Elsemarie Maletzke: Elizabeth Bowen - Eine Biographie

Elsemarie Maletzke
Elizabeth Bowen - Eine Biographie

Biographie
Mit zahlreichen Abbildungen

472 Seiten
€ 26,90   €[A] 27,70   
ISBN: 978-3-89561-610-5

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Als Elizabeth Bowen 1959 ihren Familiensitz in der irischen Grafschaft Cork verkaufte, hoffte sie, daß Mr. O’Keefe auf Bowen’s Court einziehen würde; daß bald wieder Pferde im Stall und Autos in der Remise stehen würden. Daß seine Kinder über die Treppe rennen würden. Daß in der Küche wieder Himbeerge-lee eingekocht, daß Silber wieder glänzen, Kaminfeuer brennen und Spiele im »Long Room« gespielt würden.
Mr. O’Keefe dachte an nichts dergleichen. Er war an dem Blei auf dem Dach, an Ulmenholz und Quadersteinen interessiert. Als im folgenden Sommer ein Künstlerfreund auftauchte, um ein Bild des alten Herrenhauses für Elizabeth Bowens neues Wohnzimmer in einem Bungalow in Kent zu malen, waren die großen Bäume gefällt, das Dach abgedeckt. Ein halbes Jahr später stand kein Stein mehr auf dem anderen. »Es war ein sauberes Ende«, schreibt sie, wie um sich selbst über das Ver-schwinden ihres »einzig denkbaren Heims« zu trösten. »Bo-wen’s Court erlebte kein Schicksal als Ruine […].« Dennoch: »So groß und beruhigend war die Kraft des Lichts und der Ruhe rund um Bowen’s Court […], daß sie das Haus überlebte. Diese Kraft ist bei mir geblieben, nun, da es verschwunden ist.«1 Elizabeth Bowen hätte ihr Haus nicht erhalten können. Es war »überlebensgroß«.
Virginia Woolf, die sie im April 1934 in Irland besucht hat-te, sah es so: »Elizabeths Haus war nur ein großer Steinkasten, aber voller italienischer Kaminsimse und ramponier-ter Möbel aus dem 18. Jahrhundert und löchriger Teppiche.« […] Eliza-beth und ihr Mann »bestanden jedoch darauf, eine dürftige Art Status zu wahren, mit Umziehen zum Dinner und so weiter – Gott!«2
Steht man über siebzig Jahre später auf dem Rübenacker, der einmal die Auffahrt zu Bowen’s Court darstellte, und phanta-siert sich über Brombeergestrüpp, Kratern und Steinhaufen hinweg ein mächtiges, graues Haus, während der -Hagel herabschrotet und der Wind an einem landwirtschaftlichen Blechschuppen wummert, ver-steht man Elizabeth Bowens Ringen um Fassung. Im irischen Klima ist Auflösung nie fern, und fatales Grünzeug beginnt zu wuchern, sobald man ihm den Rücken kehrt. Bowen verab-scheute Pflanzen, die ein Haus begrabbelten, so fett und glän-zend, als nährten sie sich von etwas in seinem Innern. In der Grafschaft Cork aber scheint jeder Feldrain und jede Mauer von Efeu überzogen, jeder Baum streckt seine mageren Zweige aus einem grünen Blätterpelz.
Bowen’s Court, das von Wiesen und Baumgürteln umgeben in einer flachen Mulde am Fuß der Ballyhoura-Berge lag, war fast schmucklos und ganz steinern: 1775 erbaut, sechs Ecken, drei Stockwerke, fünfzig Fenster, durch die das Licht Chintz und Kretonne ausbleichte, kalt im Winter, gleißend hell im Sommer. Die Schatten der großen Ulmen berührten nur die Stufen der Freitreppe. Seine Nüchtern-heit ist »die Verneinung des mystischen Irlands«, schreibt sie in ihrer großen Famili-engeschichte Bowen’s Court. Farbe und Ornament waren als Garten zwischen hohen Mauern hinter dem Haus eingeschlossen. Der Erbauer, Henry Bowen iii., konnte das Haus nicht vollenden, da ihm das Geld ausgegangen war. So fehlte die Nordostecke zum vollendeten Würfel, und -innen brach die große Freitreppe im zweiten Stock im vollen Schwung ab. Der »Long Room« mit der gewölbten Decke und drei großen Fenstern an der Stirnseite, auf den die Treppe mündete, war als Ballsaal gedacht, doch sein Boden hätte vielen tanzenden Füßen nicht standgehalten. So diente er bei Regen als eine Art Pro-menadendeck, zum Theaterspielen, und später, als Elizabeth allein auf Bowen’s Court lebte, stand dort auch ein Trimm-Fahrrad. Er war der schmuckloseste Raum im ganzen Haus, mit abgetretenen Dielen, ohne Teppiche oder Bilder. Die italieni-schen Stukkateure waren nach Hause geschickt worden, ehe sie ihr Gerüst dort aufstellen konnten.
