Franziska Gerstenberg: Solche Geschenke

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Franziska Gerstenberg
Solche Geschenke

Erzählungen

248 Seiten. Gebunden.
€ 18,90   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-341-8

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Im März lag ein Haar quer über der Butter. Sie benutzten Rafaels Butterdose, weißes Porzellan, ein Erbstück. Kora dachte: Wieso eigentlich, seine Eltern sind doch noch gar nicht tot. Aber das waren Rafaels Worte: Ein Erbstück. Koras alte Plastikdose mit dem zerkratzten Deckel lag, seit sie zusammengezogen waren, im Schrank. Rafaels Dose war die schönere, ganz klar, wegen so etwas musste man nicht streiten.
Das Stück Butter war noch ganz frisch, nur eine kleine Ecke fehlte, die Messerzähne hatten Spuren hinterlassen. Kora hob das lange dünne, mittelblonde Haar mit zwei Fingern hoch. Obwohl Butter daran war, ließ sie es einfach auf den Boden fallen. Rafael schaute auf und stützte das Kinn in die Hand, die Druckerschwärze der Zeitung hatte seinen Ballen verfärbt. Er sagte: Wusstest du, dass ein Hund das beste Mittel gegen Bürostress ist? Keine Kopfschmerzen mehr, keine Verdauungsprobleme, keine Müdigkeit, und der Blutdruck sinkt! Er schlug die Zeitung zu. Kora schüttelte ihre Haare nach hinten, flocht sie zum Zopf und zog ein Gummi aus der Hosentasche. Während Rafael seinen Tee abgoss und in die zerbeulte Thermosflasche füllte, sagte er: Ich weiß nicht, warum du die Haare nicht immer offen trägst, das steht dir viel besser. Sie lächelte. Er würde sich gleich auf den Weg zum Bahnhof machen. Sie wollte nicht mit ihm sprechen, noch nicht, nicht darüber. Probleme, sagte er manchmal, du siehst nichts als Probleme.
Sie verließ das Haus zehn Minuten nach ihm. Die Wolken am Himmel, als wäre etwas ausgeflockt, verdorben.

Zweihundertfünfundsiebzig, sagte sie im April. Rafael lachte: Du hast sie gezählt? Ja, sagte sie, gestern waren es zweihundertfünfundsiebzig. Sie gingen spazieren, kreuz und quer durch den Hain, am Flussbad vorbei, das natürlich geschlossen war. Das sagt mir jetzt gar nichts, fragte Rafael, wie viele sind denn normal? Nicht einmal der Kiosk hatte geöffnet. Dabei, dachte Kora, wäre ein Schokoladeneis jetzt genau das Richtige, oder vielleicht ein Bier im Stehen. Sie hätte ein paar Endorphine gebrauchen können, so oder so. Es waren mehr Walker als Jogger unterwegs, einige hatten Stöcke dabei. Die Sonne wärmte noch nicht, Kora schielte nach unten, immerhin war ihr Atem nicht zu sehen.
Sechzig, sagte sie, sechzig bis hundert pro Tag, je nachdem. Herrlich, sagte Rafael. Dass wir mal wieder hier sind, wir gehen viel zu selten raus! Im Fluss schwamm ein großer Ast vorbei, ein paar vertrocknete Blätter schienen sich an ihm festzuklammern. Nimm das ernst, sagte Kora, was soll ich denn tun, ich habe schon Blut abnehmen lassen, die Schilddrüse ist in Ordnung. Rafael zuckte die Achseln: Vielleicht irgendein Mangel? Sie erschrak und dachte: Wie er das sagt. Der Herr ist dein Hirte, dir wird nichts mangeln. Ostern war gerade erst vorbei. Er musste etwas gespürt haben, legte so plötzlich den Arm um sie, dass sie fast gestolpert wäre. Auf der Liegewiese versuchte ein Kind, einen Drachen steigen zu lassen, höher, rief es schrill, höher, als müsste der Drache nur gehörig angefeuert werden. Vielleicht geht es einfach vorbei, sagte Rafael dicht neben Koras Ohr, und überhaupt, man sieht keinen Unterschied, vielleicht bist du bloß in der Mauser? In der Mauser sein, Drachen steigen lassen, Kora dachte: All das gehört in den Herbst, nicht in den Frühling. Sie riss sich zusammen, Rafael hatte ja Recht, was sollte er machen, sie schlüpfte aus seinem Arm. Mal ganz praktisch, sagte sie, die Haare verstopfen den Abfluss. Rafael rannte ein paar Meter zwischen die Bäume, kam wieder zurück und boxte in die Luft. Ah, stöhnte er, meine Knochen sind eingerostet. Sie schauten zwei Walkern zu, die an ihnen vorbeimarschierten, und mussten im selben Augenblick lachen. Als hätten sie sich abgesprochen. Rafaels Gesicht lief über dem Schal rot an. Wir sollten ein paar Dinge ändern, sagte er, oder? Er lächelte: Mach dir keine Sorgen, für den Abfluss gibt es Siebe, ich kann gleich morgen eins kaufen.

