 |  |  Elizabeth Bowen – SommernachtMrs. Windermere
Im Eingang von Fullers’ in der Regent Street standen sie sich plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Mrs. Windermere, auf dem Weg nach draußen, ergriff Esmées Handgelenke, zog sie an ihren Busen und rief mit tiefer, bebender Stimme: »Meine Liebe!«
Esmée hatte nie gedacht, Mrs. Windermere außerhalb Italiens zu treffen. Das kleine Mopsgesicht schien ihr nur vor dem Hintergrund flirrender Olivenbäume, samtiger, sonnengoldener Mauern und vereinzelter Zypressen denkbar, die verstreut waren wie Ausrufezeichen in den Gesprächen der Damen. Mrs. Windermere betrachtete Esmée eindringlich durch ihre langen Hutfransen. Sie sagte: »Immer noch die alte Esmée!« und massierte deren Handgelenke sanft mit den Daumen.
Esmée dagegen brachte nur ein »Das ist ja famos«, zustande und merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg und ein Strom von Damen, die aus Fullers’ heraustraten, durch ihre Begegnung aufgehalten wurde. »Was für ein komischer Zufall!«
»Gott hat mich geführt, Liebste!« Mrs. Windermere erwähnte das Göttliche immer mit großer Zuversicht und Vertrautheit; man hatte das Gefühl, daß sie überall empfangen wurde. »Eigentlich wollte ich ja bei Stewart’s lunchen.«
»Wie schade, daß Sie schon geluncht haben.«
»Ach, dann lunche ich eben noch einmal«, sagte Mrs. Windermere vergnügt. Sie begaben sich nach oben und blieben an einem kleinen Tisch im Fenster stehen, während er freigemacht wurde. Esmée löste die baumelnden Päckchen von ihren Fingern und stellte ihren Schirm in eine Ecke. Mrs. Windermere überflog die Speisekarte mit der Gelassenheit der Satten; Esmée gestand, daß sie Hunger habe. »Dann müssen es die Rissoles sein«, drängte ihre Freundin sie, »kleine Hähnchenrissoles. Ich nehme eine Tasse Schokolade und ein Eclair.« Sie gab die Bestellung bei der Kellnerin auf, tippte sich dann mit einer Ecke der Speisekarte auf den Mund und schaute Esmée an.
»Sie leben doch nicht in London?«
»Nein«, sagte Esmée, »ich bin nur heute hier. Aber Sie hätten mir ja sicher geschrieben, wenn wir uns nicht getroffen hätten, nicht wahr? Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn wir uns gar nicht – «
»Ich hoffe, ich kann Sie noch besuchen.«
»Das wäre wunderschön«, sagte Esmée und erwiderte Mrs. Windermeres Lächeln. Einen Moment herrschte Schweigen. »Vermissen Sie Italien?«
»Ja-a.« Die Antwort klang zerstreut; Mrs. Windermere war mit den Gedanken woanders. »Etwas stimmt nicht mit Ihnen, Kind«, sagte sie.
Esmée entsann sich, daß ihre Gespräche immer rasch auf Persönliches zugesteuert waren. Wenn sie versucht hatte, davon wegzukommen, hatte Mrs. Windermere kurz mit den Zähnen geklackt, vorwurfsvoll gegähnt und gesagt: »Wir kennen einander doch inzwischen zu gut, um über das Wetter zu reden?« Ihre ersten Spaziergänge hatte Esmée sehr interessant gefunden, sie hatten ihr das kalte, ungewöhnliche, aus Träumen bekannte Gefühl vermittelt, ganz offen sein zu können. »Etwas stimmt nicht«, sagte Mrs. Windermere.
»Sie sehen aus wie immer.«
»Hier herrscht Stille«, sagte ihr Gegenüber und fuhr sich mit der Hand unter den Fuchspelz. »Wie die Stille im Auge des Orkans. Begeben Sie sich hinein, leben Sie in Ihrem allerinnersten Ich, und Sie sind unwandelbar. Sie haben es noch nicht gefunden; Sie sind sehr jung, Sie sind noch nicht dorthin vorgedrungen.«
»Ja, mag sein, vielleicht bin ich das noch nicht«, sagte Esmée nachdenklich und fühlte sich allmählich wieder so wie in Italien. »Vielleicht würde ich gern herumwirbeln.«
»Ja-a«, sagte Mrs. Windermere und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Durch die langen Hutfransen funkelten ihre Augen unter schweren Lidern schmerzlich zufrieden; ihre Stupsnase war zart mauvefarben gepudert, die sehr feuchten Lippen hatten die Angewohnheit, sich in der Mitte eines Satzes in dem unmopshaften Versuch zusammenzuziehen, um den Speichel zurückzuhalten. Lockige graue Haarbüschel ringelten sich auf ihren Wangen, eine Alabasterperlenkette war mehrere Male um ihren dicklichen Hals gewunden, der Fuchs über eine Schulter und den Busen geschlungen; mit jeder Bewegung verströmte sie den Duft nach Violet de Parme. Sie hatte ihre Handschuhe nicht ausgezogen, üppige Wülste weißen Ziegenleders umschlossen Handgelenke und Unterarme; ihre Ärmel fielen von den Ellenbogen zurück. Hier in London war sie eine konventionelle Ausgabe ihres italienischen Ichs.
