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Rolando Sánchez Mejías: Geschichten von OlmoRolando Sánchez MejíasLeseprobe

Rolando Sánchez Mejías – Geschichten von Olmo

Olmo war älter geworden. Oder jünger. Das war schwer zu beurteilen. Um den Hals hatte er sich einen mausgrauen Schal geschlungen. Er sagte, ihm sei kalt, er schreibe an einem Buch, doch die Kälte lasse ihn nicht schreiben. In Havanna habe die Hitze ihn fünfzehn Jahre lang nicht schreiben lassen, und jetzt sei es die Kälte, die es sich zur schändlichen (so sagte er) Aufgabe mache, ihn am Schreiben zu hindern. Trotzdem habe er eine Reihe von kurzen Geschichten schreiben können. Und präzisierte:
»Sehr kurzen.«
»Wie kurz?« fragte ich und sah ihn, eingewickelt in diesen schrecklichen Schal, zittern.
Er hielt mir ein paar seiner kurzen Geschichten hin. Ich las sie und sah verblüfft, daß sie den meinen ähnelten wie ein Ei dem anderen.
»Sie ähneln den meinen«, sagte ich freiheraus.
»Ich würde sagen, Ihre ähneln den meinen«, parierte er. »Ich habe sie zuerst geschrieben.«
Da erinnerte ich mich. Tatsächlich hatte er immer wieder von einem Buch mit kurzen Geschichten gesprochen, die zu schreiben er schließlich aufgegeben habe. Er gab mir sogar ein paar Notizen und Skizzen. Ich dagegen hatte ihm sehr wohl eine Kopie meines unveröffentlichten Buchs gegeben. Andererseits mußte man seine sonderbare Vorstellung von den Akzidenzien der Zeit und demnach der Literatur in Rechnung ziehen. Olmo argumentierte, die Literatur sei Eine Einzige, und wir seien lediglich die Gehilfen eines Gottes, der uns wie Sklaven ein Einziges Buch schreiben lasse, das Er, thronend wie ein Pascha, diktiere.
Er sah die wachsende Ungeduld in meinem Gesicht und sprach feierlich die Worte von Gertrude Stein:
»In einer Familie kennt jedes Mitglied die anderen. In einer Familie kennen sich alle Mitglieder untereinander. Nicht alle Mitglieder einer Familie wissen, was ein anderes Mitglied dieser Familie gerade tut oder wiedertut.«
Ich habe Olmo nicht mehr gesehen. Es wird gemunkelt, er sei nach Mexiko gegangen, nicht in die Hauptstadt, sondern nach Puebla (Handel mit Kunsthandwerk), oder nach Miami, wo er sich von Verwandten aushalten lasse. Ein anderer Landsmann, der das kubanische Konsulat über die Wanderschaft der Exilschriftsteller informiert, sagte mir, Olmo habe sich scheiden lassen und eine Frau aus Bayern geheiratet. Die Bayerin habe ihn in ein kleines Dorf in Süddeutschland geholt, wo sie nun abends den Schneeflocken zuschauten, Zeitung läsen und einen Kinderwagen schöben.
Doch ich mißtraue solchen Informationen. Manchmal, wenn ich über die Rambla schlendere, glaube ich meinen Mann zu erkennen, oder ich höre ein Tuscheln im Ohr, als hätte mich ein Engel mit einem Flügelstumpf gestreift. Kaum drehe ich mich um, ist er nicht mehr da.
Einmal sagte er zu mir:
»Wenn ich nicht da bin, dann nicht, weil ich gegangen wäre. Manchmal komme und gehe ich. Oder ich fliege. Schlimmstenfalls fliege ich.«
Und bestenfalls? Weiß der Himmel, was bei diesen Typen bestenfalls passieren konnte.

Geschichten von Olmo

Schriftsteller

Olmo begegnet einem Schriftsteller, der sich damit brüstet, nicht zu schreiben. »In zwanzig Jahren keine Zeile!« sagt der Schriftsteller und knirscht mit den Zähnen vor Olmos Nase. Der Schriftsteller reißt ein Stück Papier aus dem Heft, kritzelt etwas und gibt es Olmo: »Das ist das einzige, was es von mir geben wird!« Der Schriftsteller zündet sich eine Zigarette an und sagt, schon etwas ruhiger: »Ich hätte einen Preis verdient für mein Schweigen.« Er raucht und flüstert: »Aber ich würde den Preis nicht annehmen.« Er betrachtet den Rauch der Zigarette: »Oder zur Verleihung nicht hingehen.«

Enttäuschung

Olmo kommt niedergeschlagen nach Hause, setzt sich aufs Sofa und erklärt, daß er enttäuscht ist von der Sprache. Die Wörter, erklärt er, taugten nichts mehr:
»Was ist das Wort Kürbis wenn nicht ein hohler Kürbis?«
Außerdem sagt er über die Sprache:
»Zugegeben, sie ist eine Treppe, um zu den Dingen hinaufzusteigen. Aber eine schadhafte Treppe. Du gehst hinauf und fällst herunter.«
Er sieht wirklich niedergeschlagen aus. Da kommt Olmos Großmutter auf die Idee, ihm ein Wiegenlied zu singen, und Olmo schläft ein und hat einen wunderschönen Traum in einer Welt ohne Wörter.

Gebrauchsanweisung zum Hinuntersteigen einer Treppe

Olmo stellt eines Morgens fest, daß er nicht weiß, wie man eine Treppe hinuntersteigt. (Er weiß, wie man sie hinaufsteigt. Er hat eine Gebrauchsanweisung zum Hinaufsteigen einer Treppe gelesen. Aber er weiß nicht, wie man sie hinuntersteigt.) Olmo weicht erschrocken zurück und sucht im Regal nach einer Gebrauchsanweisung zum Hinuntersteigen einer Treppe. Er findet keine. Dafür findet er ein Buch über pakistanische Küche und macht sich ein Curry-Omelette, etwas angebrannt zwar, aber ansonsten nicht schlecht.

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