»Wo immer man sich niederläßt, muß man sich an viel Platz im Rücken und viel Höhe über dem Kopf gewöhnen. Es gibt keine Winkel. Eigenartigerweise ist der Effekt nicht Ruhelosig-keit, sondern eine verlockende Stille. Festes Betragen, sogar Förmlichkeit, zeichnet auf bestimmte Weise jede Linie des Hauses aus.«3 An Sommerabenden köpften Nachtfalter durch die offenen Fenster in die Kerzenflammen. -Vögel verflogen sich in den Räumen und einmal eine weiße Eule. Aber nie wurde ein Hausgespenst gesichtet. »Die -Toten mußten Bowen’s Court nicht heimsuchen […] weil sie es bereits durchdrungen hatten. Ihre erloschenen Sinne waren in Licht und Form gegenwärtig. Das Land vor den Fenstern hatte Eindrücke in den hinausschauenden Augen meiner Vorfahren hinterlassen; vielleicht haben ihre Augen dafür Eindrücke in der Landschaft hinterlassen.«4 Ein Auftritt -unter Geflacker und Gepolter wäre in diesem Haus als unpassend abgelehnt worden.
Das Licht, dem sich Bowen’s Court so bereitwillig öffnete, war für Elizabeth Bowen von großer poetischer Relevanz. Zum einen – ganz prosaisch –, weil sie stark kurzsichtig war. »Auf den ersten Blick sehe ich entweder alles in einem blendenden Nebel oder in geballtem Schatten verschwimmen.« Zum zwei-ten, weil das Licht in Irland ein großer Stimmungsarchitekt ist. »Es wechselt ständig […] das reicht vom Magischen, ja fast himmlisch-Frohlockenden bis zur Finsternis, grau, grusig, häßlich. Es ist nun einmal das Licht, das über meine Befind-lichkeit entscheidet, über meinen Tag und über meine ganze Wahrneh-mung der Welt. Dieser nahe--zu fatalistischen Empfänglichkeit für das Licht kann ich nicht entkommen. Ich sehe darin mein ungemal-tes Bild.«5
1957, zwei Jahre bevor sie Bowen’s Court verkaufte, brachte die englische Illustrierte Housewife’s Magazine eine Homesto-ry, in der »Miss Bowen« den Reporter durch ihr »überlebens-großes Haus« führte, von dessen dreißig Räumen nur sechs eingerichtet waren. Der Salon, in dem der Flügel stand – er wurde nur für Gäste regelmäßig gestimmt, denn die Dame des Hauses spielte nicht einmal »ein wenig« –, sei, so liest man, in flamingo-, austern- und zitronenfarbener Seide gehalten; seine geprägte graue Tapete von 1859 so gut wie neu. Von der Halle, deren Wände mit rotem Damast bespannt waren, stiegen sie hinauf zum »Long Room« mit seinen nackten Dielen, an dessen Längsseite Kaminattrappen für eine Illusion von Wärme sorgen mochten. Das Bad des rosa und weißen Gästezimmers lag ein paar Schritte »über dem Tanzboden.« Als Miss Bowen 1930 den Besitz erbte, hatte sie nicht genügend Möbel für das ganze Haus. »Manche Zimmer mußte ich deshalb mit einem Stuhl und einer Blumenvase einrichten. Es gab also immer Gelegenheit zu improvisieren. Das hat durchaus Familientradi-tion.«
Im Winter brannten Kaminfeuer, aber man arbeitete auch mit Wandschirmen und zusammengerollten Wolldecken gegen den Luftzug. Die Gäste trugen mobile Ölöfen von Zimmer zu Zimmer, »und an wirklich kalten Tagen sitzen wir alle zusammen in der Bibliothek.« Der Wildbret- und der Weinkeller mögen leer sein, aber die Köchin vollbringe dennoch wahre Wunderwerke in ihrem Souterraingewöl-be. Ein Aga-Herd sei dort das einzige Zugeständnis ans 20. Jahrhundert. Der Reporter rechnete: zweihundert Acres – gut achtzig Hektar – Weideland, fünf Pfund Jahresmiete für jedes Cottage, Himbeeren und Gemüse aus dem Garten zum Verkauf: macht zusammen nicht genug, um ein solches Haus zu unter-halten. »Worte sind mein größtes Kapital und meine einzige Hoffnung«, zitiert er Elizabeth Bowen.6