»Wirbeln«, wiederholte sie und kniff die Augen zusammen. Sie schaute sich in dem friedlichen, hellen, vor Weiblichkeit knisternden Raum mit seiner Atmosphäre bescheidenen Luxus’ um. »Einfach nur wirbeln?« sagte sie und danach mit einer offensichtlichen Verknüpfung von Gedanken: »Wie geht es Ihrem Mann?«
»Sehr gut, danke. Er hätte furchtbar gern – « Esmée konnte sich eine Begegnung Wilfreds mit Mrs. Windermere nicht vorstellen. »Er wäre gern heute mit mir hergefahren«, schloß sie.
»Ja-a«, sagte ihr Gegenüber und schaute über sie hinweg auf etwas anderes. »Wie kam es, daß er Sie überhaupt nach Italien hat fahren lassen – allein?«
»Aber ich war doch gar nicht allein. Ich war mit Tante Emma zusammen. Jemand mußte mit ihr fahren, und ich war noch nie gereist.«
»Geistig waren Sie allein. Sie waren hellwach, voller Erwartung, atemlos vor Spannung. Dann kam ich – aber es hätte auch jemand anderes sein können. Wie kam es überhaupt, daß er Sie hat gehen lassen? Männer seines Typs sind nicht so großzügig.«
»Aber er ist nicht so ein Typ.«
Die Kellnerin brachte die Tasse Schokolade, das Eclair und die Rissoles. Mrs. Windermere streckte den Arm aus, löste die Gabel sanft aus Esmées Fingern und drehte deren Hand mit der Handfläche nach oben auf dem Tisch um.
»Diese kleine Hand hat mir alles erzählt«, sagte sie. »Und wissen Sie, mein Kind, Sie tragen sein Abbild auf dem Grund Ihrer Augen. Ich kenne den Typ – Sie loyales Persönchen.«
»Wilfred möchte durchaus, daß ich reise«, sagte Esmée nicht sehr überzeugend. »Er findet mich ziemlich langweilig, wenn er mit mir über andere Länder und Städte reden will, aber er hat einfach keine Zeit, mit mir ins Ausland zu reisen.«
»Sie haben sehr jung geheiratet«, sagte Mrs. Windermere und beugte sich plötzlich vor.
»Oh. Meinen Sie?«
»Doch jetzt, nach vier Jahren Ehe, sind Sie beinahe noch jünger. Skeptischer, gieriger, dynamischer. Keine Kinder! – Soll das so bleiben?«
»Ich weiß es nicht.«
»So klug und doch so närrisch.« Sie nippte geziert an der heißen Schokolade, stellte die Tasse ab und fuhr sich wieder mit der Hand unter den Fuchs. »Das Mutterherz«, sagte sie, »schlägt hier. Es wächst und wächst – streckt die Hände aus, sucht, findet.«
»Aber es gibt sicher sehr viele Betätigungsfelder«, sagte Esmée und nahm sich noch eine Rissole, »auch wenn man keine eigenen Kinder hat. Ich hoffe allerdings – «
»Was Sie suchen«, sagte Mrs. Windermere bestimmt, »ist ein Liebhaber.« Sie packte ihre Gabel, stieß sie in das Eclair und sah mit sinnlich zufriedenem Lächeln zu, wie die Creme langsam daraus hervorquoll. Solche Bemerkungen hatte sie in Italien die ganze Zeit gemacht. Doch aus irgendeinem Grunde klangen sie hier bei Fullers’ nicht nett. Esmée meinte zu sehen, wie eine Frau neben ihnen hochschaute.
»Das glaube ich nicht«, widersprach sie leise und fragte sich, an welchem Tag Mrs. Windermere sie besuchen wollte.
»O Kind, Kind ... Sie können doch nicht ... Zwischen uns war zuviel. Und ein Mutterherz merkt es, müssen Sie wissen; vor lauter Sehnen sieht es Dinge. Ich sehe, wie Sie, mein Kind, auf fremden, düsteren Pfaden wandeln, stolpern, aufschreien, ich sehe, wie Sie versuchen umzukehren, doch immer weiter – dem Licht folgen.« Mrs. Windermere legte ihre Gabel hin und leckte sich die Creme von den Lippen. »Und dann«, sagte sie langsam, »sehe ich, wie das Licht verglüht – ausgelöscht wird.«
Schweigen. »Vielen Dank«, sagte Esmée ernsthaft, »wenn – wenn man es vorher weiß, kann man sich einiges ersparen. Ich meine, wenn das Licht ohnehin ausgeht, ist es doch eigentlich vergeblich, wenn ich ihm folge, nicht wahr? Wäre es nicht –«
»Aber es ist an Ihnen«, unterbrach Mrs. Windermere sie, »das Licht zu hüten!«
»Wäre es nicht –«
Mrs. Windermere neigte den Kopf und faßte sich mit beiden Händen an den Fuchs. »Was für ein Kind«, seufzte sie.
