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Sadie Jones: Der AußenseiterSadie JonesLeseprobe

Sadie Jones – Der Außenseiter

An einem Donnerstagnachmittag im Dezember rief Jane in
Gilberts Büro an, um ihn daran zu erinnern, dass Lewis am nächsten Tag für die Weihnachtsferien nach Hause kommen würde. Gilbert brauchte keine Erinnerung; die Jungen mussten jeden Sonntagabend nach Hause schreiben, und in seinem letzten Brief hatte Lewis gesagt, dass er sich auf die Ferien freute. Am Freitag machte Gilbert früher Feierabend und fuhr zur Victoria Station, wo der Schulzug ankommen würde.
Er hatte Lewis noch nie am Zug abgeholt, und da er sich inmitten der Frauen, die an der Sperre warteten, unwohl fühlte, ging er ins Bahnhofscafé, um einen Tee zu trinken. Er wartete, bis alle Mütter mit ihren Söhnen gegangen waren und Lewis das einzige Kind auf dem Bahnsteig war. Da erst verließ er das Café, um ihn zu holen.
Er stand mit einem Gepäckträger und einem Mann, der ¬einer seiner Lehrer sein musste, neben seinem Koffer. Als er seinen Vater kommen sah, lief er ihm entgegen und schlang die Arme um ihn. Gilbert spürte die Spannung und die Wärme des kleinen Körpers, der sich an ihn klammerte, durch den Mantel hindurch. Er nahm Lewis’ Hände, machte sie von sich los und schob den Jungen von sich.
»Lass das«, sagte er, ohne ihn anzusehen. »Gehen wir.«

Während der anderthalbstündigen Autofahrt nach Waterford schlief Lewis ein, die Wange an die Beifahrertür ¬gelehnt. Gilbert lenkte das Auto durch den blaukalten Abend.
Vor dem Haus hielt er an, machte den Motor aus und ¬berührte Lewis’ Hand.
»Aufwachen, kleiner Mann, wir sind da«, sagte er, und ¬Lewis wachte auf.
Er schaute erst seinen Vater und dann das Haus, das vor ¬ihnen aufragte, mit noch schläfrigen Augen an, und Gilbert sah, wie er allmählich zu sich selbst zurückfand, sah den Übergang von Nichtwissen zu Wissen, den er nur zu gut kannte. Genauso fühlte auch er sich, wenn er aufwachte. Er wollte, er könnte diesen Augenblick auslöschen. Er wollte, er könnte den Kopf seines Sohns in die Hände nehmen und das Gefühl daraus herauspressen. Er wollte ihn in die Arme nehmen und küssen und so innig lieben, dass Lizzie zu ihnen zurückkommen musste. Er wollte das Gesicht in den Händen vergraben und nie wieder daran denken.
»Wir sind da«, sagte er. »Raus mit dir. Jane wartet sicher schon mit dem Essen auf uns.«

Während der Weihnachtsferien fuhr Gilbert so wie früher mit dem Zug ins Büro und verbrachte die meisten Abende
zu Hause, damit alles möglichst normal schien. Er erwähnte Elizabeth kein einziges Mal, und Lewis tat es instinktiv auch nicht. Das Schweigen, das die Erinnerung an sie umgab, wurde immer spröder und belastender, und keiner von ihnen wagte es zu brechen. Für Lewis war es ein gutes, gleichzeitig aber auch ein einsames Gefühl gewesen, dass auch in der Schule fast niemand seine Mutter je erwähnt hatte. Den Unterricht zu besuchen und ganz normale Dinge zu tun, war
in Ordnung, und er hatte eine Technik zum Einschlafen ent¬wickelt, die sogar funktionierte, wenn der Albtraum ihn weckte. Er stellte sich vor, in Elizabeths’ Schrank in ihrem Schlafzimmer zu sein, wo er oft gespielt hatte. Wenn er müde war, fiel es ihm ganz leicht, sich dorthin zu versetzen, zwischen ihre Schuhe, umgeben vom Geruch nach Lavendel und Holz und von den weichen Stoffen ihrer Kleider, an die er sich so gut erinnerte. Dann sickerte das Wasser davon, das seinen Kopf manchmal füllte, und er schlief sehr schnell wieder ein. An seinem ersten Abend zu Hause, als er allein oben war und sich zum Schlafengehen fertig machte, ging er zur Tür des Schlafzimmers seiner Eltern, nicht um es betreten, sondern einfach nur um zu schauen. Der Schrank war nicht mehr da, nur noch die leere Wand, an der er gestanden hatte.

