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Silke Scheuermann: Die Stunde zwischen Hund und WolfSilke ScheuermannLeseprobe

Silke Scheuermann – Die Stunde zwischen Hund und Wolf

Ich bin nichts, nichts als ein heller Umriss, an diesem Morgen, auf dem schmalen Korridor zwischen Becken und Glasfront des Schwimmbads, die x-fache Spiegelung eines vor Jahren beendeten Lebens, die schamlose Kopie eines ersten Satzes. Ich spürte einen kalten Luftzug durch die Ritzen der Scheiben, auf die in regelmäßigen Abständen Vogelsilhouetten geklebt waren. In seiner Glaskabine am anderen Ende der Halle, zwischen den Eingängen zu den Damen- und Herrenumkleidekabinen, saß der Bademeister, dick und wie immer in Weiß gekleidet. Mit seinem zufriedenen Gesicht erinnerte er mich an einen Konditor, der, noch in Arbeitskleidung, sein Tagwerk schon hinter sich hatte und nun hier herumsaß. Er widmete sich seinem Transistorradio, ich hörte nicht, für welche Musik er sich entschied. Ich ging, im schwarzen Badeanzug, barfuß und nass, zum Fünfundzwanzigmeterbecken, wo ich mich für einen Kopfsprung in Positur stellte.

Vor einer Minute hatte sich meine Schwester verabschiedet. Sie war hier aufgekreuzt; ich wollte gerade ins Wasser, da sah ich sie aus der Umkleidekabine kommen; in der spiegelnden Glasfront des Schwimmbades beobachtete ich ihre Gestalt, die sehr weiß war, fast bläulich, das kam von den langen Reihen Neonstrahler an der Decke der Halle. Sie war auf mich zugegangen, hatte hallo gesagt, während ich einen Schritt zur Seite gewichen war, um ihrer Umarmung zu entkommen, eine Abwehr, die beinahe dazu geführt hätte, dass sie auf den nassen Fliesen ins Rutschen geriet, ihre Hände jedenfalls fielen ins Leere, sie taumelte, aber nur für einen Augenblick, dann fing sie sich wieder, sie ist geschmeidig, meine schöne Schwester, sie liegt nicht so leicht platt vor einem auf den Fliesen.

Der Bademeister hatte hergeschaut, vielleicht war er sich unsicher gewesen, ob ich sie nicht geschubst hätte, ich zog eine Grimasse, er drehte den Kopf rasch wieder weg, hin zu dem Becken links von uns, das noch völlig unberührt dalag, eine glatte, blaue Fläche, ich folgte seinem Blick, wie gerne wäre ich jetzt dort eingetaucht, mit einem Kopfsprung, der die Wasseroberfläche so wenig wie möglich aufwühlte, um dann meine Bahnen zu ziehen, eine nach der anderen, bis die Gedanken sich automatisch abschalteten. Ines deutete auf den Whirlpool, klapperte ostentativ mit den Zähnen, klar, da wollte sie rein, sie hatte schon immer leicht gefroren, meine große Schwester. Wassertropfen funkelten auf ihrer Haut, ihr nasses Haar war dunkel, fast braun. Lange Beine, eine Taille wie eine Sanduhr. Was willst du hier? fragte ich, und sie zuckte die Achseln, dich treffen. Ich sah in Richtung der Glaskabine und dachte, dass es vermutlich irgendwo auf der Welt einen Konditor geben wird, der mich auf Anhieb an einen Bademeister erinnerte. Draußen, hinter der Glasfront, lag in winterlichem Dunkel das Außenareal verborgen. In dieser Jahreszeit war es unbenutzt, leer gepumpte Becken, Flächen von niedergetrampeltem Gras, das sich jetzt wieder erholen sollte, übereinandergestapelte, mit Planen zugedeckte und an Eisenketten gehängte Gebilde, Stuhlskulpturen, die vereinzelt neben den Bäumen standen, ich wusste das, konnte aber nichts von alldem erkennen, erst in gut einer Stunde würde es hell werden. Es hatte wieder angefangen zu regnen, die Tropfen, vom Wind herangetragen, schlugen gegen die Scheibe und rannen herunter; eine andauernde, stetige Abwärtsbewegung, seit Tagen regnete es, die Tage begannen spät und endeten früh, draußen war es eiskalt, ich bewegte mich von einem künstlich klimatisierten Ort zum nächsten. Schwimmbad, Redaktion, Bibliothek. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, räumte ich eine der Umzugskisten aus. Ich hatte Ines nicht gesagt, dass ich von Rom nach Frankfurt ziehen würde. Aus Gründen, die ich gern für mich behalte, hatte ich seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester, das Ausland hatte es leicht gemacht, und es war mir lieber so, es ging mir gut dabei.

