 |  |  Juan Gabriel Vásquez – Die InformantenSobald ich 1988 meine ersten Exemplare von Ein Leben im Exil erhalten hatte, brachte ich meinem Vater eines vorbei, ließ es beim Pförtner und rechnete mit einem Anruf oder einem altmodischen, feierlichen, vielleicht anrührenden Brief. Als Brief oder Anruf auf sich warten ließen, kam mir in den Sinn, der Pförtner könne das Päckchen verlegt haben, aber bevor ich Gelegenheit hatte, bei ihm vorbeizugehen und mich vom Gegenteil zu überzeugen, erreichte mich das Gerücht von den Kommentaren meines Vaters.
Waren sie tatsächlich so unvorhersehbar gewesen, wie sie mir zu sein schienen? Oder hätte sie, wie ich in den Folgejahren manchmal dachte, tatsächlich jeder vorhersehen können, der die familiären Scheuklappen ablegte? Ich hätte nur die Hand nach der Gerätschaft des Propheten, den Instrumenten der Vorhersage ausstrecken müssen. Von jeher hatte meine Entscheidung, über Aktuelles zu schreiben, meinen Vater zu harmlosen Sarkasmen veranlasst, die mich dennoch ärgerten. Nichts flößte ihm so viel Misstrauen ein wie jemand, der sich mit der Zeitgeschichte befasste, ein Wort, das in seinem Mund wie eine Beleidigung klang. Er wandte sich lieber Cicero und Herodot zu, das Tagesgeschehen hatte für ihn etwas Verdächtiges, fast Infantiles, und wenn er seine Ansichten nicht in aller Öffentlichkeit darlegte, dann nur aus geheimer Scham oder um nicht zugeben zu müssen, dass auch er seinerzeit Die Watergate-Affäre gelesen hatte. Doch all das war noch kein Grund für seinen Ärger. Den ersten Kommentar, zumindest den ersten mir bekannten, ließ mein Vater an einem Ort fallen, der öffentlich genug war, um mir zu schaden. Er wählte keine Kollegenrunde, nicht einmal eine Unterhaltung nach Tisch, sondern wartete, bis er sich vor den Teilnehmern seines Seminars befand, und griff dann nicht einmal zu einem Epigramm eigener Ernte (obwohl er die zuhauf besaß und äußerst giftige dazu), sondern plagiierte das eines Engländers aus dem achtzehnten Jahrhundert.
»Das Büchlein ist gut und originell«, sagte er. »Nur sind die guten Teile nicht originell und die originellen nicht gut.« Wie zu erwarten und wie er vielleicht sogar gehofft hatte, wiederholte einer der Seminarteilnehmer den Kommentar, und das Lauffeuer der bösen Zungen, das in Kolumbien so besonders schnell ist, wenn es darum geht, einem anderen zu schaden, hatte bald einen meiner Bekannten erreicht, einen Gerichtsreporter der Zeitung El Siglo. Und mit dem falschen, hämischen Mitgefühl des Verräters gab er mir den Satz wörtlich wieder, überzeugt davon, wie wenig Respekt ich verdiente, schmückte ihn als guter Schauspieler noch aus und forschte unverhohlen nach den Reaktionen auf meinem Gesicht. Als Erstes stellte ich mir das schallende Gelächter meines Vaters vor, den Kopf, den er wie ein wieherndes Pferd zurückwirft, die Baritonstimme, die durch den ganzen Hörsaal und die Büroräume hallt und selbst Holztüren überwindet. Dieses Lachen und der Stumpf der rechten Hand, der die Hosentasche sucht, waren die Wahrzeichen seines Triumphs und zeigten sich immer, wenn er einen guten Witz machte, ebenso die zusammengekniffenen Augen und allem voran die Verachtung, seine meisterliche Verachtung. Wie ein Geier fand mein Vater auf den ersten Blick die Schwachstellen seines Gegners, die Lücken in seiner Rhetorik, die wunden Punkte seines Charakters und stürzte sich auf sie. Überraschend war, dass er sein Talent gegen mich eingesetzt hatte, sosehr seine Kritik auch in manchen Punkten berechtigt sein mochte. »Die Fotos. Am ärgerlichsten sind die Fotos. Die Stars der Seifenopern, die Folkloresänger, die gehören in die Zeitschriften«, sagte er jedem, der es hören wollte. »Aber ein ernstzunehmender Journalist? Was zum Teufel hat ein ernstzunehmender Journalist in einer Illustrierten zu suchen? Weshalb müssen die Leser wissen, wie sein Konterfei aussieht, ob er eine Brille trägt, ob er zwanzig oder neunzig ist? Es steht schlecht um ein Land, wenn die Jugend als Passierschein, um nicht zu sagen, als literarische Qualität gilt. Haben Sie die Rezensionen des Buchs gelesen? Der junge Journalist hier, der junge Journalist da. Himmel, ist in dem Land keiner in der Lage, festzustellen, ob er gut oder schlecht schreibt?«
Aber etwas sagte mir, dass ihn in Wirklichkeit nicht die Fotos ärgerten, sondern etwas Tiefergehendes. Ich hatte an etwas Geheiligtes in seinem Leben gerührt, dachte ich da als, an so etwas wie ein privates Totem: an Sara. Ich hatte mich an Sara herangewagt, und auf Grund von Regeln, die ich nicht durchschauen konnte (Regeln eines Spiels, das mir niemand erklärt hatte: dieser Gedanke wurde zur tauglichsten Metapher, was die Reaktionen meines Vaters auf das Buch anging), war das unannehmbar. Zurück zum Titel |