Aber die Worte reichten nicht. Keine Kontur zeichnet heute die Umrisse von Bowen’s Court mehr nach. Die einzige Mauer, die noch steht, ist die Umfriedung des großen Gartens, aber sie schließt nur dasselbe gepflügte Feld ein, das auch -außerhalb liegt. In Bowens Jugend war er von buchsbaumgesäumten Wegen durchzogen. Zwischen Gemüse, Beerensträuchern und Spalierobst, blau blühendem Borretsch, weißen und roten Päonien, duftenden Tuberosen und Hyazin-then, Narzissen, Papageientulpen, Rosen, Wicken und Löwenmäulchen stand eine Sonnenuhr, und irgendwo muß auch der Wunschbrunnen gewesen sein, über den Virginia Woolf schreibt, daß darin zerbrochene Tassen und ein halber Rosenkranz als -Opfergabe lagen, als sie und Elizabeth sich dort die Hände gereicht hatten. Dies alles unter-zupflügen muß außerordentliche Charakterstärke erfordert haben.
Das Cottage der Haushälterin Sarah Barry, das in der sonst leeren Nordostecke des Hauses stand, ist noch da, eine von Efeu vermummte Ruine. Torf lagert im Erdgeschoß. Im Hof davor wurde zwischen Schrott und Pfützen ein Lastwagenanhänger abgestellt. Vom Haus läßt sich nur noch das Souterrain ausma-chen, Steinplatten unterm Gras, drei niedrige gemauerte Bögen, eine Ofentür, die Stücke eines rostigen -Eisenkessels. Hier hatte sich Virginia Woolf mit der Köchin unterhalten und sich das Rad zeigen lassen, »mit dem man in der windigen, pompösen Küche, halb unter der Erde, das Feuer anfacht.«7 Auf der Bö-schung liegen ein paar behauene Kalksteine und ein Stück kannelierter weißer Marmorsims. Er könnte aus dem Salon, der Bibliothek oder dem Speisezimmer im Erdgeschoß stammen. Nur dort waren die Kamin-brüstungen weiß, italienisch, spät-viktorianisch, »nicht trivial, aber zahm.« Überall sonst im Haus stammten sie noch aus dem 18. Jahrhundert: dunkelgrau, weißgeädert, irisch, dramatisch.
Bowen’s Court war eines der herrschaftlichen georgianischen Häuser, wie sie überall in Irland anzutreffen sind; oft in bekla-genswertem Zustand, oft in überhaupt keinem Zustand mehr, und von denen man auf Nachfrage hört: »Hatte da von Anfang an nichts zu suchen.« Wo immer man an einer alten Mauer entlangfährt, hinter der die Eichen größer und gepflegter als auf den Feldrainen sind, steht zu vermuten, daß dort der Landsitz einer feudalen protestantischen Familie ver-borgen liegt – oder lag. Anders als englische Herrenhäuser, die in ihrer Umgebung mit der Selbstverständlichkeit -einer Tasse auf der Untertasse stünden, schreibt die irische Autorin Molly Keane, wirkten irische Landsitze geradezu ätherisch in ihrer Nutzlosigkeit und unermeßlichen Größe, die ihre Baumeister allein einem Ziel unterordneten: Schönheit. Und, möchte man hinzufügen, der großen Geste: Schaut meinen Landsitz, ihr Kartoffelbauern, und verzagt!
