Jana Scheerer: Mein Vater, sein Schwein und ich

Literaturpreis Prenzlauer Berg

Jana Scheerer
Mein Vater, sein Schwein und ich

Roman
Mit einer Umschlagzeichnung von Nikolaus Heidelbach

148 Seiten. Gebunden.
€ 17,90   €[A] 18,40   
ISBN: 978-3-89561-350-0

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Bevor ich auf die Welt kam, waren meine Eltern schwarzweiß. Das fand ich heraus, als ich sechs war. Wann und wie, grübelte ich, waren meine Eltern farbig geworden? Auf den Fotos, auf denen sie klein waren und komische Kleidung trugen, waren sie schwarzweiß. Auf den Fotos, auf denen sie groß waren und komische Kleidung trugen, auch. Jetzt waren sie bunt. Wann war das passiert? Ich kannte sie nur in Farbe, also musste es vor meiner Geburt gewesen sein. Die Fotos, auf denen ich gemeinsam mit meinen Eltern drauf war, zeigten sie genauso bunt wie mich. Meine Eltern verloren niemals ein Wort über ihren Farbwechsel. Manchmal logen sie sogar. »Das war mein grünes Lieblingskleid!«, sagte meine Mutter und zeigte auf ein Bild, auf dem sie in einem blassgrauen Kleidchen eine Milchkanne festhielt. »Schön!«, sagte ich und tat so, als würde ich nichts merken. Vielleicht hatten meine Eltern selbst vergessen, dass sie früher mal schwarzweiß gewesen waren, weil sie es so schrecklich fanden. Deshalb taten sie einfach so, als wären sie auf den Fotos vorne im Fotoalbum genauso bunt wie auf denen ganz hinten. Nur einer war auch hinten im Fotoalbum schwarzweiß: Onkel Friedhelm. Onkel Friedhelm wohnte auf Madagaskar und trug eine runde Brille. Das war alles, was ich von ihm wusste. Und dass er schwarzweiß war. Heute noch. Komisch, dachte ich, wenn meine Eltern es geschafft hatten, bunt zu werden, warum war Onkel Friedhelm schwarzweiß geblieben? Hatte ich ihn deshalb noch nie getroffen? War er aus der Familie ausgestoßen worden, weil er als Einziger nicht bunt geworden war? Immerhin musste er jetzt auf Madagaskar leben. Um ihm zu helfen, dachte ich, muss ich herausfinden, wie meine Eltern das mit dem Buntwerden gemacht hatten und warum es bei Onkel Friedhelm nicht klappte.
Ich nahm das Fotoalbum und ging zu meiner Mutter. »Ach, zeig mal!«, sagte sie, und dann: »Der Friedhelm bekommt ja selbst auf Madagaskar keine Farbe!« Es war also wirklich so. Mein Onkel war nach Madagaskar gefahren, um bunt zu werden. Es hatte aber nicht geklappt. Deshalb konnte er nicht zurück. Ich stellte mir vor, wie Onkel Friedhelm traurig und schwarzweiß auf Madagaskar hockte. Ich musste etwas unternehmen.
»Schönen roten Rollkragenpullover hast du an!« »Hm.« Mein Vater saß über ein Buch gebeugt, die Pfeife im Mund. »Hattest du früher auch so schöne bunte Rollkragenpullover?« »Hm.« »Oder waren die mehr so schwarz oder weiß oder grau?« »Hm.« »Papa!« Er blickte auf. »Um meine Pullover hat Oma sich gekümmert!« Ich rief meine Oma an. »Als dein Vater noch bei mir war, hat er Hemden getragen«, sagte sie, und dass er damals aussah wie ein feiner Mann. »Weiße Hemden?«, fragte ich. »Strahlend weiß!« Ich legte auf. Immerhin gab meine Oma zu, dass es früher keine farbigen Hemden gegeben hatte.
Ich sah mir noch mal die schwarzweißen Fotos im Fotoalbum an. Auf einem stand mein Vater mit meinen Großeltern und meinem Onkel auf einem Berg. Alle trugen sie Rucksäcke und dicke Wanderschuhe. Mein Opa sah sehr fröhlich aus. Die anderen nicht. Auf dem nächsten Foto saßen meine Mutter und meine anderen Großeltern vor einem Wohnwagen. Mein Opa hielt eine Mullbinde hoch, mit der er zuvor den Wohnwagen an der Anhängerkupplung befestigt hatte. Das wusste ich, weil mein Opa es auf jedem Geburtstag erzählte. Nach der Geschichte mit dem Sadisten. Mein Opa war Arzt gewesen und liebte es, beim Essen Geschichten aus seiner Praxis zu erzählen. Die Sadistengeschichte handelte von einem Pärchen, das spätabends zu meinem Opa in die Praxis gekommen war. »Die Frau hatte nämlich eine Nadel im Gesäß!«, verkündete mein Opa und spießte ein Stück Kuchen auf. An dieser Stelle der Geschichte warf meine Mutter meinem Opa jedes Mal sehr böse Blicke zu. Mein Opa sagte trotzdem, »und die steckte so weit drin, dass sie ohne ärztliche Hilfe nicht mehr zu entfernen war!