 |  |  Inka Parei – Was Dunkelheit warDie Nacht schien endlos. Der alte Mann fühlte sich hellwach. Er versuchte zu verstehen, was Dunkelheit war, wie unerbittlich und absolut sie war, nichts konnte sie vertreiben. Man konnte immer nur sehr kleine Teile von so einer Dunkelheit erleuchten, jede Lichtquelle war lächerlich im Vergleich zur Sonne. Lampen, auch sehr starke, hatten einen Schein, der begrenzt war, mit bloßem Auge absehbar.
Er war jetzt durstig. Draußen fuhr wieder eine Straßenbahn, er hörte sie an der Stelle, wo die Straße vorm Haus eine Biegung machte, um die Ecke rumpeln, ein einzelner Wagen, der Richtung Depot fuhr. Zwischen dem Nachttisch und seinem Bett war ein handbreiter Spalt, in den er mit seiner Schulter glitt. Er streckte seinen Arm aus, schob ihn hinter dem Nachttisch an der Wand entlang und bekam den seitlichen Rand des Waschbeckens zu fassen. Das laute Klingeln, mit dem die Bahn sich tagsüber immer ankündigte, bevor sie in die Kurve fuhr, fehlte, auch das Kreischen der Bremse war schwach. Er reckte sich noch ein Stück weiter, dehnte den Arm, so weit es ging, und spürte, wie sein Kiefer vor Anstrengung knackte. Unsagbar langsam bog die Bahn vorm Haus um die Ecke. Der Wagen mußte leer sein, er glaubte, es an der Art der Erschütterung, der sie beim Umbiegen ausgesetzt war, zu erkennen, einem hohlen, blechernen Rütteln.
Er biß die Zähne fester aufeinander und fühlte den Drehknauf des Hahns an einem seiner Finger, aber er schaffte es nicht, ihn in Bewegung zu bringen. Auf der Ablage am Waschbecken stand ein leeres Wasserglas, noch fleckig vom Morgen. Er atmete aus, bekam den Wasserhahn zu fassen, schwenkte ihn zu sich herüber, drehte am Griff und hörte eine Weile zu, wie das Wasser in den Abfluß rann und die Straßenbahn sich entfernte.
Und dann dachte er plötzlich, morgens kann ich den Fremden noch gar nicht gesehen haben, Hotelgäste kommen immer erst nachmittags an und verschwinden am nächsten Tag wieder. Rödelheim ist nur ein Vorort, zwischen Autobahnbrücken und Schrebergärten, freiwillig bleibt hier niemand.
Er hustete.
Er überlegte.
Was war mit ihm, war er freiwillig hier?
Er dachte darüber nach, was Freiwilligkeit war. Er kam zu keinem Entschluß. War sie eine Folge von Umständen? Etwas, das einem die Möglichkeit gab, den eigenen Willen, die eigene Urteilskraft einzusetzen, ohne daß der Zwang entstand, auf jeden Fall falsch oder, noch schlimmer, auf jeden Fall sinnlos zu handeln? Oder war sie das Gegenteil, die innere Freiheit, sich in jedem Augenblick selbst zu entscheiden, auch in Situationen, in denen man scheinbar überhaupt keine Wahl hatte?
Die frühere Besitzerin hatte ihm das Haus auf Wunsch ihres Mannes vermacht, sein Name war Müller, Vorname Karl, er war 43 an der Ostfront verschollen.
Er trank jetzt, endlich. Das Wasser lief ihm durch die Finger, lief seinen Hals entlang, versickerte im Hemd.
Es war sinnlos, daß er der Erbe war. Er hatte keine Nachfahren, und er würde bald ebenfalls tot sein.
Und ausgerechnet Müller, davon gab es Unzählige. Er ahnte höchstens, wer der Mann war, war sich aber nicht sicher.
Der Erhalt des Testaments hatte ein Loch in sein Leben gerissen. Manchmal kam es ihm auch vor wie eine Öffnung, in die er hineinsehen konnte, aber immer nur für einen kurzen Moment. Nur um die Tiefe und Unergründlichkeit zu ahnen, die es für ihn bereithielt.
Die Wochen danach waren eine Phase ungeheurer Verlangsamung gewesen. Er hatte stundenlang in seiner Wohnung gesessen, auf der Kante eines Küchenstuhls, unfähig, sich zu rühren. Er hatte zum ersten Mal begriffen, was der Ausdruck starr vor Angst eigentlich bedeutete, daß Starre das Wesen der Angst war, ein Gefühl innerer Beschleunigung, um genau zu sein, während alles andere um einen herum langsam, unerträglich langsam verging.
Er hatte ein Wehrmachtsarchiv besucht. Er war dort unter Mühen lange Reihen mit Hängeakten abgeschritten, Papiere, in denen Orte, Einsätze und tatsächliche oder mutmaßliche Todesumstände von Männern dokumentiert waren, die den Namen trugen, der auf dem Testament stand, aber das hatte keine Sicherheit gebracht. Nur weitere Vermutungen und unlösbare Fragen. Zum Titel |