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Arthur Phillips: PragArthur PhillipsLeseprobe

Arthur Phillips – Prag

John Price brauchte zu seiner Entscheidung, von Los Angeles nach Ungarn zu emigrieren, acht Minuten. Als er die Karte seines Bruders zum zweitenmal las, spürte er, daß ihre Zeit endlich gekommen war. Ein Zeitungsartikel fiel ihm ein, in dem Ungarns wachsendes »Potential« gelobt wurde, und auf seinen baldigen Austritt aus dem Komitee, das die Olympischen Spiele 2008 nach Los Angeles bringen sollte, für das er fehlerhafte Pressemitteilungen getippt und Fotokopien von seinem Hintern gemacht hatte, freute er sich schon im voraus.
Eingestehen mußte er sich allerdings, daß Scott ihrer Wiedervereinigung gegenüber bestenfalls zwiespältige Gefühle hegen werde. Er, John, hatte ihn auch früher schon aufgespürt, um ein elementares brüderliches Band zu knüpfen. Hoffnungsfroh und gespannt war er zweimal in Scotts Studentenwohnheim aufgetaucht. Dann in dessen winzigem Apartment in San Francisco. Dann auf dem Fischerboot, auf dem Scott gerade nach Alaska schippern wollte. Dann in Portland. Und in Seattle. Und jedesmal hatte Scott ihn sarkastisch, ja amüsiert, abblitzen lassen und zusammengestaucht (auch als er selbst schon an Umfang deutlich abnahm).
Zu Johns stets neuem Erstaunen glaubte Scott immer noch, daß ihre banal unerfreuliche Kindheit eine Rolle gespielt hatte und aus irgendeinem Grunde immer noch eine spielte und daß vor allem – nie ausgesprochen, aber sonnenklar – Scott Opfer ihrer Familie war, während John zu der herrschenden Unterdrücker-Junta selbst gehörte, und diese Ansicht konnte John weder zerstreuen noch begreifen. Jedesmal, wenn er wütend und geschlagen nach L.A. zurückkam, brauchte er ein paar Monate, bis er sich wieder davon überzeugt hatte, daß es diesmal anders sein werde, daß nun genug verheilt sei, daß die Brüder nun eine Zukunft haben würden.
Und jetzt Budapest. Nach den vielen Fehlstarts würden sie alles Alte und Häßliche abschütteln und sich in ihrem gegenseitigen Glanz sonnen. In dieser sagenhaften Stadt, weit von allen familiären Dingen entfernt, würden sie sich an der Vergangenheit vorbeigraben und zu dem elementaren Etwas durchbrechen, das John ganz und stark machen würde, unverletzlich und weise. Alte Mauern würden fallen und gepflegte Gärten dahinter zum Vorschein kommen.
Weil John seine Ankunft nicht zu deutlich, aber zart ankündigen wollte, gedachte er eine Woche nach einem ausführlichen Brief mit differenzierten Erklärungen in Budapest aufzutauchen. Aber er hatte das nachkommunistische Engagement der Post überschätzt. Eines Mittwochabends klopfte er an Scotts Tür in Buda, den fragilen Optimismus des allzuoft Enttäuschten auf dem Gesicht, und stand nur Überraschung und Wut gegenüber, die alarmierend um die Vorherrschaft kämpften. »Hm«, brachte Scott heraus und betrachtete das vom Maimondlicht umflossene Koffer- und Umhängetaschenset. »Und wo wohnst du?« Das Gespräch an dem Abend zerbröselte und versickerte. Beide waren nicht zu den Scherzen aufgelegt, die es am Laufen gehalten hätten. Scott ließ John zweimal die Geschichte erzählen, wie er seine Adresse herausgefunden hatte.
Und nun, acht Tage später, stand John, einen weiteren Nachmittag sich selbst überlassen, oben auf dem Hügel, wo sein Bruder wohnte, beobachtete, wie Pest in einem Dunstschleier verschwamm, und ging zurück ins Haus, um sich wieder einmal in einer öden, karg möblierten Wohnung von Scott auf dem Boden auszustrecken. Er überlegte, ob er nach Hause zurückkehren und um seinen alten Job bitten sollte; bis zu den Olympischen Spielen waren es immerhin noch achtzehn Jahre. Er dachte aber auch an Emily Olivers Lachen, und obwohl er sie kaum kannte, bewunderte er, daß sie (im Gegensatz zu seinem trostlosen Bruder) nichts verbarg, sich allem stellte und, wie er selbst, der Welt entgegentrat als Ort, der vor Möglichkeiten strotzte. Emily war Grund genug, hierzubleiben. Und dann rutschte die Post für Scott durch die Tür und klatschte auf den Boden. John öffnete seinen eigenen Brief aus L.A., las seine guten Absichten und peinlich vorsichtig formulierten Hoffnungen und stopfte ihn in seinen Koffer.

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