Juli Zeh: Das Land der Menschen

Juli Zeh
Das Land der Menschen

Mit farbigen Zeichnungen von Wolfgang Nocke

80 Seiten. Gebunden
€ 16,90   €[A] 17,40   
ISBN: 978-3-89561-432-3

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»Manche Dinge kann man nicht erzwingen, Robs«, sagte die Mutter.
Die Mutter stand im Wohnzimmer vor dem ¬Bügelbrett. Der Fernseher lief, und von Zeit zu Zeit setzte sie das Bügeleisen ab, um einer be¬sonders ¬interessanten Szene zuzusehen. Es klapperte in der Metallhalterung und zischte, wenn die Mutter das Eisen wieder aufnahm und den Knopf für Bügeldampf drückte.
Robs stand auf der Couch am Fenster und press-
te die Nase an die Scheibe. Wenn sein Atem das Glas so sehr beschlagen hatte, dass er nicht mehr hi¬naussehen konnte, rückte er ein paar Zentimeter zur Seite und starrte weiter auf die Straße. Es wurde gerade dunkel. Die Laternen brannten noch nicht, aber manche Autos fuhren schon mit Licht.
Im Lauf des Tages war Robs mindestens zehn-
mal auf die Couch geklettert. Das Wohnzim¬¬mer¬fenster eignete sich gut als Beobachtungspos-
ten. Robs konnte die Ellenbogen bequem auf die Fensterbank stützen und das Kinn in die Hände ¬legen. Immer hatte er ein paar ¬Minuten ¬gewar-
tet, ¬bevor er sich enttäuscht abwandte und in sein ¬Zimmer ging.
»Guck doch mal«, rief die Mutter, »Hawaii!«
Auf dem Bildschirm rauschten türkisfarbene Wellen an einen weißen Strand.
»Die haben immer Sommer«, sagte die Mutter. »Und hier ist nur das Bügeleisen heiß.«
Robs ging zum Wohnzimmertisch und nahm sich ein Plätzchen aus der flachen Schale. Es schmeck¬te nach nichts. Der Adventskranz da¬neben sah echt aus, roch aber nach Plastik und ¬Badeseife. Drei der dicken Kerzen waren schon ¬angebrannt.
»Ich drehe mal die Heizung höher«, sagte die Mutter.
»Pfff«, machte Robs, wobei Kekskrümel durch die Luft flogen. Schnell wischte er sie mit der Hand vom Tisch.
»Es ist doch sowieso viel zu warm«, rief er der Mutter hinterher, aber die drehte im Nebenzimmer schon am Thermostat.
»Nicht jeder ist so ein Schneemann wie du«, sagte sie, als sie zurückkam, und zeigte auf das dicke Buch auf dem Couchtisch.
»Schau dir ein bisschen die Pinguine an.«
»Pinguine!«, rief Robs empört. »Das ist ein Buch über den Nordpol. Pinguine leben am Südpol.«
Er warf sich aufs Sofa und schlug das Buch auf, das er nur mit beiden Händen halten konnte. Niemals wurden ihm die Fotografien langweilig. Im Gegenteil fand er sie jedes Mal, wenn er sie betrachtete, noch schöner. Im bleischwarzen Meerwasser schwammen riesige Eisberge, ganze Burgen und Paläste aus Kristall, in denen sich Sonnenstrahlen brachen. Eskimos standen neben ihren schmalen Booten aus Robbenhaut, saugten das Mark aus ¬Möwenfedern und kauten auf Streifen von ge¬trocknetem Walspeck. Am liebsten mochte Robs den Eisbären. Er stand mit weit gespreizten Pfoten auf dem Packeis, das gerade unter ihm zu brechen ¬begann. Robs musste immer wieder über seine ¬verdutzte Miene lachen. Das Buch enthielt auch Geschichten. Die beste handelte von einem Eskimo-Mädchen, das vom Vater einen jungen Schlittenhund geschenkt bekommt und ihn selbst erzieht. Der Hund soll ein ganzes Gespann führen, wenn er groß ist. Zusammen geraten sie in einen Sturm, der übers Inlandeis fegt und die Möwen wie Papierschnitzel durch die Luft wirbelt. Das Mädchen und der Hund verlieren sich und müssen ¬manche Abenteuer bestehen, bis sie einander wiederhaben.
»Liest du mir etwas vor? Die Geschichte mit dem Hund?«
»Ach Robs, du siehst doch, dass ich zu tun habe«, sagte die Mutter.
Mit einem lauten Knall schlug Robs das Buch zu und fing an, die Fransen eines Sofakissens zu Zöpfen zu flechten. Inzwischen war es draußen ganz dunkel geworden. Das Wohnzimmer spiegelte sich in der Fensterscheibe. Einzelne Tropfen liefen am Glas herunter. Die Autos zischten auf der nassen Straße. Es war ein trauriges Geräusch.
»Glaubst du, es wird noch schneien?«, fragte Robs.
Die Mutter zuckte mit den Schultern:
»Der Wetterbericht meint, es sei noch zu warm.«
»Aber letztes Jahr fing es doch schon in der Woche vor Weihnachten an!«
Robs konnte sich gut daran erinnern. Am drit-
ten Advent hatte eine dicke Schneeschicht auf der Straße gelegen. Die Autos fuhren langsam und ¬hin¬terließen dicke, weiche Spuren. Ihre Reifen knirschten. Nachmittags zog er mit Ferdi den Schlitten in den Park. Ferdis Hund Nellie war auch dabei. Robs wollte mit Nellie und dem Schlitten ein Hundegespann bauen, aber Ferdi hielt ihn davon ab. Sie stritten lange darüber, ob Nellie ein Schlittenhund sein konnte oder nicht. Die Hunde in Robs’ Buch waren groß und grau wie Wölfe. Nellie war schwarz und ziemlich klein.
»Den Ferdi darf man nicht mit Schnee bewerfen«, sagte Robs, »weil er aus Italien kommt. Im-
mer friert er.« Dass Ferdi jetzt zu allem Überfluss eine Freundin hatte, verschwieg er. Verächtlich schnaubte er durch die Nase.
»Ich könnte sogar im Schnee übernachten«, sagte er, »wie in einem riesigen, weißen Bett.«

