 |  |  Elizabeth Hay – NachtradioDer Radiosender befand sich in einem ruhigen Eckhaus, einen Steinwurf von der Hauptstraße entfernt. Er war früher ein Elektroladen gewesen, Top Electric, und war entsprechend klein. Eine einstöckige Schuhschachtel in einer Stadt, die in den dreißiger Jahren am goldführenden Ufer des Großen Sklavensees entstanden war, ein Binnensee, der ein Drittel so groß wie das bürgerkriegsgeplagte Irland war. Wenn man eintrat, sah man als Erstes Eleanor Dew, die es schaffte, hübsch auszusehen, obwohl eigentlich nichts an ihr hübsch war. Sie hatte relativ stark hervortretende Augen und ein fliehendes Kinn, doch gleichzeitig versprühte sie einen gewissen blonden Charme, eine Ausstrahlung, die daher rührte, dass sie mit beiden Füßen fest auf der Erde stand, aber gleichzeitig rege geistige und spirituelle Interessen hatte. Mit ihren sechsunddreißig Jahren war sie fast die Älteste im Sender und im Herzen eine Dichterin, die Milton las, wenn gerade niemand anrief. Wenn jemand anrief, nahm sie die eingehenden lokalen Durchsagen, die Beschwerden und Musik wünsche, das Gemisch aus privaten und geschäftlichen Anrufen für die sechs Moderatoren und Techniker und die beiden Nachrichtenredakteure oder den Senderchef entgegen, der allerdings vor einer Woche mit einer Kellnerin durchgebrannt war.
Eleanors Schreibtisch stand an einem Schaufenster, von dem man die staubige Straße überblicken konnte, die zur Gold Range führte, auch als »Strange Range« bekannt, und zur Franklin Avenue, der Hauptstraße mit den zwei Ampeln. Wenn man auf der Franklin Avenue nach links einbog, kam man auf der einen Straßenseite an MacLeods Eisenwarenladen und dem Kaufhaus Hudson’s Bay vorbei, auf der anderen am Capitol Theatre mit seinen uralten Filmen und der noch älteren Popcornmaschine. Wenn man in derselben Richtung durch den neuesten Teil der Neustadt weiterging und sich dann links hielt, kam man irgendwann zu Cominco, einer der beiden noch im Betrieb befindlichen Goldminen, die ursprünglich der Grund für die Entstehung des Ortes gewesen waren. Bog man jedoch auf der Franklin Avenue nach rechts ab, kam man zum Yellowknife Inn gegenüber vom Postamt, dann ging man an der Stadtbibliothek vorbei und dem Textilgeschäft, das sich »Eva der Arktis« nannte. Wenn man dann in nördlicher Richtung bergab weiterging, gelangte man zum ältesten Teil der Altstadt, einer Ansammlung bescheidener Häuser, Hütten, Blockhäuser, Klohäuschen, Nissenhütten, Wohnwagen und vereinzelter Gewerbeniederlassungen, die sich auf dieser felsigen Halbinsel unter dem riesigen Himmel völlig zu Hause zu fühlen schienen. Sie machten ihm auch keine Konkurrenz. Yellowknife hatte nur ein Hochhaus, und das stand nicht an der Hauptstraße, sondern war ein einsamer Wohnblock im Südosten der Stadt.
Ein in den Kinderschuhen steckender Ort mit zehntausend Einwohnern, benannt nach einem ehemals dort ansässigen Indianerstamm, der Messer aus gelbem Kupfer benutzt hatte, und in vielerlei Hinsicht ein weißer Schandfleck auf der Landkarte der kanadischen Ureinwohner. Doch es war der nördlichste Punkt, den die meisten Menschen aus dem Süden je erreichen würden. Er lag nördlich des sechzigsten Breitengrades und hatte seinen Platz in der Romantik des hohen Nordens; er wirkte allerdings nicht geheimnisvoll, sondern eher anders als alles, was man kannte, und auch das nicht von Anfang an. Die Landschaft war nicht atemberaubend. Keine Berge, keine Gletscher, und im Winter gab es nicht einmal besonders viel Schnee. Doch nach einer Weile wuchs er einem ans Herz, zumindest jenen Menschen, die ihn nie vergessen würden, wenn sie später an ihr Leben zurückdachten und sich sagten: Die Zeit dort war die lebendigste meines Lebens. Zum Titel |