Bowens walisischer Vorfahr war um 1650 mit Oliver Crom-wells Armee ins Land gekommen. Die Besitzverhältnisse dieser Zeit gründeten auf Eroberung, Mord und Vertreibung der eingesessenen Katholiken, eine Tatsache, die auch nach mehre-ren hundert Jahren in Irland nicht in Vergessenheit geraten ist. Doch gerade dank der ergaunerten Privilegien erheben sich dort noch so viele elegante Erscheinungen; große Häuser, die nicht nur Herrschsucht sondern auch das Vergnügen an zweckloser Schönheit und den Geist der Aufklärung ausstrahlen, Gärten voll exotischer Spezies, die als Stecklinge in Stiefelschäften und Badeschwämmen einwanderten und im frostfreien Irland Fuß faßten; Wasserkünste, Heckentheater, Aussichtstempel, Spiel-wiesen und Alleen, deren Buchen nicht als Furnierholz gepflanzt worden waren.
Verschont von Mr. O’Keefes Zerstörungswerk, steht noch die viktorianische Pförtnerloge von Bowen’s Court, verputzt in der appetitlichen Farbe geschälter Kartoffeln und mit einer Topfpalme in der geteerten Einfahrt. Sie bewacht ein weißes Eisentor, hinter dem sich eine Traktorspur zwischen Äckern und Weiden verläuft. Farahy heißt der Flecken westlich des Dorfs Kildorrery zwi-schen Mallow und Mitchelstown: ein paar Häuser rechts und links der Steinbrücke, die kleine graue Kirche und der Friedhof. Sonntags trafen sich die »guten« Familien aus der Umgebung in St. Colman’s. Die kleinen Mädchen trugen weiße Musse-linkleider und weiße Hüte, die Buben Matrosenanzüge, und alle schmetterten mit protestantischem Selbstvertrauen ihre Ge-sangbuchverse.
Die Kirchenbank der Bowens steht über der Familiengruft. Elizabeth und ihr Mann Alan Cameron, ihr Vater Henry und ihre Tante Sarah aber liegen draußen auf einer Rasenstufe über den anderen Gräbern; strubbeliges Gras wächst über die beto-nierte Einfassung. »In den Sommer-wochen backt die verschlossene Kirche in der durch die Südfenster strömenden Sonne, und die in den Bänken liegengelassenen Gebetbücher wellen sich. Zu jeder anderen Jahreszeit fangen die Sachen an zu schimmeln; Feuchtigkeit überzieht das Seil der einzigen Glocke.«8 Einmal im Jahr wird hier Elizabeth Bowens in einer Feierstunde gedacht; sonst ist es still. Seit 1974 wird in St. Col-man’s kein Gottesdienst mehr gefeiert. Die Orgel steht kurz vor dem Zusammenbruch; das Harmonium hat ihn schon hinter sich. Die Sakristei beher-bergte einmal eine Armen-schule, 1721 von einer milden Dame aus London gestiftet. Auf dem Sims über dem schwarzeisernen Kamin lehnt ein großes Photo von Bowen’s Court.
Wo immer man in und um Kildorrery nach Elizabeth Bowen fragt, sprechen die, die sich fünfunddreißig Jahre nach ihrem Tod noch an sie erinnern, von Mrs. Cameron. Das war ihr Ehename. John Bowman, über achtzig Jahre alt, schwerhörig, aber gedächtnisfrisch, hat die Elektroleitungen gelegt, damals, als Bowen’s Court von seinem Dieselgene-rator ans kommuna-le Stromnetz wechselte. Zuvor hatte es elektrische Beleuchtung nur zu besonderen Gelegenheiten gegeben. Wie zum Weih-nachtsfest 1935:
»Es war ganz köstlich und kein bißchen albern, weil die Mu-sikkapelle und das ganze Getrampel Gespräche unmöglich machten«, schreibt sie an einen Freund. »Lichtkabel waren eigens für diesen Abend gezogen worden, und das Innere des Hauses strahlte, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Der Ball war überhaupt nicht elegant, aber auf seine Art sehr fröh-lich und stilvoll. Wir tanzten im Salon, dessen rote Samtvor-hänge wir extra für das Fest ausgeliehen hatten.«9
In seinem niedrigen Wohnzimmer zur Dorfstraße hinaus hat John Bowman Erinnerungsstücke aus dem großen Haus ver-sammelt. Die Platte des Tischchens, auf dem seine ge-rahmten Familienphotos stehen, kam als »ein schönes Stück Mahago-ni« in seinen Besitz, als er es 1960 bei der Haushaltsauflösung in Bowen’s Court an sich nahm; das heißt, eigentlich warf er es aus dem Dachfenster in die Büsche und sammelte es später auf. Die gedrechselten Füße der Tischlampen waren einmal die Beine des Billardtischs aus der Bibliothek. Wo der Rest des tonnen-schweren Möbels abgeblieben ist, fragt er sich noch heute. Immerhin, was zu retten war, hat John Bowman abgeschraubt.
