunt liegt wohlig ausgestreckt im Watt und grüßt die verlorene Tochter.

Der Helling-Sohn bietet der Engelke den Arm fürs sichere Aufentern auf die Plattform, sie ist aber mit einem Satz vom Kahn, über die Planken und durch die »Walfisch«-Luke, lässt das Parterre mit dem Doktor, der Boysen und dem Brandinck hinter sich, springt gleich hinauf zum Vater.
Und als sie ihn liegen sieht mit den glasigen Augen, den blauen Lippen, die Hände zusammengekrampft und mit einer so spitzen Nase, als wolle er damit den Himmel aufreißen, da stürzt sie auf ihn ein, macht seine Lippen mit ihren Tränen heiß und nass und will ihn auftauen aus seinem ewigen Eis.
Sitzt am Bett bis zum Sonnenuntergang, sieht den Staub in den letzten Strahlen tanzen, steckt dem Jesus an der Wand eine Schießbudenrose zu Füßen. Sitzt weiter da, bis Amalia sie herabzieht zum Abendbrot. Das würgt sie herunter, während die Boysen in der Küche kramt, brummelt, dass nichts unsterblich sei unterm Himmel, der Kristensen vom Schlag getroffen und Gott bald seiner Seele gnädig in drei Teufels Namen!
Der Doktor ist praktischerweise mit Jung Michael zurückgefahren. Hoffnung hat er nicht gehabt Schlaganfall, ich kann Ihnen nur den Sauerstoff hierlassen, die Tabletten. Ihr Vater lebt. Wie lange noch, weiß ich nicht. Jedenfalls ist er nicht transportfähig, müssen abwarten.
Und die Amalia Boysen sagt darauf laut und deutlich vor sich hin, es wär für den Alten und eigentlich für alle eher eine Gnade, könnten sie den Paale Kristensen bald einem Klippsbüller Acker ins Maul geben, die Grube von den Grabeknechten zupoltern lassen mit friesischer Erde. So die ihn überhaupt haben wolle.

Danach ist Engelke wieder hinauf. Und irgendwann kriegt sie einen Hass verflucht, warum das alles? Einen Hass auf den Gott, der so was einfädelt, zweifach verflucht und dreifach warum gerade Papa warum gerade ich und überhaupt! Reißt das Kreuz von der Wand, wirfts ins Feuer und schreit zum Bischof Absalon.

Rezensionen

»Packend beschreibt Klaus Schafmeister die Sonderlinge, die Geheimniskrämerei, die Enge auf dem fiktiven Eiland - und den Sturm, der alles aus den Fugen hebt.«
GEO Special

»Jede Zeile des düsteren Anti-Heimatromans spricht von der Passion, die Schafmeister animiert haben muss, sich (...) in die menschenfeindliche Extremprovinz einer winzigen Nordseeinsel zu versetzen (...). «
Dorothea Dieckmann, Neue Zürcher Zeitung

»Eine Enthüllungsgeschichte, einen Roman nach dem Muster des analytischen Dramas, hat Schafmeister geschrieben. (...) In der Tat ist Höllenfahrt groß und apokalyptisch«
Michael Schweitzer, Kommune

»Gehalten in einer kraftvollen, zuweilen ungewohnt barocken Sprache, kann es vorkommen, daß der Leser zwischendurch aufschrickt und froh ist, sich im Lesesessel (...) vorzufinden.«
Frank Keil, mare

»So rau die See und die Seelen der Hallig-Bewohner sind, so knapp und kraftvoll erzählt Schafmeister (...). Ein gelungenes Debüt - beklemmend spannend und sprachlich interessant.«
dpa