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Juli Zeh: Kleines Konversationslexikon für HaushundeJuli ZehLeseprobe

Juli Zeh – Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Erziehung

Beliebtes Zwei-Mann-Spiel, bei dem die eine Partei versucht, praktische Details ihrer Weltanschauung auf die andere Partei zu übertragen. Wie bei allen Spielen gibt es Gewinner und Verlierer sowie verschiedene Schwierigkeitsgrade. Die antiautoritäre Erziehung schränkt die erlaubten Mittel so stark ein, dass sich der Erzieher zum Erzogenen verhält wie ein Steinmetz ohne Werkzeug zum Granit. Bei der autoritären Erziehung steht der Erzogene vor dem Erzieher wie eine Ameise vor dem Elephanten, nachdem sie höflich aufgefordert wurde, doch zur Seite zu treten. Weil der Spielverlauf in beiden Varianten vorhersehbar ist, haben sich homo sapiens und Haushund für eine spannende Mischform mit offenem Ausgang entschieden. Für den Haushund stellt seine natürliche Leidenschaft für Gehorsam und Regeln das größte Handicap dar, während homo sapiens durch sein äußerst empfindliches schlechtes Gewissen regelmäßig am Sieg gehindert wird. Innerhalb des beschriebenen Kräftegleichgewichts lassen sich viele spannende Manöver durchführen. Am Ende ist der Erziehungserfolg auf beiden Seiten gleich groß und ein kleines Stück mehr Gerechtigkeit in der Welt. Schlimm ist nicht, das Spiel zu verlieren. Schlimm wäre, es gar nicht erst aufzunehmen.


Leine

Simpler, in Fachgeschäften zu überteuerten Preisen erhältlicher Kunststoff- oder Lederstrick, den homo sapiens am Hals seines Haushunds befestigt, um sich von ihm durch die Welt führen zu lassen.


Osmose

Biochemisches Kunststück, das erfahrene Haushunde ausschließlich bei Nacht vor schlafendem Publikum aufführen. Nachdem homo sapiens sich ins Bett gelegt hat, nimmt der Hund vorschriftsgemäß auf seinem Polster hinter der Tür Platz. Es vergehen einige Momente der Sammlung. Der Mensch schlummert ein, der Hund erhöht seine Konzentration, bis die Osmose in Gang gesetzt werden kann. Ohne jede wahrnehmbare Bewegung diffundiert er gewissermaßen auf Molekülbasis mit Schnauze und Vorderpfoten auf die Bettkante, wobei ihm das strikte Bettverbot als semipermeables Medium dient. Nach kurzer Verschnaufpause folgen Bauch und Hinterbeine, bis der Hund schließlich ganz auf der Matratze liegt. In diesem Moment ist der osmotische Druck immerhin so weit ausgeglichen, dass er den Haushund nicht zum Platzen bringt. Im Lauf der Nacht kommt es vor, dass weitere Diffusionsbewegungen ihn bis aufs Kopfkissen transportieren, wo er dann endlich den beseligenden Zustand eines isotonischen Gleichgewichts erlebt. Ob homo sapiens das in der gegebenen Situation genauso beurteilen würde, mag dahingestellt bleiben. In den Dschungeln der Biochemie ist jede gelöste Substanz für sich selbst verantwortlich.

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