Mary Roche, die in einem kleinen waschbetonverputzten Haus außerhalb von Kildorrery lebt, kam mit vierzehn Jahren als Küchenmädchen nach Bowen’s Court. Sieben Pfund erhielt sie im Monat, das war ganz ordentlich; vor allem, weil Mr. und Mrs. Cameron oft nur den Sommer in Irland verbrachten. In manchen Zimmern lag ja auch nur ein Teppich. Und bevor es im Haus fließendes Wasser gab, trugen die Mädchen nach dem Frühstück und vor dem Abendessen Kannen mit heißem Wasser in die Gästezimmer. Aber in der Halle stand immer ein großer Strauß. Oh ja, Mrs. Cameron mochte Blumen gern; jedenfalls lieber als Gartenarbeit. Mit dem Korb über dem Arm sei sie in den Garten gegangen, und dann habe sie die prächtigen Bouquets auf dem großen Tisch unter der Treppe arrangiert.
Mr. Cameron war nett und fidel. Mary Roche deutet mit der Hand einen kräftigen Schluck aus dem Glas an. Sie war im Haus, als er in einer Sommernacht starb. Wann war das? Sie weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls hoben sie ihn am nächs-ten Morgen früh aus dem Bett, um es frisch zu beziehen, und legten ihn wieder hinein. Und Mr. Ritchie? In der Unschuld des vierzehnjährigen Landmädchens sah sie nur den großen, dunklen, gutaussehenden Herrn aus Kanada. War er nicht Botschafter? Puderquasten hat er den Mädchen mitgebracht. Marys war pfirsichfarben, Cathleens rosa, und Molly O’Brien, die Köchin, bekam eine himmelblaue. Geraucht habe Madam, eine nach der anderen, Gold Flake, natürlich ohne Filter. Der kleine Laden von Annie Cleary an der Farahy-Brücke, wo sie regelmäßig anschreiben ließ, hielt ihre Zigaretten kartonweise vorrätig.
»Och, sie hat alles mögliche geraucht, nicht nur Gold Fla-ke«, sagt Cathleen Herbert, die sechs Jahre lang als Stubenmäd-chen bei ihr gearbeitet hat. Mrs. Herberts Vater war Pförtner in der kartoffelgelben Loge. Heute lebt sie in einem kleinen Haus neben der Tankstelle, nur ein paar Meter weiter die Straße runter nach irischem Maß. »Wenn ich ihr morgens um sechs den ersten Tee gebracht habe – immer nur ganz schwachen indi-schen Tee –, zog schon der Zigarettenqualm unterm Türspalt durch.« Und sie saß fertig angezogen und frisiert an der Schreibmaschine. So schöne rotblonde Haare hatte sie, tagsüber zum Knoten im Nacken gesteckt, aber Cathleen hatte sie natür-lich auch mit offenen Haaren gesehen. Madam hatte so viel Stil! Und phantastische Nylon-strümpfe, zu einer Zeit, als die Frauen in Kildorrery noch blickdicht trugen.
