Anna-Elisabeth Mayer: Fliegengewicht

Literaturpreis Alpha 2011

Anna-Elisabeth Mayer
Fliegengewicht

Roman

220 Seiten. Gebunden
€ 18,95   €[A] 19,50   
ISBN: 978-3-89561-135-3

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Alle liebten Dr. Winter. Sein Lächeln brachte den Frühling von draußen ins Damenzimmer N° 5. Frau Ott verriet mir, dass sie sich beim Einschlafen vorstellte, mit ihm auf einer Hollywoodschaukel zu schaukeln und Bowle zu trinken. Dr. Winter schaukelte ohne Kleider. Nachdem mich Frau Ott über ihre Gedanken bezüglich Dr. Winter und die Hollywoodschaukel ins Vertrauen gezogen hatte, weihte mich Frau Blaser wenig später ebenfalls ein. Sie sagte: Dr. Winter hätte auch das Zeug zum Minister gehabt. Zum Minister?, fragte ich. Ich stelle mir Dr. Winter als Minister für interne Angelegenheiten vor, meinte Frau Blaser. Interne Angelegenheiten? Genau, antwortete Frau Blaser, der russische Minister ist ja in Russland. Fangen Sie nicht wieder damit an!, rief Frau Ferdinand von gegenüber. Bowle mit Dr. Winter, seufzte Frau Ott – da ging die Tür auf und er kam herein. Dr. Winters Kleider waren weiß wie seine Zähne, die er zeigte, wenn er für uns das Lächeln lächelte. Betrat Dr. Winter in seinen weißen Kleidern den Raum, warf mir Frau Ott einen Blick zu, der sagte: Ein Engel geht durchs Zimmer. Dr. Winter ging an das Bett von Frau Ott. Wie ist das Befinden heute? Frau Ott kniff die Augen zusammen, als ob ein Licht sie blenden würde. Man tut, was man kann, Herr Doktor. Er nickte und strich sich eine Strähne aus der Stirn. Sein Gesicht war ungetrübt, aber in seinen Augen mit der ungewöhnlich hellen Iris hing eine Wolke. Dr. Winter erkundigte sich weiter: Und die Nacht? Haben Sie die Nacht gut verbracht? Hinter mich gebracht, antwortete Frau Ott. Dr. Winter sah sie aufmerksam an. Ich weiß, sagte er, doch Sie wissen auch, eine Besserung tritt nicht von heute auf morgen ein. Ja, stimmte Frau Ott bereitwillig zu. Aber die Medizin schreitet voran, Dr. Winter aufmunternd – und er sah dabei uns alle an. Die Krankheiten auch, krächzte Frau Ferdinand herüber. Ich tue alles, was in meiner Macht steht, sagte Dr. Winter. Dr. Winter hat das Zeug zum Minister, nickte mir Frau Blaser zu. Er kam an mein Bett. Frau Ott drehte den Kopf zu mir: Ein Engel geht durchs Zimmer, sagten ihre Augen abermals. Und wie fühlt sich das Nesthäkchen heute? Gut, antwortete ich und fragte mich, für wie jung mich Dr. Winter halten wollte. Er sah etwas in der Patientenmappe nach. Wird er mich wieder abhören?
Wenn ich das Hemd auszog, dann konnte man sehen, wie Dr. Winter den Blick senkte. Wenn Dr. Winter mich abhörte, sah Frau Ott genau zu. Sie sagte: Dr. Winter soll auch mich so lange abhören. Aber Frau Ott, sagte ich, er hört uns doch alle gleich ab. Nein, sagte Frau Ott, das tut er nicht. Frau Blaser bestätigte das sofort. Einmal rief ich zu Frau Ferdinand hinüber: Frau Ferdinand, das stimmt doch gar nicht? Frau Ferdinand, die sich kaum aufrichten konnte, sagte: Doch, Dr. Winter hört am liebsten Sie ab.
Wenn Sie sich bitte freimachen, sagte Dr. Winter, nachdem er die Patientenmappe geschlossen hatte. Ich zog das Hemd über den Kopf. Er senkte den Blick und hörte mich ab.
Sie können sich wieder anziehen, meinte er und notierte etwas. Während ich mich anzog, blickte ich auf die silbernen Fäden in seinem dunklen Haar. Erst als ich vollständig bekleidet war, hob er den Kopf. In seinen Huskyaugen lag plötzlich die Erschöpfung einer langen Schlittenfahrt. Dr. Winter ging ans Nachbarbett: Und Ihnen, Frau Blaser, wie geht es Ihnen? Frau Blaser sah ihn nur an. Dr. Winter beugte sich zu ihrem Ohr: Haben Sie gut geschlafen, Frau Blaser? Sie lächelte jetzt und nickte. Und unsere Frau Ferdinand?, Dr. Winter drehte sich zum gegenüberliegenden Bett. Herr Doktor, warum soll ich noch aufwachen! Aber Frau Ferdinand, Sie würden uns fehlen, antwortete Dr. Winter. Für einen Augenblick erhellte sich sogar Frau Ferdinands Gesicht. Doch nachdem Dr. Winter gegangen war, erlosch es wieder: Ich will gar nicht mehr leben. Ich schon, sagte Frau Ott, ich denke an das Leben und die Liebe! Frau Ferdinand winkte ab. Dafür ist man nie zu alt, beharrte Frau Ott. Na ja, sagte Frau Blaser. Da richtete sich Frau Ferdinand mühsam auf und rief: Bei mir wird es hoffentlich nicht mehr dazu kommen!