Nach dem Tod seiner Mutter suchte Lewis nach anderen Bindungen. Es war ein blinder Instinkt, so wie sich ein Tier, dem die Eltern weggenommen wurden, um überleben zu können an das nächstbeste andere Wesen anschließt. Genauso suchte Lewis die Nähe Janes und seines Vaters. Er verbrachte die Weihnachtsferien damit, Jane überallhin zu folgen. Er half ihr in der Küche oder saß einfach nur da
und beobachtete sie, und um halb sieben wartete er am
Ende der Auffahrt auf seinen Vater. Wenn Gilbert um die große Kurve gefahren kam, sah er Lewis immer schon am Tor stehen. Er hielt an, sagte: »Spring rein« und nahm Lewis das kurze Stück bis zum Haus mit. Aber allmählich graute es ihm davor, den Jungen dort zu sehen, und schließlich machte der Gedanke an die kleine Gestalt, die auf ihn ¬wartete, ihn schon am Bahnhof ganz kribbelig. An nassen oder besonders kalten Tagen, so wie heute, hoffte er, dass Lewis nicht warten würde, aber nein, da war er, kickte Kieselsteinchen und sah ihm mit diesem verlorenen Blick entgegen.
Gilbert hielt an, beugte sich aber nicht zur Seite, um die Beifahrertür zu öffnen, sondern gab Lewis mit einem ungeduldigen Wedeln der Hand zu verstehen, dass er zu Fuß ¬gehen sollte. Lewis sah ihn durch die Scheibe hindurch an, verständnislos und immer noch in der Erwartung, dass die Tür sich öffnen würde. Stattdessen kurbelte Gilbert das Fenster herunter.
»Mein Gott, Lewis! Du hast nicht mal einen Mantel an! Geh sofort ins Haus!«
An der Haustür holte Lewis, der gerannt war, seinen Vater ein. Gilbert sah ihn nicht an.
»Geh rein!«
Im Flur blieb Lewis stehen und wartete, in welches Zimmer sein Vater gehen würde, um ihm zu folgen. Gilbert hatte nicht ärgerlich werden wollen, er hatte nett zu Lewis sein wollen. Die Weihnachtsgeschenke, die er in London eingekauft hatte, lagen im Kofferraum.
Lewis blieb in der Tür stehen und beobachtete, wie Gilbert sich einen Whisky mit Wasser einschenkte.
»Setz dich, Lewis. Es gibt da etwas, worüber ich gern mit dir reden würde.«
Lewis setzte sich seinem Vater gegenüber wie an Zeugnistagen und wartete.
»Ich habe eine gute Neuigkeit für dich. Du wirst eine neue Mutter bekommen – eine Stiefmutter. Vor ein paar Wochen habe ich eine sehr nette junge Frau kennengelernt, die du, da bin ich ganz sicher, sehr mögen wirst. Wir haben vor, im Frühjahr zu heiraten.«
Lewis’ graue Augen sahen ihn unverwandt an.
»Sie heißt Alice. Alice Fanshawe. Ich dachte, du könntest sie vielleicht an deinem Geburtstag kennenlernen. Wir könnten zur Feier des Tages in die Stadt fahren und zusammen ¬essen gehen. Wäre das nicht nett? Lewis?«
»Ja, Sir.«
»Ich möchte nicht, dass es deswegen Schwierigkeiten gibt, ist das klar? Du wirst sehen, es ist das Beste so. Und jetzt sei ein braver Junge und lass mich einen Moment allein.«