Rezensionen

»So schön wie der erste Schnee und weiße Weihnacht zusammen.«
Brigitte

»DAS LAND DER MENSCHEN ist ein geträumtes Märchen von einem stillen weißen Winter, von Freundschaft und Heimweh.«
Claudia Toll, spielen und lernen

»Wie die meisten guten Kinderbüchern beginnt auch die Geschichte von Robs und dem Eskimomädchen mit einer Sehnsucht.«
Claudia Voigt, SPIEGEL online

»In Juli Zehs zauberhaftem Buch DAS LAND DER MENSCHEN geht ein Junge auf die Suche nach dem Schnee - und erlebt Märchenhaftes.«
Nürnberger Zeitung

»Zehs erstes Kinderbuch ist ein liebevolles Wintertraummärchen zum Vor- oder Selberlesen für alle, die das Wunder von Eis und Schnee nicht kalt lässt.«
kult

»Der besondere Charme dieses ganz unverschämt welt- und menschenfreundlichen Buchs liegt in den klaren, leuchtenden und einleuchtenden Bildern, die Juli Zeh für ihr Tagtraumgrönland findet.«
Neue Ruhr Zeitung

»In ihrem ersten Kinderbuch erzählt (...) Juli Zeh ein zauberhaftes Märchen von der Freundschaft, von warmen und kalten Gegenden und dem fragilen Gleichgewicht unserer Erde.«
Düsseldorfer Nachrichten

»Ein schönes Buch für alle Kinder, die den Winter lieben. Sie werden es begeistert lesen.«
Stuttgarter Zeitung

»Juli Zeh schreibt klar und einfach, und ihre Sprach-Bilder sind genau so anschaulich wie die großen, bunten Illustrationen von Wolfgang Nocke.«
Allgemeine Zeitung

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