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Martin Gülich: Später SchneeMartin GülichLeseprobe

Martin Gülich – Später Schnee

Das Jahr hatte sich auf die Seite gelegt. Ich schlenderte durch die Stadt, es regnete, ein Sonnenschirm stürzte vor meine Füße. In Wahrheit ein kleines Stück entfernt und eher auf die Straße als auf den Gehweg, aber doch so nahe, daß ich für einen Moment mein Ende aufblitzen sah. Meine Beine zitterten, von einem Balkon hörte ich Stimmen. Ein absurder Tod, schoß es mir durch den Kopf, ein Sonnenschirmtod an einem Regentag. Ich schaute nicht nach oben und entfernte mich mit schnellen Schritten. Ich wollte nicht, daß aus einer Geschichte mit einem Sonnenschirm eine Geschichte mit einem Sonnenschirmbesitzer wurde. Die Balkonstimmen riefen mir etwas hinterher, vielleicht Worte der Entschuldigung, vielleicht auch Worte der Empörung, daß ich ihren Schirm so achtlos auf der Straße liegenließ, aber die Worte zerfransten im Wind. Erst einige Häuserecken weiter beruhigten sich meine Schritte. Wie jeden Donnerstag ging ich zum Kegeln ins Sportlerheim und aß in der Pause Dampfnudeln. Der Mann auf dem Platz neben mir, der zum ersten Mal in unserer Runde mit dabei war und den ich zuvor nie gesehen hatte, trank lediglich ein Mineralwasser. Er sagte, er heiße Hartmann und werde ab jetzt immer kommen. Obwohl er mir auf den ersten Blick nicht unsympathisch erschien, erkannte ich sofort die Drohung, die seinen Satz umgab. Das lag weniger an Hartmann selbst, als vielmehr an dem Wort immer, das mir seit jeher einen Schrecken einjagen kann. Das Wort hat etwas von einem Sack Zement, der einem auf den Füßen liegt und die Zehen plattdrückt. Kein Hunger, fragte ich. Hartmann schüttelte vehement den Kopf. Donnerstags, sagte er, esse er nie. Hartmann, das stellte sich schnell heraus, war ein lausiger Kegler, aber er hatte erkennbar große Freude am Spiel. Wenn die Reihe an ihn kam, legte sich ein Strahlen auf sein Gesicht, dem auch eine Null oder ein Pudel nichts anhaben konnte. Dann sagte er Sätze wie Paßt auf, der nächste sitzt oder Klein anfangen, groß rauskommen. Seine Sprüche änderten sich den ganzen Abend über nicht, und noch nach dem letzten Wurf sagte er: Da kommt noch einer.
Der Zufall wollte es, daß ich Hartmann schon am nächsten Tag wiedertraf. Ich lief durch die Stadt auf der Suche nach einem neuen Schal. Zwar hatte ich einen, einen blauen mit grünen Fransen, aber an manchen Tagen kratzte er am Hals. An anderen freilich schmiegte er sich wie das Fell einer Katze an mich, und ich konnte nicht sagen, was die Tage, an denen er kratzte, von denen unterschied, an denen er mich flauschig umhüllte. Ich bog gerade von der Kaiserallee in die Lammstraße ein, wo es meiner Erinnerung nach einen Herrenausstatter gab, der eine eigene Schalabteilung hatte, als Hartmann vor mir stand. Wir kennen uns, sagte er mir offen ins Gesicht. Ich wollte gerade aus einem unwillkürlichen Reflex heraus leugnen, als Hartmann sagte: Sie sind der mit den Dampfnudeln. Dann sagte er, daß heute Freitag sei und daß er an Freitagen immer im Kaufhof Forelle Müllerin esse. Es schien ihm beschlossene Sache zu sein, daß ich ihn begleitete. Ich wollte eigentlich einen Schal kaufen, sagte ich, aber Hartmann winkte ab und nuschelte etwas wie Ach, ein Schal oder Was für einen Schal. Im Kaufhof bestellte er für mich gleich mit. Viel Butter, sagte Hartmann zur Bedienung hinter der Theke. Dann schaute er zu mir und sagte, daß die Müllerin in Butter schwimmen müsse, ansonsten sei es keine richtige Müllerin. Wir setzten uns hinaus auf die Dachterrasse. Außer uns hatte sich nur ein junges Paar nach draußen gewagt. Es war November und empfindlich frisch, aber Hartmann sagte, daß er frische Luft liebe. Ein Frischling sozusagen, sagte er und lachte, daß ich ein paar schlechte Zähne sah. Eine halbe Stunde später trennten sich vor dem Kaufhof unsere Wege. Hartmann sagte, er habe noch eine Verabredung. Er zeichnete mit gerundeten Handflächen die Formen einer Frau nach. Ein blind date, sagte Hartmann, er könne doch mit meiner Verschwiegenheit rechnen. Ich nickte und beschloß, bis auf weiteres den Kegelabenden im Sportlerheim fernzubleiben. Es blieben