An uns waren vier Schwimmer vorbeigekommen, die trainierten Waden zum Greifen nah, ich hatte dem ersten zugesehen, wie er mit einem gekonnten Kopfsprung ins Wasser glitt und dort in gleichmäßige Bewegung verfiel, die anderen folgten, sie schwammen ihre Geraden, drehten um, in gleichmäßigen Kraulzügen, es sah schön aus, nachahmenswert, gleich würde ich auch so schwimmen, sofort, wenn Ines wieder weg war, ich spürte schon das kühle, klare Wasser auf meiner Haut. Bis dahin machte ich kleine Scherenbewegungen mit den Beinen, wobei ich das Becken leicht anhob, eine Art Gymnastik im Schwerelosen. Ines erzählte, wie sie mich gefunden hatte. Sie hatte eine Reportage von mir in einer hier ansässigen Zeitschrift gelesen und war wegen des regionalen Themas darauf gekommen, ich lebte nun möglicherweise neuerdings in Frankfurt. Bei der Auskunft erhielt sie meine Adresse, fand es dann aber witziger, wie sie es ausdrückte, es eines frühen Morgens im Schwimmbad, das meiner Adresse am nächsten lag, zu versuchen. Witziger fandest du das, fragte ich, aber sie ging nicht darauf ein, sondern bemerkte stattdessen, du behältst deine Gewohnheiten, nicht wahr? Ja, sagte ich, Gewohnheiten. In Gedanken schweifte ich ab. Ich ging im Geist meine neuen Kollegen durch. Einer, ein hübscher, trug immer Armanianzüge. Immer Armani, und alle anderen kamen in Jeans und Pulli.

Warum bist du aus Rom weggezogen, wollte Ines wissen, sie stellte die Frage in einem Ton, als ob sie gerade schon einmal gefragt und dann umsonst auf eine Reaktion gewartet hätte. Nun, sagte ich und kratzte mich mit der Hand am Schlüsselbein, die deutschen Zeitungen kauften nicht mehr so viele Reportagen. Weniger Korrespondenten arbeiten für mehr Zeitungen, sagte ich, und, dass ich hier ein gutes Angebot bekommen hätte. Während wir plauderten, bemerkte ich, dass ihr der Schweiß auf der Stirn stand, auch ich fühlte mich nicht wohl in dieser warmen Suppe, und vielleicht lag es daran, dass unser Gespräch immer belangloser wurde, wir unterhielten uns über die Vor- und Nachteile Frankfurts gegenüber Rom, wobei Frankfurt, wer hätte es gedacht, ziemlich schlecht abschnitt. Ich starrte auf die großzügig verteilten Aufkleber in Form von schwarzen Flügeln, die Vögel davon abhalten sollten, gegen die Glasfassade des Hallenbads zu prallen. Es war nicht die standardisierte Form solcher Aufkleber, bildete ich mir ein, nein, sie sahen aus wie selbstgemacht, diese exzentrischen, großen, schwarzen Phantasievögel; ich hatte sofort den Bademeister im Verdacht. Ines war inzwischen verstummt, und ich tat nichts, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Sie gab noch ein paar Allgemeinplätze von sich, und dann, nach einer Viertelstunde, verabschiedete sie sich und ließ mich in schlechter Stimmung zurück. Ich sah ihr zu, wie sie sich aus dem Wasser zog, der teure Badeanzug klebte an ihr, schwarz und nass wie die Welt draußen, von der uns nur die Glaswand des Schwimmbads trennte, und dachte, ich bin nichts, nichts als eine schmale Silhouette auf dem Korridor zwischen dem Whirlpool und diesem gekachelten großen Becken. Dann schwamm ich, endlich.

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