Burkhard Spinnen: Kram und Würde

Burkhard Spinnen
Kram und Würde


288 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-041-7

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Der Große Panda

Wenn, nein: falls ich einmal, durch was auch immer verursacht, in einen Zustand weit jenseits von Mut und Tollkühnheit geraten sollte, in einen Zustand, um die Sache plastisch zu machen, in dem man an der serbisch-moslemischen Grenze Bosniens »Mehr Demokratie wagen!«-Aufkleber verteilt – oder schlichter gesagt, falls ich einmal nichts mehr zu verlieren haben sollte, dann, ja dann werde ich öffentlich schlecht über den Großen Panda sprechen!
Ich habe nämlich unlängst gesehen, was mir die Augen geöffnet, wenngleich die Lippen beinahe versiegelt hat. Es war ein angenehm betulicher, ja geradezu schleppender, vermutlich britischer Tierfilm, 45 Minuten lang ausschließlich der Überlebenskrise des weltweit meistangehimmelten Säugetieres gewidmet. Und dort habe ich erfahren, was ich im Grunde immer schon ahnte, was ich aber unter dem massiven Druck der internationalen Tierschützer und angesichts des immer gleichen Kinderjauchzens fast vollständig verdrängt hatte. Und das ist: Der Große Panda ist dumm. Um nicht zu sagen sterbensblöd!
Wohlgemerkt, ich meine damit nicht einzelne Exemplare! Ich träume vielmehr von der Ruchlosigkeit, ohne Rücksicht auf irgendeine animalische oder politische Korrektheit die ganze Art für dämlich und praktisch vollkommen lebensunfähig und des Aussterbens dreimal wert zu erklären. Denn das Folgende ließ mich besagter Tierfilm endlich einmal ganz zur Kenntnis nehmen:
Erstens. Der Große Panda hält seit Abertausenden von Jahren an der stupid einseitigen Ernährung durch eine einzige Bambusart fest und benimmt sich damit aller Möglichkeiten einer Anpassung an veränderte Lebensräume, wie sie Darwin als Voraussetzung für den Arterhalt so sinnfällig beschrieben hat und wie sie auch der moderne Arbeitnehmer, wenngleich mühsam, praktiziert. Keine noch so kleine Mutation hat den Großen Panda bislang befähigt, gelegentlich auch einmal mit Gewinn an Lebensenergie ein paar rote Beeren, eine saftige Wurzel, ein kleines schmackhaftes Landsäugetier oder, meinetwegen, ein achtlos weggeworfenes Butterbrot zu sich zu nehmen. Stattdessen hat sich der Große Dumme Panda allen Fährnissen der Monokultur ausgeliefert! Grausam jene britischen Fernsehbilder, die ihn bei seinen verzweifelten Zügen durch ein Terrain zeigten, in dem gerade, wie übrigens zeitgleich in allen europäischen Ziergärten, der Bambus nach hundertjähriger Pause blüht und alsdann abstirbt!
Zweitens, als Steigerung des Schreckens. Da sich der Große Panda auf ein Nahrungsmittel konzentriert, das nicht nur hin und wieder ziemlich selten, sondern überdies und fatalerweise äußerst nährstoffarm ist, muss er, um sich bei Kräften zu halten, selbst inmitten der Fülle pausenlos fressen. Es geht ihm so, wie es uns Menschen ginge, wenn wir ausschließlich Hüttenkäse auf Knäckebrot verzehrten! Verständlich also, und im britischen Film auch schmerzhaft deutlich dokumentiert, dass dem Großen Blöden Panda über solch notgedrungen permanentem Fressen keine Zeit für die notwendigsten Verpflichtungen bleibt. Schaurig etwa anzusehen, wie eine Panda-Mutter vom Bambuskauen so eingenommen und vernebelt war, dass sie nichts unternahm, ihr Junges daran zu hindern, auf einen schrecklich hohen, windschiefen, ja wackligen und brüchigen Baum zu klettern. Vielmehr saß sie da und fraß und fraß, während ihr Junges (und damit, weiß Gott, vielleicht 1 Promill der Gesamtpandapopulation auf diesem Planeten) am Ende seiner infantilen Kletterei von der äußersten Spitze des besagten Baumes in die Tiefe fiel. Wo es übrigens, wie es im begleitenden Kommentar der Briten hieß, glücklicherweise von dichtem Bambusgestrüpp aufgefangen wurde.
Aber von wegen Glück! Vielmehr, welch eine Allegorie des selbstverschuldeten Aussterbens. Werden doch, wenn demnächst auch der letzte sturzbremsende Bambus ohne nennenswerten Kraftgewinn verspeist ist, die künftigen und wiederum ungehinderten Plumpse junger Pandas allesamt tödlich sein!
Und daher werde ich, falls ich einmal wirklich nichts mehr zu verlieren habe, öffentlich schlecht über den Großen Panda sprechen. Ich werde, wenn es sein muss unter Steinwürfen und Flüchen der Funktionäre des WWF und mitten in den Chor der jammernden Kinder hinein, sein baldiges oder dann bereits vollzogenes Aussterben lebhaft begrüßen. Denn dieser Planet soll keine doofe Spezies tragen müssen! Nicht eine, die achtlos den Reichtum der Natur verschmäht, und nicht eine, die über der Behebung des einen Blödsinns hundert andere befördert. Also nicht: den Großen Bescheuerten Panda. Und wen immer derartigen sonst!

Rezensionen

»Frisch und gelassen zugleich wirken Burkhard Spinnens gesammelte Feuilletons und Glossen. Ihre fast kindliche Neugierde und Wendigkeit, gepaart mit überraschenden Beobachtungen und blitzgescheiten Analysen.«
Sylvia Schwab, hr

»Spinnen kann über alles schreiben: Niemals wird er banal oder geschwätzig. Stets wird die Literatur bei ihm zum intellektuellen Abenteuer.«
Harald Klauhs, Die Presse

»Burkhard Spinnen ist kein Bewohner des Elfenbeinturms, eher ein Gast auf der Gegentribüne, möglichst in der Nähe der Mittellinie als Ausdruck einer ironischen Objektivität.«
Darmstädter Echo

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