George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes Nein

George Grosz
Ein kleines Ja und ein großes Nein

Sein Leben von ihm selbst erzählt
Im Anhang:
Ulrich Becher, Der große Grosz und eine große Zeit
Mit zahlreichen Farbtafeln und Abbildungen

416 Seiten. Fadenheftung. Gebunden.
€ 34,90   €[A] 35,90   
ISBN: 978-3-89561-332-6

In den Warenkorb

» Zurück zum Titel

Was mich betraf, so wollte ich Maler werden. In meinem Kopf waren Bilder, die ich einmal malen wollte. Sie ähnelten denen, die ich zu Hause in den Familienzeitschriften immer und immer wieder mit glühenden Backen betrachtet hatte. Soldaten- und Mönchsbilder liebte ich vor allem: wie schön waren diese heiter trinkenden Mönche, oh, wie schimmerte der goldene Wein im Glase, wie natürlich waren Brot und Käse, Schinken und Radieschen gemalt – direkt zum Anbeißen! Meine Mutter und Tante, denen ich mich in meiner Kunstbegeisterung mitteilte, sagten: »Ja, Junge, wenn Du mal so malen könntest! Das ist eben die Kunst, diese Lebenswahrheit – als ob alles da so auf dem Tisch vor einem steht –, aber da mußt Du viel lernen!«
Nun, das wollte ich gewiß. Ich wollte einmal solche Bilder malen, und dazu wollte ich »komponieren« lernen, und das konnte man nur auf einer Akademie – soviel hatte ich darüber schon gelesen. Ich wollte ein Genremaler werden, wie Grützner, beschloß aber, in meiner freien Zeit nebenbei auch Historienbilder zu malen, hauptsächlich aus dem Husarenleben. Vielleicht ließe sich beides verbinden, zum Beispiel in einem Bild, das ich »Ein frischer Trunk« nennen würde: einem Husaren, der von Patrouille kommend gerade dabei ist, vom Pferde zu steigen, wird – vor einer malerischen Schenke als Hintergrund – von einem bildhübschen Mädchen ein großes Glas mit einem golden schimmernden Getränk gereicht, während ein junger Bursche lachend das Pferd am Zügel hält – all das in etwas altväterischer Tracht, weil die doch soviel »malerischer« war als unsere modernen, uninteressanten Kleider.
Um so malen zu lernen, war ich auf die Akademie gekommen und war natürlich sehr enttäuscht, daß hier von »komponieren« oder gar von solchen Kompositionen, wie ich sie mir ausdachte, überhaupt nicht die Rede war. Im Gegenteil. Als ich zu einem Mitschüler sagte, ich sei doch hier, um unter anderem – oder eigentlich vor allem – komponieren zu lernen, da lachte er mich einfach aus. Das Gekomponiere sei doch längst passé – mein Gott, komponiert hätte man vor dreißig Jahren. Heute gehe man hinaus in die Natur, möglichst bei heller Sonne und womöglich mittags, bleibe irgendwo stehen und male ein Stück x-beliebiger Umgebung ab, ohne vorzuzeichnen und gleich mit dem Spachtel und in komplementären Tupfen. Ob ich denn schon einmal durch ein Prisma gesehen hätte? »Na also. Das andere war ja alles braune Sauce und gestellt. Theater, sehen Sie…«
Die ganze Malerei bis jetzt sei Theater, bis auf ein paar Franzosen vielleicht. Nur in der Natur, in der hellen Sonne am Mittag gebe es kein Theater, da sei alles natürlich, und die sogenannten »Motive« gäbe es schon seit den paar großen französischen Impressionisten nicht mehr. In der Natur, da gäbe es keine »Motive«, nur Licht und Luft; das hätte doch Gott sei Dank die moderne Wissenschaft nachgewiesen. Ob ich noch nie von einem gewissen Monet gehört hätte, der hätte einen Heuhaufen dreimal gemalt – genau denselben Heuhaufen, früh um 6, mittags um 1 und nachmittags um 5. »Jawohl, das sind die großen Taten von heute. Was ist da alles Gekomponiere dagegen?«
Ich war geschlagen und vernichtet.

© Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2009

Rezensionen

»Niemand hat das moderne Gesicht des Machthabenden so bis zum letzten Rotweinäderchen erfasst wie George Grosz.«
Kurt Tucholsky

»Grosz war in Berlin für seine fulminanten Schnellporträts berühmt – und eben die enthält auch sein Lebensbericht.«
Wilhelm Trapp, Die Zeit

»In keiner anderen Autobiographie begegnet einem Zeitgeschichte derart intensiv und plastisch wie beim großen Neinsager George Grosz.«
Ulrich Baron, Spiegel Online

»Dass der so geniale wie umstrittene Zeichner zugleich ein sprachmächtiger Erzähler war, macht seine lange vergriffene Autobiographie zu einer faszinierenden (...) Lektüre.«
Konstanze Crüwell, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die Neuauflage dieser rasanten, ohne jede Künstlerallüren geschriebenen Autobiographie bietet endlich Gelegenheit, den Literaten Grosz kennenzulernen.«
Marion Lühe, Literarische Welt

»Die Jahre der Weimarer Republik (...): so unverklärt und menschlich, so unideologisch, wie man es aus der Feder ihres größten Karikaturisten nicht erwartet hätte.«
Katharina Döbler, Deutschlandradio Kultur

»Was dieses Buch heute bedeutend macht, ist etwas ganz anderes: Er kann auch mit Worten zeichnen, beschreiben, er ist ein Literat von besonderem Rang.«
Roland H. Wiegenstein, Die Berliner Literaturkritik

»George Grosz konnte jedoch nicht nur hinreißend zeichnen und malen, sondern auch pointiert und anschaulich schreiben. Seine Lebenserinnerungen lesen sich wie ein Roman.«
Heide Soltau, Deutsche Welle

»In seinen Erinnerungen erweist sich Grosz als scharfer Beobachter, der mit trockenem Humor und in anschaulicher Sprache (...) die geistige Physiognomie einer ganzen Epoche zeigt.«
rbb kulturradio