 |  |  Gwendoline Riley – KrankmeldungenEs ist Dienstag. Um fünf Uhr morgens bin ich seit über einer Stunde wach und auf dem knapp einen Quadratmeter großen Stück freiem Teppich herumgetigert, habe mich mit angezogenen Knien dort hingelegt und mir den Teebecher auf die Brust gestellt. Die Sonne braucht ewig, um aufzugehen.
Ich stelle mich ans Fenster. Durch die fedrigen Eisblumen auf der kalten Scheibe beobachte ich den Verkehr: den rauchigen Atem aus den Auspuffen, die blitzenden Blinker, die grell starrenden Rücklichter auf dem Trinity Way. Der vom Wind getriebene Regen hängt einen düsteren Gazeschleier um die trüben Straßenlaternen – drinzubleiben schaffe ich trotzdem nicht. Ich ziehe fast alle meine Klamotten an – das Twinset über ein T-Shirt, meinen Wollmantel, drei Paar Socken, hoch unter die Jeans gezogen –, schließe den Reißverschluss an den Stiefeln, nehme aus einem Becher, der voll von Kulis ist, einen heraus, stecke ihn in meinen Pferdeschwanz und gehe los.
Nachdem ich die Hauptstraße überquert und mir meinen muffigen grauen Schal über den Kopf gezogen habe, beschleunige ich meine Schritte. Ich platsche durch bleigraue Pfützen im Rinnstein, trete mit festen Schritten auf den Streusplitt. Die Kälte sticht mir in die Ohren; die raue Luft, die ich einatme, schmerzt mich in der Brust. Ein Fenster in dem leeren Bus in die Stadt schließt nicht richtig, und obwohl ich relativ weit vorn sitze – die Knie hochgezogen, die Arme verschränkt –, spüre ich trotz des mehrfach umgeschlungenen Schals die scharfe Kälte im Nacken. Langsam geht eine fahle Sonne auf, atmet zwischen den Gebäuden hindurch.
Ich gehe zum Piccadilly Approach in mein altes Lieblingscafé. Es riecht nach Dettol, Würstchen und nassem Weißbrot.
Drei Männer in dicken neonfarbigen Jacken und mit Schiebermützen sitzen an einem Tisch, zersäbeln ihre Schinkenscheiben und lesen ihre Zeitungen. Ich schreibe in mein Detektiv-Notizbuch und trinke schwarzen Tee, als zwei alte Typen hereinkommen. Der große versetzt seinem beduselten Freund einen Rippenstoß, als sie vor dem schmierigen Chromtresen stehen.
»Schau dir die an«, sagt er. »Schreibst wohl dein Testament, was?«
Ich hebe die Brauen und klopfe mir mit dem Kugelschreiber an die kalte Nase. Ich versuche über meine Mutter zu schreiben.
Als ich drei war und mein Bruder noch nicht laufen konnte, hat sie meinen Vater verlassen. Eines Tages, als er zur Arbeit war, fuhr sie mit uns über den Mersey zum Haus ihres Vaters auf dem Wirral. Noch mehrmals an dem Tag fuhr sie hin und her und brachte alle ihre Sachen – in dreißig Jahren Angesammeltes, unredigiert – in das Zimmer zurück, in dem sie aufgewachsen war. Wir blieben in ihrem Elternhaus, und ich – wie das Leben so spielt – landete schließlich in denselben Schulen, die ihr schon das Leben vergällt hatten. Eine weitere Ironie der Geschichte: Sie entfloh der Herumkommandiererei meines Vaters, nahm meinen Bruder aber mit, eine Zeitbombe, angeschnallt im Kindersitz.
Fünf verlorene Jahre bei ihrem grantigen Vater. Dann starb der, und wir zogen um. Nur die Straße weiter hoch, aber um. Als wir ein paar Jahre in dem Haus waren, ließ meine Mutter das große Wohnzimmer umbauen und teilen: in einen Raum für uns Kinder, den anderen für sie; den wollte sie sich schön machen, auch dafür, wenn mal Besuch kam. Doch am Ende war der eine für meinen Bruder und seine Freunde, wo sie Nintendo spielten, und der andere für sie, wo sie sich verkroch und fernsah.
Ungefähr um diese Zeit bekam ich Alpträume. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen, und saß deshalb immer in der Ecke der Couch in ihrem Zimmer und las, während sie sich darauf ausstreckte und Soaps und die Filme danach anschaute. Wenn sie schlafen ging, blieb ich dort. Die große Lampe war an, und ich las bis zum nächsten Morgen. Nachdem sie mit mir beim Arzt gewesen war, nahm ich eine Weile lang leichte Schlaftabletten und wurde dann den ganzen Winter zur Therapie ins Bebingtoner Bürgerzentrum geschickt, einen flachen, kieselverputzten Gebäudekomplex mit Arztpraxis, Bücherei und Polizeiwache – die Häuser waren alle kastenförmig und hatten Bullaugenfenster.
