Franziska Gerstenberg: Wie viel Vögel

Förderpreis Literatur des Landes Niedersachsen

Stipendium des Freistaates Bayern für einen Studienaufenthalt im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg

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Franziska Gerstenberg
Wie viel Vögel

Erzählungen

232 Seiten. Gebunden.
€ 18,90   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-340-1

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Wir haben den Wein nicht getrunken. Als ich die Tenne betrat, der Beutel vom Frischemarkt schlug gegen meine Knie, kam mir Mariannas Vater entgegen. Er lief aus seinem Büro an mir vorbei zum Fernsehzimmer, seine Regenstiefel schlappten auf dem steinernen Boden wie Gummiflossen, ich wollte lachen, aber er hob die Finger zu den geschwollenen Adern an seiner Stirn und rief: Wissen Sie es schon, ich habe es im Radio gehört. Der Fernseher wurde nur langsam warm, erst kam der Ton, dann das Bild, wie immer. Mariannas Vater und ich saßen dicht beieinander auf dem schwarzen Ledersofa, ich konnte den Tabakrauch riechen, der in den Poren und Falten seiner Haut saß. Die Fernbedienung in beiden Händen wechselte Mariannas Vater ständig den Sender, aber alle zeigten die gleichen Bilder. Die Aufnahme vom Einschlag des zweiten Flugzeugs hielt ich für eine Computersimulation, bis sich die Sendeleitung entschloss, den Originalton zu unterlegen. Die Fensterscheiben der brennenden Türme glänzten, der Himmel war blau wie auf den Fotos im Werbeprospekt des Ferienbauernhofes. Mariannas Vater drückte die Tasten der Fernbedienung. Sein rechter Fuß klopfte gegen den Blumenschemel, ich stützte die Ellenbogen auf die Knie, es war ein Blumenschemel mit Buchenfurnier, darauf zwei Alpenveilchen. Auf dem Bildschirm stürzte der erste Turm in sich zusammen. Der Kommentator begriff nicht, was geschehen war, sprach minutenlang von einer neuen Explosion. Mariannas Vater warf die Fernbedienung auf den Boden, er schlug seine Handflächen gegen die Sofalehne, schüttelte den Kopf und schrie: Die sind alle tot! Ich glaube, ich wollte einen Arm um seine Schultern legen, vielleicht wollte ich seine Hände mit meinen umschließen, seine Schläfe berühren, aber dann stieß Marianna die Gittertür auf und fragte: Warum schreit ihr so? Sie sah zum Bildschirm, öffnete und schloss den Mund, ihre Zähne glänzten weiß. Irgendwo schlug eine Uhr, und plötzlich dachte ich, Marianna ist hässlich, ein hässlicher Fisch, ihr Mund ging auf und zu. Vielleicht lag es am flackernden Fernsehlicht, an den Menschen, die sechstausend Kilometer von uns aus geborstenen Fenstern sprangen, vom Wind durch die Luft getrieben wurden wie Fetzen von Zeitungspapier, oder daran, dass Marianna, als sie nach langer Zeit sprach, nur ein einziges Wort sagte: Cool. Ich wandte den Blick zurück zu dem Kommentator in seinem zitronengelben Studio. Mariannas Vater stand auf, ich glaube, er griff nach Mariannas Ohr, als wäre sie ein widerspenstiges junges Pferd. Sie schrie, er nahm ihren Arm, und sie gingen nach draußen. Ich wusste, dass Marianna mich ansah, bis ihr Vater die Tür geschlossen hatte. Ich legte die Hände an meine Wangen, der zweite Turm war eingestürzt, im Studio stritten Experten über die schlüssigste Definition von Terrorismus, jemand sagte: Politisch motivierte Gewaltanwendung und -androhung Einzelner oder kleiner Gruppen. Durch die Fenster des ehemaligen Pferdestalles fiel wenig Licht, vom Sitzen auf den zu weichen Polstern tat mir der Rücken weh. Ich dehnte die Arme, wieder schlug eine Uhr, ohne dass ich wusste, wie spät es war. Jedenfalls war es zu spät, um irgendetwas zu tun. Ich dachte an meinen schmerzenden Rücken und blinzelte oft. Sie zeigten die Aufnahmen in einer Endlosschleife, die professionellen und auch die Amateurvideos, spielten dazu getragene Musik, ich drehte den Ton ab, blieb aber sitzen. Vielleicht kochte Marianna das Abendessen, sie hatte von gebratener Entenkeule gesprochen, obwohl das ein Sonntagsgericht war. Von gebratener Entenkeule in Beifußrahm hatte sie gesprochen, an einem Dienstag, mit Rotkohl und Klößen. Neben meinem Fuß stand die Tüte vom Frischemarkt, darin der Wein, den ich für unsere letzte Nacht gekauft hatte. Ich konnte weder Marianna noch ihren Vater hören. Auch von den anderen Gästen hörte ich nichts, ich stellte mir vor, dass sie zwischen den leise summenden Windrädern auf dem Berg spazieren gingen. Immerhin hatte es aufgehört zu regnen.

