Isabel Bolton: Der Weihnachtsbaum

Isabel Bolton
Der Weihnachtsbaum

Roman
Aus dem Amerikanischen von Hannah Harders

240 Seiten. Gebunden.
€ 18,90   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-072-1

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Die Weihnachtszeit, dachte Mrs. Danforth, während sie in ihrem Wohnzimmer auf und ab ging, stellte komische Sachen mit einem an, baute die gesammelten Erinnerungen vor einem auf – und man erinnerte sich an frühere Weihnachten, ja, man könnte sagen, an frühere Leben; denn sie war eine Frau, die die eigene Sterblichkeit nicht aus den Augen verlor, und die Summe all ihrer Erfahrungen gab ihr recht häufig das merkwürdige Gefühl, als habe sie viele verschiedene Leben gelebt und viele Zeitalter durchlaufen. Nicht nur hatte sie gesehen, wie sich in der äußeren, der materiellen Welt erstaunliche Dinge zugetragen hatten, sondern auch welch bestürzende Revolutionen sich in den Seelen der Menschen ereignet zu haben schienen – die Gesten und Gebärden des Geistes, die Moralvorstellungen und Umgangsformen von heute! Gott, wenn man sich von diesen angesammelten Erinnerungen und Eindrücken hinreißen ließ – wenn man in Gedanken zur eigenen Jugend zurückkehrte.
Man wartete, erinnerte sie sich, und ihre Gedanken an frühere Weihnachten verschwommen zu einer sehr fernen Vergangenheit, während sie sah, wie die zarten kleinen Schneeflocken um die Ecke ihrer hohen Balkone und ihrer Terrassen von einem Dezember zum nächsten wirbelten und alle Tage dazwischen mit einem Hauch Weihnachtserwartung verzauberten. Da hatte es diese märchenhaften, ja legendären New Yorker Winter gegeben, auf der Avenue wurden Wagen und Busse von Pferden gezogen und im Park glitten die Schlitten in hellem Schneegestöber unter Glockengeläut dahin – und der knackende Klang der Wagenräder und Kutschenräder in der Kälte, das Plonk-Plonk der Pferdehufe – alle Straßen so ganz ordentlich und, um diese abgenutzte Wendung zu gebrauchen, »Menschen der eigenen Klasse« überlassen, der Schnee so rein, zu beiden Seiten der Gehwege akkurat aufgeschichtet, er lag auf Gittern und Geländern und Balustraden, und auf der Avenue überragten nur wenige Gebäude die vertrauten Kirchtürme, bis man schließlich an das Reservoir an der zweiundvierzigsten Straße kam, umgeben von der hohen Steinmauer, die so spärlich mit Efeu bewachsen war, in der die vielen Spatzen zwitscherten.
An diesem Punkt ihres geistigen Ausflugs hielt Mrs. Danforth für einen Moment inne, um ihren kleinen Enkel zu betrachten, der ausgestreckt auf dem Fenstersitz lag und vollkommen vertieft in irgendein Spiel war, zu dem offensichtlich ein Stück Holz, ein Draht und ein Band gehörten, und kaum hatte sie, während sie ihn betrachtete, entschieden, dieses Jahr einen Weihnachtsbaum für ihn zu schmücken, sah sie ihn bereits vor sich – dort drüben mitten im Raum, richtige Kerzen sollten an ihm brennen, und wenn möglich würde er dem Baum gleichen, den sie in ihrer Jugend gehabt hatte.
Armer kleiner Henry, dachte sie, während sie erneut im Zimmer auf und ab schritt, die modernen Kinder schienen es wirklich schwer zu haben, und das in mehr als nur einer Hinsicht. Keine Stabilität um sie herum – kaum ein eigenes Bett – auf engstem Platz zusammengepfercht, in Wohnungen hausend und all das. Also, wenn sie Mrs. Constable einen Besuch abgestattet hatten, wenn die Tanten und Onkel sie besuchen kamen, wie anders war damals doch alles gewesen!
Sie blickte sich in ihrem Wohnzimmer um. Welch wohltuender Ort – ihr Zuhause. Sie hatte sich bei seiner Gestaltung so ganz treiben lassen – die Farbe der Wände so behutsam gewählt, um des Effekts willen, der alles andere als leicht zu erreichen gewesen war, als wehe das unbestimmte Blau – wie Licht und Schatten in einer Auster – eines Sommernachmittags herein und nehme kühlen Besitz von ihm, alles harmonisch, entrückt, und die Bilder schwebten in dem ihnen angemessenem Element des Lichts. Er erfüllte sie mit großem Wohlbehagen. Häufig hatte sie das Gefühl, es gäbe nur wenig sonst, das sie ihr eigen nennen konnte. Immer schien es ein Ort der Zuflucht zu sein; denn irgendwie war es ihr auf Grund einer gewissen natürlichen Begabung (Sinn für Raum, Komposition, Form) gelungen, die Wolkenkratzer hereinzubitten – aus ihnen mehr als nur dramatische Bauwerke vor den Fenstern zu machen, sondern sie zu den ihren, zu einem Teil ihres Entwurfs hier drinnen werden zu lassen. Nachts, tagsüber, zu jeder Stunde, wann immer sie Lust hatte, den Raum in sich aufzunehmen, und dann ihre Bücher und Blumen und Bilder und den East River in einem großen Bogen mit Blicken umspannte – die Möwen, die vorübergleitenden Boote, die starken Strömungen –, entfaltete er seinen besonderen Zauber.
