Arthur Japin: Die Verführung

Arthur Japin
Die Verführung

Roman
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler

304 Seiten. Gebunden.
€ 19,90   €[A] 20,50   
ISBN: 978-3-89561-411-8

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Aber der Höhepunkt meines Glücks sollte erst noch kommen. Es erschien in der ersten Septemberwoche hinten auf einem Bauernkarren und ging fast verloren zwischen den reichgeschmückten Karossen, die den ganzen Tag ankamen oder abfuhren. Ich stand versteckt zwischen der Küche und den Nebengebäuden und betrachtete die Pracht, bis meine Aufmerksamkeit zufällig von den beiden Jungen angezogen wurde, die von der Ladefläche sprangen. Sie gaben dem Bauern, der sie gebracht hatte, ein paar Soldi, klopften sich den Hafer aus der Kleidung und liefen so selbstverständlich zum Vorplatz, als wären sie gerade aus einer vergoldeten Kutsche gestiegen. Ich mußte vermutlich so laut lachen, daß sie mich hörten, denn der eine stieß den anderen an und deutete auf mich. Daraufhin nahm dieser seinen Hut ab. Für mich. Seinen Hut! Er nahm seinen Hut ab, hielt ihn einen Moment in der Luft und machte mit dem Kopf eine kleine Verbeugung. Dabei schaute er mich an. Von allen Aufmerksamkeiten, die ich seither in meinem Leben genossen habe, wird mir auf meinem Totenbett nur diese vor Augen kommen. Nie zuvor hatte mir jemand Ehre bezeugt. Ich hatte auch nie danach gestrebt, aber nun, da es mir geschah, verstand ich nicht, warum ich solche Aufmerksamkeiten bisher nie vermißt hatte. Ich fragte mich, ob mich vorher überhaupt jemand so wahrgenommen hatte. In diesem Moment fing der Junge an zu lachen. Er legte einen Finger auf die Lippen, um mich zu bitten, über ihre Armut Stillschweigen zu wahren, und zwinkerte mir zu, zum Zeichen, daß dieses kleine Geheimnis uns fortan verband.
Frech wie Hunde liefen die beiden daraufhin zu meinem Vater, dem sie ihre Namen nannten. Offenbar standen sie auf seiner Gästeliste, denn er kreuzte etwas an und hieß sie willkommen, genau wie er die anderen Eingeladenen begrüßte. Alle wurden zu den Salons geführt, wo sie sich an Getränken und Leckereien erfrischen konnten, bis ihnen ihre Zimmer zugewiesen wurden. Sobald meine neuen Freunde von der Freitreppe verschwunden waren, rannte ich zu meinem Vater und versuchte, auf seiner Liste zu lesen, wer sie waren. Er erriet meine Gedanken.
»Es sind Priesterstudenten«, sagte er und neckte mich, aber schließlich nannte er mir ihre Namen: Francesco und Giacomo Casanova. Bei letzterem imitierte mein Vater übertrieben die Gebärde mit dem Hut, das war ihm also nicht entgangen. Beleidigt, daß er mich nicht ernst nahm, drehte ich mich um und machte mich auf die Suche nach meiner Mutter. Ich fand sie im Souterrain, wo sie mit der Zuteilung der Zimmer beschäftigt war. Sie stand vor der großen Tafel im Hauptgang, an der die Schlüssel aller Zimmer hingen. Auch sie hatte eine Liste, auf der sie jeden Gast durchstrich, von dem sie erfuhr, daß er angekommen war. Danach machte sie einen Zettel mit seinem Namen und hängte ihn an die Nummer des Zimmers, das dem Betreffenden von der Gräfin im voraus zugeteilt worden war. Sie schätzte meine neuen Freunde offenbar geringer ein als diese sich selbst, denn sie wurden weit weg im Haus untergebracht, im dritten Stock, genau unter dem Dach. Mir sank der Mut in die Schuhe. Dorthin kam ich normalerweise nie, und nun, da es mir wie allen Kindern des Personals streng verboten war, das Haus während des Festes zu betreten, würde mir der dritte Stock unerreichbar sein.
Genau in diesem Moment erhielt meine Mutter die Nachricht von der Ankunft des Kanonikus von Treviso. Sie strich seinen Namen auf der Liste durch und notierte ihn auf einem Blatt. Ihm war eine Suite im ersten Stock zugeteilt. Das fand meine Mutter eine Verschwendung für einen einzelnen Mann. Sie zögerte, ob es nicht einen alternativen Raum mit einem Einzelbett gab, der dennoch nicht unter seinem Stand war. Ich schlug das Gartenzimmer an der Ostseite vor. Das hatte ein Einzelbett und eine schöne Aussicht und Türen zu einer Terrasse, keine dreißig Meter von unserer eigenen Wohnung entfernt...

Rezensionen

»Die Verführung ist selber ein verschleierter Roman, der seine Reize verbirgt.«
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein seltener Fall: Literatur, so spannend wie erotisch.«
bücher

»Ein opulentes und sinnliches Sittengemälde.«
Die literarische Welt

»Der Schauspieler und Bestsellerautor Japin liebt historische Themen. Jetzt erzählt er, wer die Frau war, die Casanova das Herz brach.«
freundin