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George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes NeinGeorge GroszLeseprobe

George Grosz – Ein kleines Ja und ein großes Nein

Was mich betraf, so wollte ich Maler werden. In meinem Kopf waren Bilder, die ich einmal malen wollte. Sie ähnelten denen, die ich zu Hause in den Familienzeitschriften immer und immer wieder mit glühenden Backen betrachtet hatte. Soldaten- und Mönchsbilder liebte ich vor allem: wie schön waren diese heiter trinkenden Mönche, oh, wie schimmerte der goldene Wein im Glase, wie natürlich waren Brot und Käse, Schinken und Radieschen gemalt – direkt zum Anbeißen! Meine Mutter und Tante, denen ich mich in meiner Kunstbegeisterung mitteilte, sagten: »Ja, Junge, wenn Du mal so malen könntest! Das ist eben die Kunst, diese Lebenswahrheit – als ob alles da so auf dem Tisch vor einem steht –, aber da mußt Du viel lernen!«
Nun, das wollte ich gewiß. Ich wollte einmal solche Bilder malen, und dazu wollte ich »komponieren« lernen, und das konnte man nur auf einer Akademie – soviel hatte ich darüber schon gelesen. Ich wollte ein Genremaler werden, wie Grützner, beschloß aber, in meiner freien Zeit nebenbei auch Historienbilder zu malen, hauptsächlich aus dem Husarenleben. Vielleicht ließe sich beides verbinden, zum Beispiel in einem Bild, das ich »Ein frischer Trunk« nennen würde: einem Husaren, der von Patrouille kommend gerade dabei ist, vom Pferde zu steigen, wird – vor einer malerischen Schenke als Hintergrund – von einem bildhübschen Mädchen ein großes Glas mit einem golden schimmernden Getränk gereicht, während ein junger Bursche lachend das Pferd am Zügel hält – all das in etwas altväterischer Tracht, weil die doch soviel »malerischer« war als unsere modernen, uninteressanten Kleider.
Um so malen zu lernen, war ich auf die Akademie gekommen und war natürlich sehr enttäuscht, daß hier von »komponieren« oder gar von solchen Kompositionen, wie ich sie mir ausdachte, überhaupt nicht die Rede war. Im Gegenteil. Als ich zu einem Mitschüler sagte, ich sei doch hier, um unter anderem – oder eigentlich vor allem – komponieren zu lernen, da lachte er mich einfach aus. Das Gekomponiere sei doch längst passé – mein Gott, komponiert hätte man vor dreißig Jahren. Heute gehe man hinaus in die Natur, möglichst bei heller Sonne und womöglich mittags, bleibe irgendwo stehen und male ein Stück x-beliebiger Umgebung ab, ohne vorzuzeichnen und gleich mit dem Spachtel und in komplementären Tupfen. Ob ich denn schon einmal durch ein Prisma gesehen hätte? »Na also. Das andere war ja alles braune Sauce und gestellt. Theater, sehen Sie…«
Die ganze Malerei bis jetzt sei Theater, bis auf ein paar Franzosen vielleicht. Nur in der Natur, in der hellen Sonne am Mittag gebe es kein Theater, da sei alles natürlich, und die sogenannten »Motive« gäbe es schon seit den paar großen französischen Impressionisten nicht mehr. In der Natur, da gäbe es keine »Motive«, nur Licht und Luft; das hätte doch Gott sei Dank die moderne Wissenschaft nachgewiesen. Ob ich noch nie von einem gewissen Monet gehört hätte, der hätte einen Heuhaufen dreimal gemalt – genau denselben Heuhaufen, früh um 6, mittags um 1 und nachmittags um 5. »Jawohl, das sind die großen Taten von heute. Was ist da alles Gekomponiere dagegen?«
Ich war geschlagen und vernichtet.

© Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2009

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