«, und schob sich die Gabel in den Mund. Kauend sagte er dann, »die waren nämlich Anhänger des Sadomasochismus, falls euch das ein Begriff ist«, und lehnte sich zufrieden zurück. Als mein Opa die Geschichte zum ersten Mal erzählte, fragte ich meine Mutter, was ein Gesäß sei. »Das ist vornehm für Arsch«, sagte meine Oma, und meine Mutter sagte hinterher, Oma käme eben vom Bauernhof, weshalb mein Vater sehr böse wurde. Ich schlug das Fotoalbum zu. So kam ich nicht weiter. Vielleicht war es leichter, herauszufinden, was Onkel Friedhelm falsch gemacht hatte, als das, was die anderen richtig gemacht hatten.
Ich fand meine Mutter im Flur, wo sie auf einer Leiter stand und Löcher in die Wand bohrte. Die Bohrmaschine hatte mein Vater ihr zu Weihnachten geschenkt. »Mama«, rief ich in den Lärm hinein, »wie geht’s eigentlich dem Onkel Friedhelm so auf Madagaskar?« Meine Mutter schaltete den Bohrer aus. »Keine Ahnung, mein Schatz«, sagte sie. »Hat er viele Freunde?« »Ich sagte doch, ich weiß es nicht!« Meine Mutter ließ den Bohrer aufheulen. »Finden die Leute ihn nicht ganz schön komisch?« »Das ist allerdings gut möglich«, sagte meine Mutter und setzte den Bohrer wieder an. Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf mein Bett. Onkel Friedhelm musste sehr unglücklich sein, so ganz schwarzweiß unter lauter bunten Leuten. Auf der Straße und im Café starrten ihn die Leute sicher an. Vielleicht dachten sie, Onkel Friedhelm hätte eine ansteckende Krankheit und wollten deshalb nichts mit ihm zu tun haben. Schließlich wollten sie nicht, dass ganz Madagaskar schwarzweiß wurde. Moment mal, ganz Madagaskar? Ich sprang auf und lief ins Wohnzimmer. Das Fotoalbum lag noch auf dem Tisch. Ich schlug die Seite mit dem Wanderfoto auf. Da war alles schwarzweiß. Ist ja klar, dachte ich, dass meine Oma nichts zu den Pullovern hatte sagen wollen. Sie war selbst früher schwarzweiß gewesen. Mein Opa auch. Und die Berge. Die ganze Welt musste früher schwarzweiß gewesen sein. Vielleicht, dachte ich, lag es gar nicht an meinem Onkel. Er war bloß nicht bunt, weil Madagaskar nicht bunt geworden war, so wie der Rest der Welt. Wenn er nach Hause käme, würde er farbig werden. Ich hatte die Lösung gefunden. Ich konnte ihm helfen. In meinem Zimmer setzte ich mich an den Schreibtisch. »Lieber Onkel Friedhelm«, schrieb ich, »zufällig erfuhr ich, dass du noch schwarzweiß bist. Das muss dir nicht peinlich sein, ich weiß, dass du daran nicht selber schuld bist. Es liegt nur an Madagaskar. Hier sind nämlich inzwischen alle bunt geworden. Wenn du nach Hause kommst, wirst du das auch.« Ich steckte den Brief in einen Umschlag und brachte ihn meinem Vater. »Schickst du den bitte an Onkel Friedhelm?« Mein Vater sah nicht auf. »Leg’ ihn da auf den Stapel.« Ich legte den Brief auf den großen Stapel Papier neben dem Schreibtisch meines Vaters und ging zufrieden ins Bett.
Am nächsten Abend fragte ich meinen Vater, ob er den Brief abgeschickt hätte. »Na klar«, sagte er.
In den folgenden Tagen wartete ich auf Onkel Friedhelm. Vor dem Einschlafen sah ich ihn freudestrahlend und bunt in der Tür stehen. Die ganze Familie würde mich loben, weil ich den Onkel vor dem Schwarzweißsein gerettet hatte. Sie würden meinen Eltern zu so einer Tochter gratulieren, und mein Vater würde mir nicht mehr erzählen, dass mein Cousin Latein lernte. Er würde sehr stolz auf mich sein.
Onkel Friedhelm kam nicht. Nach einer Woche fragte ich meine Mutter, ob sie denn mal wieder was von ihm gehört hatte. »Nee, warum?«, sagte sie. Nach ein paar Wochen hörte ich auf, abends nach einem Türklingeln zu horchen. Fast vergaß ich Onkel Friedhelm und sein Problem. Bis ich an einem Mittwoch aus der Schule kam. Es roch nach Gulasch. Ich ging in die Küche. Mein Vater saß mit einem Mann am Tisch. »Hallo Schatz, dein Essen ist gleich fertig«, sagte er zu mir und: »Das ist übrigens dein Onkel Friedhelm.« »Hallo«, sagte ich und starrte den Mann am Tisch an. Er war tatsächlich bunt, von oben bis unten. Es hatte geklappt. »Hallo Nichte«, sagte Onkel Friedhelm. »Gern geschehen!«, sagte ich.