»Ich glaube, ich esse auch ein Eclair«, sagte Esmée eingeschüchtert. »Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten und auch noch eins essen?«
»Ich?« fuhr Mrs. Windermere auf. »Ich? Ein Eclair? Was? Na gut, wenn es Ihnen peinlich ist, wenn ich Ihnen zusehe.«
Esmée bestellte noch zwei Eclairs. »Was haben Sie für Pläne?«, erkundigte sie sich. »Erwägen Sie, wieder nach Italien zu gehen?«
»Mit den Schwalben – nicht vor den Schwalben. Obwohl meine Freunde an mir ziehen und zerren und mich nicht loslassen wollen. Sie verbieten mir förmlich zu gehen. Befehle bewirken natürlich nichts, inständige Bitten dann schon! Habe ich Ihnen in Italien erzählt, wie mich manche Leute nennen?« Sie lachte abschätzig und sah zu, wie die Kellnerin sich mit den Eclairs einen Weg durch die Tische zu ihnen bahnte. »Sie nennen mich ‚die Helferin‘. Es klingt wie aus einem Mysterienspiel, finden Sie nicht?«
»O ja. Es klingt – wunderschön.«
»Es scheint doch sehr eine Gabe zu sein«, fuhr Mrs. Windermere fort und schaute wieder über Esmée hinweg, »wie etwas, das man geschenkt bekommt und nutzen soll. Schauen Sie, ich sehe Dinge, die andere Menschen nicht sehen, und ich rede mit ihnen darüber und helfe ihnen, damit zurechtzukommen. Wie bei Ihnen ... Ich habe eine andere Freundin in Italien; die, die ich besuchen wollte, nachdem wir voneinander geschieden sind – Ich weiß nicht, ob ich Ihnen von ihr erzählt habe. Sie hat ihren Mann verlassen. Sie ist erwachsen geworden und hat festgestellt, daß sie ihn nicht mehr brauchte. Also, das habe ich alles vorausgesehen und konnte ihr helfen. Ich erzählte dem anderen Mann, wie die Dinge standen – ein wunderbar männlicher Mann! Er hatte sich zurückgehalten, weil er die Situation nicht erkannte. Aber dann sind sie gefahren. Ich habe ihnen die Fahrkarten gekauft und sie in den Zug nach Italien gesetzt. Sie haben es jetzt nicht leicht, aber sie werden es schaffen – Ich bin immer noch für sie da. Ich war oft bei ihnen. Ich bin in der Lage, ihnen zu helfen.«
»Dann glaubten die beiden wohl, das Richtige zu tun«, sagte Esmée.
»Und Sie«, sagte Mrs. Windermere und lenkte ihr Augenmerk jäh wieder auf Esmée. »Was passiert mit Ihnen? Ich muß Sie wirklich besuchen und mir Ihren Mann, diesen Wilfred, einmal genauer ansehen. Warten Sie – «
Sie langte nach unten und tauchte mit ihrer Tasche, die auf dem Boden gestanden hatte, wieder auf. Esmée blickte in den aufgesperrten, mauvefarbenen Satinrachen, während Mrs. Windermere in dessen Tiefen kramte und schließlich ein kleines, wildledergebundenes Notizbuch herauszog. Hektisch, am Bleistiftende kauend, begann sie die Seiten zu überfliegen.
»Am zwanzigsten?« fragte sie. »Dann könnte ich kommen, wenn es Ihnen paßt. Wenn nicht, dann am vierzehnten nächsten Monats fürs Wochenende – aber wenn ich am zwanzigsten komme, kann ich länger bleiben. Wenn auch der vierzehnte nicht geht – «
Esmée senkte den Blick und überlegte. »Leider, leider, leider kann es erst der vierzehnte sein. Diesen ganzen Monat sind Wilfreds Verwandte da.«
»Meine arme kleine Gefangene«, sagte Mrs. Windermere liebevoll. »Gut, dann der vierzehnte.« Sie schrieb rasch etwas in das Notizbuch, schaute zu Esmée, lächelte und notierte noch etwas, den Kopf weiter zur Seite geneigt, geheimnisvoll lächelnd. »Einfälle über Einfälle, sie kommen und gehen ... Aber jetzt – machen Sie sich an Ihre Einkäufereien, und ich – «
»Die Rechnung, bitte«, sagte Esmée zu der Kellnerin. »Nein, bitte lassen Sie mich«, flüsterte sie Mrs. Windermere zu.
»Nein, ich möchte nicht gern – Na gut, gut. Ich habe keinen Wilfred. Danke schön, liebes Kind!«
Sie schoben ihre Stühle zurück und gingen zusammen hinunter. An der Tür holte Esmée zum Abschied tief Luft. »Es war furchtbar nett«, sagte sie. »Reizend. So ein Glück! Und nun, nehme ich an – «
»Wohin? Ah, zu Peter Robinson’s? Ach, da komme ich noch mit. Meine kleinen Einkäufe sind unwichtig.«
Entschlossen umfaßte sie Esmées Handgelenk mit Daumen und Zeigefinger und führte sie durch die Regent Street. Zum Titel |