Im Mai wechselte sie die Ärztin und vereinbarte einen Termin, an dem ihr für eine Untersuchung Haare ausgerissen werden sollten. Die neue Ärztin sagte: Das wird ein bisschen ziepen. Vor dieser Art Schmerz – Spritze bekommen, Beine enthaaren, Ohrlöcher stechen lassen – hatte Kora sich nie gefürchtet.
Auf dem Heimweg, in der Straßenbahn, musterte sie die Köpfe der Mitfahrenden. Der Zopf des hellblonden Mädchens, das neben der Tür saß, war dünner als ihrer, oder mindestens genauso dünn. Im Büro hatte bisher niemand etwas gesagt. Sie kämmte sich alle zwei Stunden auf der Toilette, sammelte die Haare vom Boden und warf sie in die Kloschüssel, sie wollte sie nicht auf ihrem Schreibtisch herumliegen sehen. Neben ihr arbeitete Hamide, die Sekretärin, Hamide mit ihrer Fülle von dicken, wie eingeölt aussehenden Locken. Die Locken waren elastisch: Wenn man an ihnen zupfte, sprangen sie zurück.
Kurz vor ihrer Haltestelle schaute Kora nach draußen und erkannte plötzlich Rafael, der eine Supermarkttüte trug. Er wechselte sie gerade aus der linken Hand in die rechte. Die Bahn kam mit einem Ruck zum Stehen, eine asiatisch aussehende Frau hielt sich an ihrem dicken Freund fest, indem sie beide Arme um seinen Körper schlang. Kora wollte aufstehen und aussteigen, sie wollte Rafaels Namen rufen und über die Kreuzung laufen, rote Ampel hin oder her. Stattdessen blieb sie sitzen und starrte ihn an. Zum ersten Mal dachte sie darüber nach, dass er eine richtige Mähne hatte, seine Haare sahen furchtbar gesund aus. Wie ungerecht, dachte Kora, er ist älter als ich und ein Mann, wozu braucht er so viele Haare. Der Gedanke verwirrte sie. Sie versuchte, es als das zu sehen, was es war: eine Laune der Natur. Im selben Moment fuhr die Bahn wieder an, Kora sah sich nicht um. Sie würde eine Station zurücklaufen müssen.
Am Abend kam er ihr fremd vor. Nicht er, nur sein dunkelbrauner Schopf. Nach dem Abendbrot erzählte sie ihm, dass sie ihre Haare vor der Untersuchung nicht waschen durfte. Fünf Tage lang! Sie saßen auf dem Sofa, dessen cremefarbener Wollstoff langsam fleckig wurde. Über eine der Armlehnen hatten sie ein Glas Bier verschüttet und hier und da ein paar Paprikachips platt gesessen, ohne es zu bemerken. Kora erinnerte sich an die Szene im Laden, Rafael hatte den grauen Bezug nehmen wollen, aber sie hatte sich durchgesetzt. Dinge, die für die Ewigkeit gedacht waren, machten ihr Angst; außerdem war der cremefarbene Bezug einfach schöner. Die Haare werden schrecklich fettig werden, sagte sie jetzt, und die Haut wird jucken, noch mehr als sonst. Ich werde Schuppen kriegen, ich will nicht, dass du mich so siehst! Rafael hatte sich einen Gin Tonic eingegossen und rührte mit einem Strohhalm im Glas herum. Eigentlich trank er keinen Alkohol, wenn sie allein waren. Er sagte: Mich stört das nicht. Aber mich, sagte Kora, und was ist mit dem Büro, soll ich da einen Hut aufsetzen? Rafael schob das Glas zu ihr hinüber, er sagte: Du musst selbst wissen, ob die Untersuchung nötig ist. Kora flüsterte: Ich halte das nicht aus. Der Couchtisch klirrte, als sie den Gin Tonic absetzte, sie schluckte und verzog den Mund. Ein Ergebnis, sie wollte endlich die Ursache wissen.

