Juli Zeh: Alles auf dem Rasen

Juli Zeh
Alles auf dem Rasen

Kein Roman

296 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-059-2

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Genie Royal

Schlecht gelaunt saß ich sinnend im Garten hinter der Villa des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, als etwas in den Büschen raschelte und plötzlich hervortrat, nicht weniger grün als das Gebüsch selbst.
Er sei Kulturbeauftragter, stellte er sich vor, vom Mars. Ob ich sagen könne, was ein junger Autor sei? – Dem kann geholfen werden, dachte ich, klemmte die Faust unter das Kinn und richtete den Blick in die Ferne.
»Junge Autoren«, antwortete ich schließlich, »sind wie CRITTERS. Klein und hinterhältig, und niemand weiß, wie sie aussehen. Es sei denn, sie treten im Fernsehen auf.«
Aber an irgendetwas müsse man sie doch erkennen? Vielleicht am Alter?
»Nun ja«, entgegnete ich. »Alter ist eine relative Größe. Vor kurzem noch galt ein Schriftsteller ab vierzig als junger Autor. Dann verfasste Benjamin Lebert sein erstes Buch – nach dieser Rechnung vor der eigenen Zeugung. Junger Autor kann man von minus fünf bis plus fünfundfünfzig Jahren sein.«
Aber es stimme doch, beharrte der Marsbewohner, dass junge Autoren gelegentlich etwas niederschreiben?
»Ach, Schreiben«, seufzte ich und schüttelte den Kopf, »ist ebenfalls eine relative Größe. Meist heißt es, schreiben könnten junge Autoren am allerwenigsten.«
Der Marsianer schaute verdutzt. Er hatte die terrestrische Jungliteratur-Debatte eingehend studiert und recherchierte für ein Feature über Fetische primitiver Kulturen. Schnell fasste er seine Resultate für mich zusammen: Entstanden ist die junge Autorenschaft, weil Schriftsteller nicht wie Popstars zehn Jahre lang Gitarrenunterricht nehmen und sich die Augenbrauen piercen müssen, um berühmt zu werden und morgens lange im Bett bleiben zu dürfen. Ihre Kampftaktik besteht darin, arglosen Lesern zu suggerieren, sie wollten ihre Bücher lesen und nicht die von Goethe, Mann oder Grass. So vergiften sie die abendländische Kultur, töten den Regenwald und reißen nach und nach die ganze Welt in den Abgrund. Ob das zutreffe?
»Hundertprozentig«, bestätigte ich. »Dennoch bemerkt es der Ungeübte nicht immer, wenn er einen von denen vor sich hat. Nehmen Sie im Ernstfall zuerst eine Geschlechtsbestimmung vor, denn die Weibchen sind noch gefährlicher als die Männchen. Sie heißen Fräulein Wunder oder Shooting Starlet und haben mehr Seiten als ihre eigenen Bücher. Und jetzt: Viel Glück und schönen Tag noch.«
Halt! Mir könne er es ja sagen: Gern finge er sich einen jungen Autor zu Forschungszwecken. Ob ich nicht wisse, in welchem Kaffeehaus man am ehesten welche träfe?
»Kaffeehaus?«, spottete ich. »Die Zeiten sind vorbei. Heute gibt es ein ganzes Trainingslager für junge Autoren. Am Deutschen Literaturinstitut sammeln sich mindestens hundert von ihnen. Dort produzieren sie zum Getrommel ihrer Meister einen Erfolgsroman nach dem anderen und heben nur die Köpfe, wenn gelegentlich ein Journalist vorbeikommt, um zu fragen, ob man Schreiben überhaupt lernen könne. Und das...«, an dieser Stelle hob ich Stimme und Faust, »ist doch wohl eine berechtigte Frage. Schließlich verlangt Schöpfertätigkeit Genie. Gott hat auch kein Seminar in Welterschaffung absolviert.«
»Hätte er tun sollen«, meinte der Marsmensch und zückte einen Notizblock. »Und, kann man es lernen?«
»Die jungen Autoren«, sagte ich, »geben darauf abwechselnd drei Antworten. Erstens: Ja, in der Grundschule, mit Griffel auf Schiefer. Zweitens: Nein, ich konnte das schon vor meiner Zeugung und habe mit minus fünf Jahren besser geschrieben als Grass mit fünfundfünfzig. Drittens: Das Handwerk ist vermittelbar, aber Talent schadet auch nicht.«
Er selbst habe lange über eine Gegenfrage nachgedacht, wendete der Marsmensch ein. Warum störe sich nie jemand daran, dass Beethoven mit vierundzwanzig noch Klavierunterricht nahm, dass Michelangelo ausgedehnte Lehr- und Studienjahre hinter sich brachte und Picasso an der Kunstakademie in Barcelona studierte? Wieso habe keiner etwas gegen creative painting, creative sculpturing oder creative piano playing?
Ich nahm die Faust herunter und Dozentenpose ein: »Weil writing im Gegensatz zu den anderen genannten Disziplinen nicht notwendig creative ist! Das Arbeitsmaterial des Schriftstellers, die Sprache, steht jedem zur Verfügung. Sprechen und damit in den meisten Fällen auch Denken und Schreiben gehören zum grundlegenden ergo sum des Menschen. Was man vom Umgang mit Tonklumpen, Farbpulver oder Saiteninstrumenten nicht behaupten kann. Worin will ein junger Autor sich üben? Etwas Unwägbares unterscheidet die Fähigkeiten eines Schriftstellers von denen seiner Artgenossen! Hebt ihn aus dem Kreis der Postkarten- und Einkaufszettelverfasser heraus! Wie Gelee Royale die Königin aus der Masse der Arbeitsbienen.«