Endlose Mühen hatte es gekostet; aber gewiß hatte sie nicht an Henry gedacht, als sie die Anstreicher bestellt hatte. Es war ihr, vermutete sie, darum gegangen, einen Ausdruck für sich zu finden – für ihre Persönlichkeit. Heutzutage versuchte man sich auf anderen Wegen auszudrücken.
Gab es, fragte sie sich, irgend etwas an diesen alten Häusern, so wie sie sie in Erinnerung hatte – diesen schwerfälligen braunen Sandsteinhäusern, denen neuere, protzige Häusern mit Spiegelglastüren, Vergitterungen und europäischen Verschnörkelungen folgten –, das auf ein Bedürfnis des einzelnen schließen ließ, sich selbst auszudrücken? Sie schienen sich irgendwie als Ausdruck von Familienbesitz wichtig zu machen. In all ihren Empfangsräumen, Schlafzimmern, Eßzimmern, welch eine Anhäufung bunt gemischten Vermögens, und alles so hoch- und wertgeschätzt, weil es vererbt war oder vererbt werden sollte und weitergereicht oder verschenkt – diese Pose und Haltung, die sie einnahmen, wie sie über das Kopfsteinpflaster einander gegenüberstanden und auf ihre Weise das Dynastische, das Immerwährende kundtaten. Hier stehen wir, schienen sie zu sagen, um ein goldenes Zeitalter zu dokumentieren, um der ganzen Welt den Reichtum, die Solidität, die ungeheure Bedeutsamkeit der Familien, die in unseren Mauern residieren, mitzuteilen.
Wenn sie an jene Stadthäuser und Landhäuser dachte, jene Salons und Teepartys, die Nachmittagsbesuche, die Rasenflächen, Tennisplätze und Billardzimmer, jene endlosen Krocketspiele – die Damen, die sich so lässig elegant zu bewegen wußten, in ihren raschelnden Kleidern, spitzenbesetzt, voller Anmut, in zarte Düfte gehüllt, die unbegründete Sicherheit ihres Lachens, und die Herren mit ihren Schnauzbärten oder eleganten kleinen Bärten, diese phantastischen Taschentücher mit Monogramm, die so angenehm nach Eau de Cologne dufteten; ihre Gesten, die Modulationen ihres Lachens und dieses Ebenmaß ihrer Rede, in dem eine gewisse Arroganz und Selbstgefälligkeit mitschwang, als seien sie überzeugt, von Gott auserwählt zu sein! Denn das war die Zeit, als die Menschen tatsächlich an ihren Reichtum und ihre Privilegien glaubten – die Zeit der großen neuen Häuser und der großzügigen Lebensformen, der vielen Bediensteten und der kümmerlichen Gehälter, die Zeit der Eleganz, der Arroganz, der Ignoranz und der übereilt geplanten Sicherheit.
Wie gut sie sich an das Gefühl erinnerte, privilegiert und beschützt zu sein. Man entzündete Feuer, füllte Lampen, ließ Gas in Kugeln aus Milchglas brennen, zog Jalousien hoch und herunter; draußen blieben Tag, Nacht, im Winter die Straßen der Stadt und im Sommer die Rasen der Gärten, die Terrassen. Und über diesen ganzen Besitztümern schwebte jener personale gütige Gott, mit dem ihre Eltern sie bekannt gemacht hatten, und dabei glaubten sie sich sowohl des eigenen wie auch ihres glücklichen Geschicks so sicher, daß es für sie als Kind den Anschein hatte, als sei Gottes einzige Sorge darauf gerichtet, sie auf immer und ewig mit all den Segnungen, die sie umgaben, zu verwöhnen.
Wie sie in dem Glauben geruht hatte, daß Er sie beschütze, sich so sicher wähnend, daß Er Tag und Nacht darauf bedacht war, sie in den Klostermauern einer sicheren, liebreizenden, behaglichen Welt zu halten, während sie im Bett lag und um fünf Uhr morgens den Ofenmann am Ofen rütteln hörte, hörte, wie die Holzscheite in die Körbe an den Feuerstellen fielen, und sie an ihre Sicherheit und die Geborgenheit jener anderen Beschützer, ihrer Eltern, dachte, wie sie Gott um Seinen Segen für sich und alles, was sie besaßen, bat, und daß Er ihnen und damit natürlich auch ihr mehr und mehr und immer mehr Wohlstand schenken möge; denn es schien auch in Gottes Aufgabenbereich zu fallen, daß Er, wie auch jener andere Wohltäter, zu dem man an Weihnachten betete, ihr ein Pony, eine Puppe brachte – alles, was man so heiß begehrte; und dennoch geriet sie oft in Verwirrung über Seine Identität, wenn sie, was häufig geschah, Seine Erscheinung in der Blume, dem Stern, dem Blitz in der Wolke sah, und geneigt war, zu sehen und zu staunen, und ausgefallenere Antworten wollte als die, die sie bekam; doch obwohl das so war, verließ sie sich auf das elterliche Wort, daß alles geordnet und gewiß war.