Gilbert trank aus und ging nach oben, um sich für ein Essen bei Dicky und Claire umzuziehen. Die Tür zu Lewis’ Zimmer war geschlossen. Gilbert zog sich immer noch in dem kleinen Extrazimmer um, wie zu Elizabeths’ Zeiten. Er hatte sich angewöhnt, nicht mehr auf die Stille im Schlafzimmer nebenan zu achten, in dem es nicht mehr nach Parfum duftete und in dem keine Bürste auf der Glasplatte des Frisiertischs abgelegt wurde.
Als er sich die Haare kämmte, hörte er ein Krachen und splitterndes Glas und das Poltern von etwas, das so schwer auf dem Boden aufschlug, dass die Bretter erzitterten. Er ließ den Kamm fallen und lief aus dem Zimmer. Jane stand schon am Fuß der Treppe und sah hoch.
Als er Lewis’ Tür aufriss, fegte ein kalter Windstoß durch das Zimmer. Das Fenster war zersplittert, der Rahmen geborsten, Lewis nirgends zu sehen. Gilbert rannte zum Fen¬ster.
Auf dem vereisten Boden darunter lagen Glassplitter und eine Schublade, die ihren Inhalt verstreut hatte. In diesem Augenblick fing Lewis an zu weinen. Gilbert drehte sich um und sah ihn hinter der Tür kauern.
Er musste über Glasscherben gehen, um zu ihm zu gelangen. Lewis’ Mund war hässlich verzerrt und weit offen, als könne er ihn nicht mehr schließen, und er starrte seinen Vater an, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Gilbert ging zu ihm und packte seine Arme. Sofort fing Lewis an, um sich zu schlagen, zu treten und zu versuchen, Gilbert den Kopf in den Bauch zu rammen. Er war überraschend stark. Und immer noch liefen die Tränen.
»Hör auf!«, schrie Gilbert. »Hör sofort auf! Still. Still. Still jetzt.«
Er drückte Lewis’ Arme nach unten und hielt ihn mit seinem ganzen Gewicht in der Ecke fest. Lewis hörte auf zu weinen und versuchte, den Kopf in den Armen zu vergraben, aber Gilbert packte seine Handgelenke und zog ihm die Arme vom Gesicht weg.
Schwer atmend sah er sich im Zimmer um – die Kommode lag umgekippt auf der Seite, sämtliche Schubladen waren her¬ausgerissen. Der Spiegelaufsatz war zerbrochen und hatte den Fußboden mit Scherben übersät.
»Jane!«, rief Gilbert, und Lewis fing unter seinen Händen an zu zittern, gab aber keinen Laut mehr von sich. »Jane!«
Außer Atem warteten sie. Gilbert drückte Lewis, der sich steif machte, obwohl er am ganzen Leib zitterte, als habe er jede Kontrolle über sich verloren, immer noch gegen die Wand.
Sie hörten Jane die Treppe heraufkommen. Dann stand sie in der Tür.
»Mein Gott –«, sagte sie. »Lewis –«
»Bringen Sie ihn hier raus. Ich räume das hier auf.«
»Nein! Sie bringen den Jungen raus. Bleiben wir lieber ¬dabei, dass jeder seine eigene Arbeit macht.«
Dass Jane so mit ihm redete, war ein Schock für Gilbert. aber es war nun einmal eine extreme Situation. Gleichzeitig ging ihm auf, dass Jane ihn nicht mochte. Er zog Lewis hoch und aus dem Zimmer und über den Treppenabsatz, während Jane sie beobachtete und Lewis sich stumm, aber
mit aller Kraft, gegen ihn stemmte. Gilbert hasste es, dass Jane Zeugin dieser würdelosen Szene wurde, und trat die Tür zu.
In seinem eigenen Schlafzimmer blieb er stehen, die Handgelenke seines Sohns immer noch fest umklammert. Keiner sagte etwas, und Gilbert dachte, Lewis hätte erkannt, dass es zwecklos war, sich zu wehren. Er sah auf einmal sehr klein aus.
Inzwischen fürchtete er, er könnte Lewis’ Handgelenken und Armen wehtun, und lockerte seinen Griff. Lewis war ¬immer noch ganz still, und Gilbert führte ihn zum Bett und drückte ihn darauf nieder.
Er blieb vor ihm stehen, unsicher, ob er es wagen konnte, sich neben ihn zu setzen. Schließlich tat er es. Lewis blieb stumm, sein Gesicht völlig ausdruckslos. Es war, als wäre er verschwunden.
»Geht es wieder?« Gilbert machte seine Stimme so sanft wie möglich, um seinen Sohn zu erreichen, aber Lewis rührte sich nicht. »Viele Väter würden dich verhauen für das, was du getan hast. Aber du bist doch mein kleiner Junge, und ich möchte stolz auf dich sein können, statt mich deinetwegen schämen zu müssen. Hast du das getan, weil du ein böser Junge bist? Möchtest du ein böser Junge sein? Möchtest du das?«
Lewis’ Augen flackerten. Dann drehte er den Kopf und sah seinen Vater an.
»Hör mir jetzt sehr gut zu. Ich werde nicht zulassen, dass du den Tod deiner Mutter als Entschuldigung dafür nimmst, um dich unmöglich aufzuführen. Das wäre, als würde man ihr aufs Neue wehtun.«
Gilbert wartete. Sein Sohn sagte nichts, hielt die Augen aber auf sein Gesicht gerichtet. Nach einer Weile stand Gilbert auf, ging zur Tür, öffnete sie und trat einen Schritt zur Seite.
»Und jetzt geh und hilf Jane, das Durcheinander zu be¬seitigen, das du angerichtet hast. Ich bin heute Abend
zum Essen eingeladen. Ich sehe dich dann morgen früh. Und dass mir so etwas wie eben nicht noch einmal vorkommt.«
Lewis stand auf und ging an ihm vorbei.
»Sieh mich an, Lewis.«
Lewis blieb stehen und sah ihn an.
»Hast du mir nichts zu sagen?«
Er sah, wie Lewis die Stirn runzelte, so angestrengt überlegte er, was von ihm erwartet wurde.
»Es tut mir leid, Sir. Danke.«
»Jetzt geh.«
Er machte die Tür hinter ihm zu.