Rezensionen

»Ein exzellentes Debut mit poetisch genauen Momentaufnahmen aus dem neuesten Deutschland, jenen dürftigen Lebenszonen, in denen die Grenzen zwischen Ost und West bereits verwischt sind.«
Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung

»Hut ab, was für ein Talent, was für ein Versprechen.«
Uwe Wittstock, Literarische Welt

»Wo andere ihre Muskeln spielen lassen, tastet sie sich vorsichtig heran, zart beinahe und doch zielgerichtet.«
Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die junge Autorin zeigt, daß sie das Unheimliche nicht nur anstrebt, sondern es einzusetzen versteht.«
Verena Auffermann, Die Zeit

»Ich liebe ihr Debüt für (...) schrägen Figuren, die mit so viel Ruhe und Zurückhaltung gezeichnet sind, daß sie die Vorstellungskraft ganz schön auf Touren bringen.«
Brigitte

»Sie ist eine Meisterin kleiner, perfider Rochaden, die sie oft schon in den Eröffnungssätzen der Erzählungen versteckt.«
Meike Fessmann, Der Tagesspiegel

»Der neue Star am Literaturhimmel.«
die tageszeitung

» Es sind kühle, sachliche Geschichten, die trotz mancher Komik ein Unbehagen provozieren und einen auch nach dem Lesen nicht zur Ruhe kommen lassen.«
Jan Brandt, taz Magazin

»Sie schafft es, schon nach wenigen Seiten den Leser zu fesseln, denn ihre Geschichten besitzen eine kunstvolle, aber ganz ungezwungene Leichtigkeit.«
Ralf Schneider, Frankfurter Neue Presse

»Gerstenberg hat mit diesem Band ein Gesellenstück vorgelegt, das von präzisen Momentaufnahmen lebt, die da einsetzen, wo die DDR aufgehört hat.«
Karim Saab, Märkische Allgemeine

»Ein Talent schreibt sich nach vorn - Franziska Gerstenberg dringt an den Kern der kleinbürgerlichen Lebensart vor und denunziert sie maßvoll.«
Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Ein Buch, das viel vom Leben erzählt.«
Gala

»Ein großartiges Debüt über das Dilemma der Postpubertät (...) - mit einer knappen Sprache, wie in Stein gemeißelt.«
Woman

»Einfach faszinierende Geschichten: Wie viel Vögel,
das Debüt von Franziska Gerstenberg bei Schöffling & Co.«
Ulrich Faure, BuchMarkt

»Gegenwärtig, innovativ, eindringlich.«
Kreuzer

»Franziska Gerstenberg kann tolle erste Sätze schreiben, von denen man im Nachhinein begreift, dass sie an sich schon eine ganze Geschichte erzählen.«
Frankfurter Rundschau

»Franziska Gerstenberg taucht tief unter die Oberfläche.«
MDR

»Gerstenberg beherrscht souverän das lakonische Erzählen in der Tradition Judith Hermanns und Peter Stamms.«
Paul Brodowsky, WDR 3, Mosaik

»Stilsicher schlüpft die 24jährige Autorin in verschiedene Rollen. Geschichten mit Widerhaken.«
Prinz

»Leichthändig hingeworfene Porträts von Menschen, deren Leben am Wendepunkt ist.«
Christoph Schröder, Journal Frankfurt

»Franziska Gerstenbergs Anfänge sind meisterhaft. Ganze Schicksale können sich in einer Satzpause abzeichnen, ganze Lebenswege können in einem
Nachsatz verschwinden.«
Bayerischer Rundfunk

»Den Namen Franziska Gerstenberg wird man sich merken müssen.«
Hamburger Abendblatt

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