Ja, Gottes Auge ruhte auf ihr, Er sah alles, was sie tat. Er schuf Himmel und Erde und die Meere unter der Erde; Er schuf sie. Er erklärte, sie solle dieses tun, aber unter keinen Umständen jenes, und wenn sie ein braves Mädchen wäre und Seinen Geboten gehorchte, würde sie dafür belohnt werden, sowohl auf Erden als auch im Himmel; und Seine Gebote stimmten so vollendet überein mit den Vorstellungen ihrer Eltern für Sitte und Anstand, für das, was sich gehörte, und mit welch leidenschaftlicher Anhänglichkeit sie sie liebte, ihren Vater, der eine gottähnliche Rolle für sich beanspruchte, während er seine Dollars und seine Verhaltensregeln austeilte, seine Amtssiegel schwang, Wichtigkeit verströmte, in sein Büro, zu Konferenzen von Direktoren eilte, das Wall Street Journal und bestimmte Teile der Tageszeitung mit derartiger Konzentration und Aufmerksamkeit las – hier war ihr Platz, in dieser Welt, die sie für sie erschaffen hatten, und ihre Mutter spendete weitere willkommene Annehmlichkeiten und Gewißheiten, das Rauschen ihrer Seidenunterröcke, wenn sie ein Zimmer betrat, dieses Gefühl von Behagen und Liebreiz, das sie einem vermittelte, von entspanntem, beinahe endlosem Müßiggang, sich träge dahintreiben zu lassen, Zuschauer zu sein, den eigenen Gedanken und Phantasien ungezügelt nachzuhängen.
Wenn sie die eigene Kindheit mit der von Henry verglich, Gott, welch ein Gegensatz! – dieses kleine Universum, in dem sie gelebt hatte, geschützt vor dem Bösen oder der Sünde oder dem Falschen, in sich abgeschlossen wie es gewesen war mit seinen wohltätigen Segnungen und nur, um dieses häßliche Wort noch einmal zu gebrauchen, »Menschen der eigenen Klasse« vorbehalten, und seine Festungsmauern waren bezaubernde, vom Glück gesegnete Verwandte gewesen (ihr Onkel Lionel, der im Winter im gleichen Stadtteil lebte, und ihre entzückende Tante Adelaide, ihr Onkel Philip, im Sommer nur einen oder zwei Wiesenhänge entfernt). Wenn sie ihr Vertrauen allem und jedem gegenüber, ihren unversehrten Glauben an das Leben mit Henrys vollständigem Mangel an Vertrauen in irgendeine Form von Verläßlichkeit verglich – denn soweit sie sah, gab es für ihn nirgendwo Sicherheit, so selbstverständlich, wie er diesen Wechsel und jenes Auf Wiedersehen, dann die nächste neue Verbindung als gegeben hinnahm, sich gleichmütig allen launenhaften Possen des Lebens anpaßte und kaum jemals wußte, in welchem Bett er den nächsten Monat schlafen würde, und, wenn sie sich richtig erinnerte, weder Tanten noch Onkel besaß, die ihm in dieser schwankenden Welt ein Schutzschild sein könnten – wenn sie das alles überdachte, fragte sie sich, welche kleine Seele besser auf die Dinge, die da kommen sollten, vorbereitet gewesen war?
Wie auch immer die Antwort lautete, Henry sollte, entschied sie, seinen Weihnachtsbaum bekommen. Was in der Zeit bis dahin geschehen mochte oder wo sich das Kind währenddessen aufhalten könnte, entweder unter ihrer Obhut oder der seiner Mutter und des Captains oder vielleicht sogar der seines Vaters, der im letzten Moment Ansprüche geltend machte, darüber zu befinden stand ihr nicht zu. Aber wenigstens diese kleine Feier konnte sie arrangieren. Sie würde ein paar Gäste dazu laden; sie würde alles lustig und festlich gestalten. Henry sollte seinen Baum bekommen.

Rezensionen

»Der Weihnachtsbaum ist ein sorgsam ausbalancierter und konzentrierter Roman, dessen Titel ihn hoffentlich nicht daran hindert, auch in wärmeren Jahreszeiten verschenkt und gelesen zu werden.«
Tagesspiegel

»Sprachliche Eleganz und Schönheit zeichnen den Roman Der Weihnachtsbaum aus.«
Welt der Frau

»Welche Bücher ich selbst verschenken würde? Isabel Boltons Der Weihnachtsbaum ist auf alle Fälle dabei.«
Angela Wittmann, Brigitte

»Spannend, zärtlich und unerbittlich, gleichzeitig eine Liebeserklärung an ein glamouröses Manhattan.«
Männer aktuell