Jane machte Lewis etwas zu essen, und während er in der ¬Küche aß, fegte sie die Scherben in seinem Zimmer zusammen, klemmte ein Holztablett vor das zerbrochene Fenster und stopfte Decken darum fest. Sie hätte den Jungen gern ¬getröstet, aber er weinte nicht.

Bei den Carmichaels trank Gilbert zu viel, um noch nach Hause fahren zu können. Es war nicht das erste Mal. Anscheinend konnte er sich seit Elizabeths’ Tod eine Menge Dinge erlauben, die früher inakzeptabel gewesen wären, ohne dass die Leute ihre Meinung über ihn änderten. In späteren Jahren dachte keiner mehr daran, dass er gleich nach dem Essen auf dem Sofa der Carmichaels eingeschlafen war, oder dass er einmal noch vor dem Hauptgang einfach vom Tisch aufgestanden war und Claire ihn viel später aus dem Garten wieder hereinholen musste. Wenn man eine Sache hinterher nicht mehr erwähnte, war es, als sei sie nie passiert.
Kit stand um sechs Uhr auf, lange vor allen anderen, zog sich an und schlich nach unten, um in den Garten zu gehen. Im Wohnzimmer, wo sie sich eine Schachtel Streichhölzer holen wollte, sah sie Gilberts Füße über das Sofa ragen. Er schlief in den Kleidern, den Kopf zur Seite gedreht, die Krawatte gelockert. Neben ihm standen ein Aschenbecher und eine Whiskyflasche. Halb in der Erwartung, Lewis zu sehen, sah Kit sich um und wandte sich dann wieder dem schlafenden Gilbert zu. Wie alt und hässlich Erwachsene aussahen, dachte sie und fragte sich, wieso alle sagten, Mr Aldridge sei ein »so attraktiver« Mann. Ob er zum Frühstück bleiben würde? Vielleicht würde Lewis auch kommen. Dann könnte sie ihm ihr Lager zeigen. Aber sie hatte ihn die ganzen Ferien nicht gesehen; er war kein einziges Mal vorbeigekommen, und wenn sie mit den größeren ¬Kindern zusammen war, gingen sie nie bei den Aldrigdes vorbei, um ihn abzuholen, wie sie es sonst immer getan ¬hatten. Sie nahm die Streichhölzer aus dem Kohleneimer neben dem Kamin und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.
Das Haus verließ sie durch die Seitentür neben der Küche. Gefrorene Grashalme knisterten unter ihren Füßen, als sie zum Wald lief; sie würde ein Feuer anmachen und sich daran wärmen und so tun, als sei sie eine Zigeunerin, bis es Zeit war, wieder hineinzugehen.

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