Rezensionen

»Kein rosaroter Glückstreffer, sondern gekonnt.«
Claudia Schülke, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Schräg, witzig, intelligent und antiautoritär - ich empfehle MEIN VATER, SEIN SCHWEIN UND ICH.«
Hajo Steinert, Focus

»Jana Scheerer (...) mit einem kleinen, schrägen, sehr schönen Buch.«
Stern

»Das Geheimnis der Geschichten liegt in der kuriosen Leichtigkeit des Seins - ein wunderbares Büchlein.«
Berliner Zeitung

»Dem feinen Gespür (...) des Schöffling Verlages ist es zu verdanken, dass (...) mit Scheerer die zweite vielversprechende Debütantin binnen eines halben Jahres ihr Debüt geben konnte.«
Peter Mohr, Rhein-Neckar-Zeitung

»Ein hinreißend skurriles Debüt«.
Prinz, Die 15 besten Bücher des Jahres 2004

»Seit zehn Jahren gibt es den Schöffling Verlag. Zu seinem Geburtstag schenkt er den Lesern nicht Grass, sondern das Debüt Jana Scheerers.«
Thomas Schaefer, Hannoversche Allgemeine Zeitung

»Mehr als ein sanftes, humorvolles Debüt ist Jana Scheerer da gelungen, geht es doch immer um das Tägliche im Alltäglichen (...).«
Stefan Becht, Buchkultur

»Ein vergnüglicher Lesespaß jenseits der Normalität - aber was ist denn schon normal.«
Hamburger Abendblatt

»Das Außergewöhnliche an Jana Scheerers kurzen Geschichten ist ihr Gespür für das komische Potenzial des gesprochenen Wortes.«
Michael Wunderlich, Nürnberger Nachrichten

»"Don’t miss: Hochgradig witzige Erzählungen mit ernstem Kern.«
Brigitte Young Miss

»`Bevor ich auf die Welt kam, waren meine Eltern schwarzweiß.´ Solche Sätze schreibt Jana Scheerer in ihrem Debüt. (...) Das witzigste Buch des Jahres.«
Ulrich Faure, BuchMarkt

»Die Zielstrebigkeit, mit der Jana Scheerer ihre Geschichten auf die Spitze
treibt, amüsiert. Und verblüfft.«
Schädelspalter, Hannovers Stadtillustrierte

Außerdem erschienen von Jana Scheerer

Jana Scheerer: Mein innerer Elvis