Rezensionen

»Mayer sorgt für hübsch ironische Arztromanszenen, für ein Klopfen und Flimmern alter und junger Herzen, vor allem aber bietet sie dem Leser ein komisches Kammerspiel.«
Sandra Kerschbaumer, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Von allen Gründen, aus denen man Anna-Elisabeth Mayer lieben muss, ist dies noch der nebensächlichste: Sie hat den Arztroman rehabilitiert.«
Maren Keller, KulturSpiegel

»Der gebürtigen Salzburgerin ist eine wunderbare Persiflage auf den Arztroman gelungen (...). Ein Buch über die Zerbrechlichkeit des Lebens, leicht und beschwingt - ein Fliegengewicht.«
Kristina Gründken, WDR5

»Ein Buch über alles, was wichtig ist – so leicht gesponnen, dass man beim Lesen Angst hat, es weht einem aus den Händen.«
Kathrin Fischer, hr Info

»Sie seziert den Mikrokosmos Krankenhaus und erzählt wunderbar warmherzig, liebenswürdig und witzig von sehr unterschiedlichen Lebens- und Liebesgeschichten. Ein wirklich gelungener ungewöhnlicher Debüt-Roman!«
rbb Radio Fritz

»Auch wenn der Roman leichtgewichtig daher kommt, die Lebens- und Liebesgeschichten, die hier im Zentrum stehen, werden mit großer Zuneigung und Genauigkeit gefasst.«
Manuela Reichart, Deutschlandradio Kultur

»Die Wiener Autorin spielt mit dem Genre. Und macht daraus einen Roman über die Vergänglichkeit, bei dem man sich das Lachen nicht verkneifen kann.«
Wienerin

»In den sechs Kapiteln von Fliegengewicht entfaltet sich ein kunterbuntes, mal schrilles, mal verhaltenes Dialoggewirr, das von Leitmotiven und Running Gags zusammengehalten wird.«
Rainer Moritz, Die Presse

»Ein Text, dem es gelingt, von den Widersprüchen und Abgründen der Existenz zu erzählen und ihnen (...) mit viel Sinn für Witz (...), konternd zu entfliehen.«
Katja Gasser, ORF a.viso

»Hochkomisch (...). Fliegengewicht ist keine bloße Talentprobe, es ist ein Versprechen.«

Klaus Nüchtern, Falter

»Fliegengewicht ist eines dieser Bücher, bei denen man wirklich lachen und weinen muss.«
Raffaela Rudigier, Kultur

»Gekonnt und souverän spielt die Autorin mit dem Genre des Arztromans und sprachlich mit verschiedenen Bedeutungsebenen von ›Herz‹ und ›Schmerz‹.«
Christa Gürtler, Die Furche (Booklet)

»Eigentlich ist der Roman eine Operette, live übertragen aus dem Pavillon 8, Zimmer 5 eines Wiener Krankenhauses.«
Peter Pisa, Kurier

»Alle studieren die Bestsellerlisten. Aber es gibt auch literarische Entdeckungen jenseits modischer Rankings.«
Schwäbische Zeitung

»Ein Schmuckstück!«
Ewart Reder, Maintal Tagesanzeiger

»Ein wunderbares Debüt, das sowohl als literarisches Kunststück wie auch als Unterhaltung durchgeht.«
Elena Messner, Wiener Literaturhaus Online

»Fliegengewicht ist ein reifes Debüt, ein kluger Roman.«
Bernd Schuchter, Voralberger Nachrichten

»In diesem Roman werden Träume spürbar.«
ORF

»Fliegengewicht ist stilistisch ebenso leicht, wie der Titel verspricht.«
Marie Heidingsfelder, AVIVA-Berlin Online

Außerdem erschienen von Anna-Elisabeth Mayer

Anna-Elisabeth Mayer: Am HimmelAnna-Elisabeth Mayer: Die Hunde von Montpellier