Zwischen ihrem Schlafzimmer und dem Schreibtisch hatte sie einen »surrealistischen« Paravent aufgestellt, den sie mit Zeitungsausschnitten und Glückwunschkarten beklebt und lackiert hatte. Das war ihr Hobby. Cathleen Herbert denkt gern an Mrs. Cameron zurück, die hin und her fleuchte, zu einem unbekannten gesellschaftlichen Leben in London und zurück nach Irland, in Tweedrock, Bluse und vernünftigen Schuhen, jedoch nie ohne Perlen. Und nie ohne Zigarette. Wie sie mor-gens in der Küche mit Molly das Essen besprach. Dabei hat sie doch so schrecklich gestottert. Oder wie sie in ihrem grünen Wolsey durch Kildorrery brauste. Oh dear, sie war eine schreck-liche Fahrerin!
Cathleen Herbert hütet einen Stapel Photos und Weihnachts-karten von Mrs. Cameron, den Porzellanteller, auf dem das Tintenfaß stand, und einen schönen bunten Krug, den ihre Mut-ter bei der Versteigerung des Hausrats im April 1960 ergattert hatte. Als Bowen’s Court abgerissen war, kam Mrs. Cameron noch einmal von London nach Kildorrery. Damals hat sie mit der ehemaligen Herrin kurz gesprochen. Worüber? – Oh, wie geht es Ihnen? Danke, gut, sehr gut! -Etwas in der Art. Sie hätte sich nichts anmerken lassen. Nicht mal, wenn sie zu ihrer eigenen Hinrichtung gekommen wäre. Und so etwas war es ja wohl auch. Bücher von Elizabeth Bowen? »Oh, die haben wir.« Gelesen hat sie keins.
Fünf Hausangestellte hielten den großen Kasten in Schuß – dreißig Zim-mer, dreißig Messingknäufe, vierundzwanzig Kamine, davon sechs in Betrieb, sechsmal Anmachholz, Papier, Torf und Koh-len, sechs Ascheneimer, fünfzig Fenster, hundert Innenläden, fünfhundert Ecken, die mit dem Spinnenbesen ausgewischt werden mußten. Wenn Bowen arbeitete, bestand sie auf Ruhe und Frieden im Haus, »und mein Personal besteht darauf, mir Ruhe und Frieden zu sichern.«10 Dafür war sie großzügig: drei halbe freie Tage in der Woche; anständiges Gehalt; zu Weih-nachten für die Mädchen ein Twinset und für alle fünf eine Fahrt nach Cork in die Oper zur Revue. Daß bei der Herrschaft mächtig gebechert wurde, lag in der Natur der Verhältnisse, aber wie konnte man verstehen, daß zum Nachmittagstee Kaffee verlangt wurde? Wie, daß Mr. Ritchie, ein verheirateter Mann, der Liebhaber von Mrs. Cameron gewesen sein sollte? Wie, daß diese verrückten Amerikaner sich halbnackt draußen auf der Treppe sonnten und so viel Trinkgeld gaben?
Durch die Republik Irland zog noch in den fünfziger Jahren ein feudales Lüftchen, schwach, aber merklich, wie das Trillern in den englischen Stimmen in der Beletage und die breiten Konsonanten im Singsang von Kildorrery im Sou-terrain. Doch das feudale Irland funktionierte nie ohne das bäuerliche und biedere, und manchmal drehten sich die
Verhältnisse einfach um. Ehe in Bowen’s Court Ende der vier-ziger Jahre Badezimmer eingebaut wurden, fuhren Mrs. Came-ron und ihre Gäste mit Schwamm, Shampoo, Handtuch und einer Thermosfla-sche mit gemixten Martinis nach Kildorrery zu Bowens altem Freund Mr. Gates, dem Geschäftsführer der Molkerei, in dessen Cottage heißes Wasser aus der Leitung in eine emaillierte Wanne floß. An Tagen, wenn der Hagel auf die Dächer prasselte und ein kalter Zug unter den Türen durchpfiff, war Jim Gates’ geheizte Badestube der feudalste Ort im nördlichen County Cork.

Rezensionen

»Eine fulminante Biographie.«
Monika Melchert, Sächsische Zeitung

»Elsemarie Maletzke (...) macht so nicht nur die Schriftstellerin Elizabeth Bowen lebendig, sondern auch das ausgeprägte Partyleben englischer Künstler und Intellektueller in den 30er Jahren.«
Manuela Reichart, Deutschlandradio Kultur

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