Interessant, fand der Kulturbeauftragte aus dem All, eifrig kritzelnd, GENIE ROYAL, schöne Überschrift, und das Ganze eine interessante, primitive Sichtweise der Dinge. Auf dem Mars, erklärte er, seien Umgangssprache und literarisches Sprechen zwei essentiell verschiedene Gegenstände. Literarischer Ausdruck habe mit der Niederschrift eines Einkaufszettels so viel zu tun wie das beliebige Anschlagen von Klaviertasten mit der Interpretation einer Beethovensonate. Ein Schriftsteller müsse Eigenschaften und Möglichkeiten der Sprache entdecken und studieren wie ein Bildhauer jene des Steins. Beim Bäcker werde er trotzdem nicht in Hexametern nach Brötchen verlangen. Vielmehr gleiche der Schriftsteller bei Verwendung der Umgangssprache einem Komponisten, der den ganzen Tag Alle-meine-Entchen pfeift. Alle-meine-Entchen werden nicht weiterhelfen, wenn er sich an die künstlerische Arbeit begibt.
»Und können Sie sich vorstellen«, fragte ich gereizt, »diese geheimnisvolle marsianische Literatursprache an einem Institut zu lehren, einem Teil der Universität, wohlbemerkt, auf dessen Korridoren es nach Kreidestaub und Gleichschaltung riecht? In Meisterklassen, wo der Lehrer mit dröhnender Stimme Regelkodizes und Benotungssysteme exerziert und zum Schluss ein Diplom verleiht, ein, ha!, Schriftstellerdiplom?«
So ein Haus wie dieses, sagte der Marschmensch und zeigte auf die Villa hinter uns, wäre vielleicht am ehesten der rechte Ort.
Ich schaute das Gebäude an, als sähe ich es zum ersten Mal, und zuckte die Achseln. Als wir uns umwandten, hatten sich vom Fenster des Seminarraums im ersten Stock blitzschnell fünf Gestalten zurückgezogen.
»Wie dem auch sei«, sagte ich. »Wahre Literatur wird jedenfalls absinth- oder opiumselig bei Nacht verfasst. Sie wird durchlitten, gebrochen, neu geboren. Ihr Schöpfer durchlebt zahllose schauerlich-beglückende Gefühlszustände und sinkt beim ersten Piepsen der Vögel schwer von Welthaltigkeit und erschöpft vom Sichverströmen auf sein bescheidenes Lager. So.«
Mag sein, meinte der Marsmensch, aber warum sollte der Autor, wieder nüchtern, den entstandenen Text nicht mit ein paar Kollegen besprechen? An ihnen erproben, ob das sprachliche Mittel zum gewünschten Ausdruck taugt? Fehlerhaftes verbessern? Warum dürfe er Ehen schließen oder Salons gründen, um sich über Literatur auszutauschen, nicht aber eine Schreibschule besuchen? Eine solche Schule, die nichts sei als ein fortdauerndes Gespräch über entstehende Literatur, müsse doch erst recht wie ein Katalysator wirken. Ein Beschleuniger des ewigen, mit dem Schreiben verbundenen Lernprozesses.
»Immerhin«, sagte ich, Kracauer zitierend, »werden an das Nichtschreibenkönnen, seit es eine eigene Kunstform geworden ist, zunehmend höhere Anforderungen gestellt.«
»Ach!«, rief der Kulturbeauftragte und hatte das Notieren längst eingestellt, »meine These ist, dass sich das Volk der Dichter und Denker partout nicht vom denkenden und dichtenden Genie verabschieden will. Wenn ein Naturvolk nicht mehr an Gott, Kaiser oder väterliche Autorität glauben darf, will es wenigstens Goethe als Götzen. Oder gibt es sonst einen vernünftigen Grund, der gegen die Existenz einer Schreibschule spricht?«
»Ja«, sagte ich. »Die jungen Autoren. Sie sind zu jung und zu hinterhältig. Und zu viele.«
Der Marsianer stutzte und blätterte in seinen Notizen zurück.
»Das Durchschnittsalter am Literaturinstitut«, sagte ich, »liegt geschätzt bei vierundzwanzig Jahren. Worüber, mein grüner Herr, sollen die Grünschnäbel denn schreiben? Über sich selbst? Ihre Kindheit? Die Ostberliner Studenten-WG?«
Aber das sei doch gerade das Phänomen, sagte er und schaute beunruhigt. Vielleicht wusste er nicht, was eine WG ist. Oder er verstand mein Lächeln nicht, dieses hinterhältige Lächeln. Deshalb gebe es doch die Debatte, und deshalb forsche er über das Thema, weil sie alle so erschreckend jung seien.
»Goethe«, flüsterte ich, »war Mitte zwanzig, als der WERTHER erschien. Thomas Mann begann die BUDDENBROOKS im Alter von zweiundzwanzig.« Der Kulturbeauftragte wich zurück, während ich auf ihn zuging. »Büchner starb mit vierundzwanzig und hatte folglich alles schon vorher zu Papier gebracht. Und Schiller schrieb die RÄUBER mit zweiundzwanzig unter der Bettdecke.«
Er fing an zu begreifen, starrte auf mein Lächeln, das jetzt die Zähne entblößte.
»Eins habt ihr übersehen«, sagte ich, »die Debatte und du. Jetzt kann ich es dir ja sagen: Wir waren schon immer so jung.«
Dann packte ich zu.
»Ein CRITTER!«, waren die letzten Worte des Kulturbeauftragten vom Mars. Ich verbeugte mich und winkte zum ersten Stock hinauf, wo Applaus erklang. Ich zerknüllte die Notizen des Marsianers und verfasste stattdessen einen einzigen Satz auf dem Block, der Nachwelt zuliebe: Schreiben kann man lernen. Die notwendige Hinterhältigkeit aber, die ist angeboren.