Sie zerbrach sich den Kopf, was sie falsch gemacht hatte. Lag es an der Ernährung? An zu viel Spray oder Gel, oder daran, dass sie die Haare oft fest zusammengebunden hatte? Eine Zeitlang hatte sie sich blondieren lassen. Gab es organische Ursachen, war ein anderer Teil ihres Körpers krank, und die Haarwurzeln reagierten darauf? Oder war die Seele schuld, verdrängte sie etwas, das sich auf diese Weise bemerkbar machen wollte?
Im Juni hatte die Haarwurzelanalyse nichts Konkretes ergeben. Kora bekam ein Medikament verschrieben, das sie zweimal am Tag auf die Kopfhaut auftragen und einmassieren sollte. Sie versuchte, alles richtig zu machen, traute sich aber nicht recht, zwischen den feuchten Strähnen herumzureiben. Wenn sie die Hände vom Kopf nahm, klebten einzelne Haare an den Fingern, sie ekelte sich und wischte sie ab. Wahrscheinlich hatte die Ärztin das Medikament auf gut Glück ausgesucht, um überhaupt etwas zu verschreiben. In der Packungsbeilage las Kora, die Ursachen seien vielfältig, so schlau war sie auch schon. Diffuser Haarausfall. Sie suchte Abend für Abend im Internet, bis Rafael die Tür zu ihrem Zimmer aufriss und fragte: Warum hast du eigentlich feste Bürozeiten? Hör endlich auf zu arbeiten! Wortlos schloss sie die Seiten und ging aus dem Netz. Diffuser Haarausfall verschwand nach drei Monaten meist von allein, darin waren sich alle einig. Die drei Monate waren um, es musste ja besser werden.
Am nächsten Morgen lagen achtundzwanzig Haare auf Koras Kopfkissen, bei ihrer Länge eine Hand voll.

Rezensionen

»Franziska Gerstenberg hat in ihrem zweiten Geschichtenband einen ganz eigenen Ton gefunden.«
Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Kalt lassen einen diese Erzählungen nicht. Im Gegenteil erschüttern sie in ihrer Sachlichkeit im Umgang mit emotionalen Themen. Und sie lassen Raum für eigene Gedanken.«
Andrea Lüthi, Neue Zürcher Zeitung

»Gerstenberg schreibt meisterliche Erzählungen, in denen vom gesamten Tonfall bis in die Interpunktion alles klug ausbalanciert ist und trotzdem ein unmittelbar wirkender Sog entsteht.«
Hubert Winkels, Deutschlandfunk

»Ihre Geschichten handeln von der Auflösung alter Strukturen und dem Übertreten in neue Verhältnisse. Man staunt über die Menschenkenntnis, die sich darin spiegelt.«
Anja Hirsch, Frankfurter Rundschau

»Gerstenberg versteht es, dezent und einfühlsam die Psychologie ihrer Figuren auszuloten, ihre Einsamkeiten, Desillusionen und Enttäuschungen ebenso unaufdringlich wie eindringlich zu beschreiben.«
Jochen Rack, SWR

»Franziska Gerstenberg kann rührend sein und deprimierend, ekelhaft genau und komisch.«
Daniela Strigl, ORF

»Franziska Gerstenbergs Erzählungen skizzieren verstörende Suchbewegungen.«
Peter Mohr, General-Anzeiger

»Gerstenberg (...) lässt uns beobachten und zuhören (...). Manchmal erhaschen wir einen schlichten, weisen Gedanken, mit dem wir uns für immer anfreunden mögen.«
Jens-Uwe Sommerschuh, Sächsische Zeitung

»Nach ihrem erfolgreichen Debüt mit Erzählungen unter dem Titel Wie viel Vögel beweist sich Franziska Gerstenberg ein weiteres Mal als junge Geschichtenerzählerin.«
20 Cent

»Das Herausragende dieser ungemein schlicht formulierten Prosa liegt in der sezierenden Beschreibung von zutiefst menschlichen Empfindungen.«
Johanna Schwanberg, Die Presse

»Stilistisch elegant und inhaltlich spannend.«
Saarbücker Zeitung

»Franziska Gerstenberg erzählt mit großer Eindringlichkeit.«
Berner Zeitung

»Gerstenberg hat ein Gespür für komische Situationen und die Gabe, sie mit wenigen Worten einzufangen.«
Anja Hirsch, Stuttgarter Zeitung

»Wünsche, Sehnsüchte hat die Autorin in Momentaufnahmen voller Poesie eingefangen: Sie zeigen, wie tief die Gefühle gehen, wo man langweilige, gesamtdeutsche Tristesse vermutet.«
Jutta Rinas, Hannoversche Allgemeine Zeitung

»Kein Fräulein, aber ein Wunder. Gerstenberg entwirft eindringliche Bilder von Menschen, die sich im Scheitern doch noch wie Sieger verhalten und deshalb zumindest nicht verlieren.«
jetzt.de

Außerdem erschienen von Franziska Gerstenberg

Franziska Gerstenberg: So lange her, schon gar nicht mehr wahrFranziska Gerstenberg: Spiel mit ihrFranziska Gerstenberg: Wie viel Vögel