Wenn ich nach der Schule dorthin ging, nahm ich die Abkürzung über den vereisten Sportplatz. In Reifenspuren voll mit Regenwasser lagen die zerrissenen, aufgequollenen Pornohefte irgendeines Typen; auf den halb umgekippten Torpfosten saßen riesenhafte Amseln. Das Gras knackte, wenn ich darüber stapfte; mehr als einmal schrammte ich mir Knie und Hände daran auf. Als meine Lehrerin den Wundschorf sah, sagte sie: »Du solltest dir Nägel unter die Schuhe schlagen lassen.«
Meine Sitzungen fanden neben der Arztpraxis statt. In einem Raum, der nichts Einschüchterndes hatte, saß ich in einem klobigen, niedrigen Sessel; an den pastellgrünen Wänden hingen Tierplakate: verdrießlich dreinschauende, schlammbedeckte Nilpferde, Affenbabys, die einander mit ihren spindeldürren Ärmchen umschlangen. Es gab Kekse. Man trug Strickjacken. Ich habe unendlich viele Stunden dort verbracht, doch an das, was geredet wurde, kann ich mich so gut wie nicht erinnern. Nur daran, dass sich am Ende der ersten Sitzung, als ich gerade unter dem Sessel nach meiner Jacke suchte, der Mann, dem ich zugehört hatte, vorbeugte, mich anstrahlte und sagte:
»Weißt du, was mit am besten ist, wenn man erwachsen wird?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Man kann seinen Nachtisch zuerst essen!« Er grinste mich an und trommelte sich mit den Fingern auf die Knie.
»Als ich anfing zu studieren, fand ich das wunderbar«, fuhr er fort. »Einmal war ich im Supermarkt, und ein kleiner Junge stand in einem Einkaufswagen vor den Kühlregalen, und ich nahm mir ein Joghurt und sagte zu ihm: ›Wenn ich will, kann ich das vor dem Essen futtern!‹«
Von da an sah ich den Therapeuten jedes Mal, wenn ich bei ihm war, mit joghurtbeschmiertem Gesicht vor mir. Man verordnete mir auch alle möglichen anderen Aktivitäten, damit ich meine überschüssige Energie loswurde. Nacheinander probierte ich es mit Trampolinspringen, Schwimmen, Hallentennis, Bogenschießen und nahm eine Weile lang in einem feuchtkalten, nach Puder riechenden Gemeindesaal Ballettunterricht. Damit war allerdings Schluss, als meine Mutter mich eines Tages abholen wollte und man ihr sagte, ich solle besser nicht wiederkommen. Als sie fragte, warum nicht, öffnete sich prompt die Tür zum Umkleideraum, und so wie sie es erzählt, lag ich dort auf dem Boden und wälzte mich hin und her – wie seit meiner Ankunft. Unglaubhaft klingt das nicht. Neulich habe ich das Donna erzählt, und sie sagte: »Na, du wolltest dich ausdrücken!«
Damit entschuldigen wir alles. Als ich letztes Jahr immer weiter absackte und dauernd auf meinen Teppich pisste – wie eine wütende Katze, sagte Donna und verdrehte die Augen –, »drückte ich mich eben aus«. Und auch Donna tat es, als sie in den Whisky meines Ex-Freunds Richard spuckte. Ich frage mich, wie lange wir damit noch durchkommen. Anders zu leben fände ich trotzdem surreal. Als ich zehn war, fuhren meine Mutter, mein Bruder und ich zum ersten Mal in die Ferien. Die arme Frau gab ihr ganzes schwer verdientes Geld aus und landete dann doch mit uns in einem Elendsloch in Spanien. Ein einziges Mal in den zwei Wochen cremte ich mich mit pappigem Lichtschutzfaktor 60 ein und traute mich in den Swimmingpool, abends, als er leer war. Bäuchlings lag ich auf der Luftmatratze meines Bruders, krallte mich daran fest und versuchte, mich fortzubewegen. Fast wäre ich umgekippt. Vielleicht spielte ich ja mit dem Tod. Irgendjemand schlug vor, ich solle die letzten beiden Wochen dieses nassen Sommers – bevor ich an der Wirral Girls Grammar begann – in einem modernen Internat im Süden Englands verbringen. Da die Freunde meines Bruders jeden Tag in den Ferien bei uns herumhingen, wenn meine Mutter zur Arbeit war, wollte ich sowieso nicht da sein. Sie hatten das Sagen.
Schon eine Woche vorher begann ich zu packen. Auf dem Boden meines Koffers hatte ich alle meine verschiedenfarbigen Socken ausgebreitet: vierzehn Paar nebeneinander. Aus lauter Bockigkeit, denn ich wusste ja, dass ich das rote Paar mehr als einmal tragen würde. Das war doch klar. Aus dem Zimmer meiner Mutter nahm ich Mascara mit. Sie bewahrte die Kosmetika der letzten dreißig Jahre in staubigen Plastikablagen in ihren Kommodenschubladen auf: graue, zu Pulver zerfallende Schwämme, Flaschen mit orangefarbener kreidiger Schmiere, Lippenstiftstummel. Das hatte sie alles mitgenommen, als sie meinen Vater verließ. Ich habe rotes Haar wie er, doch meine Wimpern sind blond, kurz und gerade. Irgendwann begann ich mich deswegen zu schämen und benutzte von da an die trockene alte Mascara meiner Mutter. Jeden Morgen. Abends spuckte ich manchmal auf Toilettenpapier und rieb sie ab oder zupfte die größeren Klümpchen heraus. Meist jedoch sammelten sie sich an und verkrusteten, bis Badetag war oder ich einen Heulanfall hatte. Bevor meine Mutter mich ablieferte, ging sie mit mir zum Mittagessen in eines dieser riesigen Kettenrestaurants. Wir setzten uns draußen auf feuchte Bänke. Ich bestellte vegetarische Lasagne, zu der es Pommes und grüne Erbsen gab. Ich aß nicht viel davon. Aber ich trank zwei Gläser Cola, was ich normalerweise nicht durfte, schon gar nicht in den Ferien, denn dann, sagte sie vollauf zu Recht, würde ich »allen das Leben vermiesen«. Während ich die Cola trank, drückte ich mit der linken Hand gegen den Tisch, klappte meinen Ellenbogen heraus und wieder zurück und las in einem Buch, das offen auf meinen Knien lag.
»Du verdirbst dir den Magen«, sagte meine Mutter. Zum Titel |