mir noch immer die Treffen in der Jägerstube, auch wenn mir dort immer ein wenig zuviel Trubel war. Es gab dort einen Mann namens Seiffert, der immer lautstark den Ton angab. Laute Menschen sind mir gemeinhin ein wenig unheimlich, und Seiffert war mir ganz besonders unheimlich. Seiffert hatte nur eine Hand, die andere, beziehungsweise das, was davon übrig war, nein, eben das, was nicht davon übrig war, war durch eine schwarze Lederhand ersetzt, die gesteppte Nähte wie ein Handschuh hatte. Als ich zum nächsten Treffen in die Jägerstube ging, fehlte Seiffert. Auf seinem Platz am Kopf des Tisches saß Hartmann. Er wirkte keineswegs überrascht, mich wiederzusehen. Ganz im Gegenteil schien es ihm eine abgemachte Sache zu sein, daß unsere Wege sich nun öfter kreuzten. Ich war monatelang nicht mehr in der Jägerstube gewesen. So wie Hartmann auf Seifferts Platz das Wort führte, konnte er nicht das erste Mal hier sein. Zu meiner Verwunderung war sein Spiel weit besser als im Sportlerheim. Er gewann das Hasenspiel und die Große Hausnummer und belegte in der Tageswertung den dritten Platz. Ortlieb, mit dem mich eine vage Freundschaft aus Heidesiedlungszeiten verband, sagte auf dem Nachhauseweg, der Neue brächte frischen Schwung. Bist du sicher, fragte ich. Ortlieb nickte. Wenn du mich fragst, sagte er, füllt der Seifferts Lücke voll aus. Seiffert, fragte ich. Ortlieb sah mich überrascht an. Er ist tot, sagte er, wußtest du das nicht? Leberkrebs, vier Wochen nach der Diagnose war er hin. Obwohl ich Seiffert nicht gemocht hatte, zuckte ich innerlich zusammen. Seiffert und ich waren ein Jahrgang. Zudem verspürte auch ich seit einigen Tagen auf der rechten Seite einen ziehenden Schmerz. Vielleicht war 52 einfach ein Alter, in dem man an Leberkrebs starb. Ich trennte mich von Ortlieb und ging nach Hause. Den ganzen Abend über dachte ich nicht mehr an Hartmann, sondern einzig daran, wieviel Lebenszeit mir noch blieb. Seifferts Lederhand tauchte in meinen Gedanken auf. Ich stellte mir vor, wie sie bei einer späteren Graböffnung unversehrt neben seinem Skelett lag. Aber warum sollte Seifferts Grab geöffnet werden? Vielleicht war seine Hand auch gar nicht mitbeerdigt worden, und seine Frau hatte sie als eine Art Andenken behalten. Sie lag auf der Anrichte im Wohnzimmer vor seinem gerahmten Bild mit Trauerflor, das seine Frau täglich mit einem Wedel abstaubte. Aber plötzlich war ich mir gar nicht mehr sicher, ob Seiffert überhaupt verheiratet war. Gewesen war, korrigierte ich mich und schlief über meinen Gedanken ein.
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Schlaftrunken griff ich nach dem Hörer neben dem Bett. Eine Stimme wünschte mir einen guten Morgen. Zu meiner Verwunderung war die Guten-Morgen-Stimme eine Frauenstimme. Es gab nicht viele Frauenstimmen in meinem Leben, und über die letzten Jahre schienen sie mir ganz ausgestorben zu sein. Wer ist da, fragte ich. Annegret, sagte die Stimme, ob ich mich denn nicht erinnere, Boston, 1992. Ich erinnerte mich nicht, nicht an 1992 und noch weniger an Boston. Sie müssen mich verwechseln, sagte ich, aber die Frauenstimme bestand auf unserer gemeinsamen Vergangenheit. Sie nannte meinen Namen, der kein Allerweltsname ist und den ich wohl oder übel bestätigen mußte. Wir können uns sehen, sagte sie, ich bin wieder in der Stadt. Ich versuchte in wenigen Sekunden die Konsequenzen einer solchen Verabredung zu überschlagen. Es war Samstag und außer dem unerledigten Schalkauf hatte ich nichts vor. Dem Treffen standen keine Eifersuchtsszenarien einer anderen Frau im Wege, und auch sonst fand ich nichts, was gegen eine Verabredung sprach. Wo, fragte ich. Die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung lachte. Na du kannst Fragen stellen, sagte sie, im Bleu. Sagen wir um elf? Ich schaute auf den Wecker. Es war kurz nach sieben, draußen war es stockfinster. Ich kannte das Bleu sowenig wie ich Boston kannte. Gut, sagte ich, um elf. Ich legte auf und schloß die Augen. Zwei Dinge kamen mir in den Sinn: Ich hatte ein blind date wie Hartmann und Leberkrebs wie Seiffert, und ich wußte nicht, was mich mehr beunruhigte.

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