Rezensionen

»Juli Zeh leiht den Lesern ihre Ohren und Augen, beobachtet präzis und erzählt poetisch kraftvoll.«
Regula Freuler, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag

»Überzeugend wie Zeh vorführt, wie man sich ein Verhältnis zu seiner Welt erarbeiten kann und dass dies ein unendlicher Prozess bleiben muss (...).«
Michael Schmitt, Deutschlandradio

»Man braucht beide Arten der Berichterstattung (...) den Journalismus und die Literatur, hat Zeh einmal gesagt. Und daran hält sie sich, diese bemerkenswerte Autorin.«
Heide Soltau, NDR

»Juli Zeh kann schreiben, natürlich: virtuos, sinnlich, erbarmungslos, böse, markant, intelligent, auch zärtlich und beiläufig. Sie ist eine brillante Beobachterin (...).«
Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung

»Die mehrfach preisgekrönte Autorin stellt mit dieser Sammlung hellwachen Geist und rhetorische Brillanz unter Beweis (...).«
Jens-Uwe Sommerschuh, Sächsische Zeitung

»Von intellektueller Frische, die nirgends Gefahr läuft, das Haltbarkeitsdatum zu überschreiten. Es ist Genuss und Bereicherung, ihr über die Schulter zu schauen.«
Kreuzer

»Für die Betrachtung von Juli Zehs weiterem Werk ist es ein Glücksfall, die verstreuten Texte hier versammelt zu sehen.«
Nordkurier

Außerdem erschienen von Juli Zeh

Juli Zeh: Adler und EngelJuli Zeh: Corpus DelictiJuli Zeh: Corpus Delicti (CD)Juli Zeh: Das Land der MenschenJuli Zeh: Die Stille ist ein GeräuschJuli Zeh: Good Morning, Boys and GirlsJuli Zeh: Kleines Konversationslexikon für HaushundeJuli Zeh: Nachts sind das TiereJuli Zeh: NullzeitJuli Zeh: SchilfJuli Zeh: Schilf (Bühnenfassung)Juli Zeh: SpieltriebJuli Zeh: Spieltrieb (Bühnenfassung)Juli Zeh: TreidelnJuli Zeh: Treideln (DVD)