 |  |  Peter Sager – SchottlandProlog: Der Schicksalsstein
Am 15. November 1996 hielt ein Landrover mit einer englischen Eskorte auf der Brücke über den Grenzfluß Tweed bei Coldstream. Von der anderen Seite näherten sich die Trommler und Dudelsackpfeifer des 1. Bataillons der Argyll and Sutherland Highlanders, zu den Klängen der eigens für diesen Anlaß komponierten Melodie »The Return of the Stone«. Tatsächlich lag in dem Landrover ein Stein, der an diesem naßkalten Freitagmorgen übergeben wurde, feierlich wie der Sarg bei einem Staatsbegräbnis. Ein paar hundert Zuschauer schwenkten ihre blau-weißen Fähnchen, als die King’s Own Scottish Borderers die Eskorte des Landrovers übernahmen. Am St. Andrew’s Day hielt der ominöse Stein Einzug in Edinburgh. Dort ist er seither im Crown Room der Burg zu besichtigen: The Stone of Scone.
Auf diesem mehr als drei Zentner schweren, blaßgelben Sandsteinblock waren seit dem Jahre 839 alle schottischen Könige inthronisiert worden, bis Edward I. Schottland 1296 eroberte, den Krönungsstein nach London schaffte und unter dem englischen Thron in Westminster Abbey deponierte. Dieses sichtbare Zeichen der Unterwerfung rückten die Sieger nicht wieder heraus. Genau 700 Jahre später – die Schotten hatten ihren ›Schicksalsstein‹ nie vergessen, den Engländern war er nur noch lästig wie ein Gallenstein –, im Juli 1996 kündigte Premierminister John Major im Parlament die Rückgabe des Stone of Scone an. Ein schamloses Wahlmanöver, kommentierte Neal Ascherson: »The Scots asked for a parliament, und John Major gave them a Stone.« Es war ein Kabinettstück politischer Symbolik, mit bizarren Reaktionen. Alex Salmond, Führer der Scottish National Party (SNP), forderte von den Engländer sogleich die Rückgabe weiterer ›Beutestücke‹: die Schachfiguren von Uig und das »Book of Deer«, eine Miniaturenhandschrift mit frühen gälischen Texten. Indes ein gewisser Jim Brunton aus Edinburgh in einem Leserbrief an den INDEPENDENT vorschlug, den Stein von einem Hubschrauber aus in die tiefste Stelle des Loch Ness zu werfen: »With luck, it might brain the Monster and so kill two Scottish myths with one stone.«
Am 12. Mai 1999, erstmals seit der Union von 1707, tagte wieder ein schottisches Parlament in Edinburgh, ein Regionalparlament mit begrenzter Befugnis. Jeder der 35 Abgeordneten der Nationalpartei trug eine weiße Rose im Knopfloch, zur Erinnerung an die Worte des Dichters Hugh MacDiarmid: »Ich bitte nur um die kleine weiße Rose Schottlands, die scharf und süß riecht und mir das Herz bricht.« Was aber den ominösen Stein angeht, der aus England zurückgekehrt war wie aus Babylonischer Gefangenschaft: Da er als Eigentum der Krone gilt, werden ihn die Schotten bei Bedarf nach Westminster Abbey ausleihen, sollte es denn noch zur Krönung von Charles III. kommen. Zum Titel |